Efeu - Die Kulturrundschau

Umfeld der verfeinerten Schöngeister

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08.10.2016. Literaturkritiker, mehr Streit, weniger gepflegter Relativismus, ruft die NZZ ihren Kollegen zu. Die SZ besucht das Berliner Staatsballett. Die taz staunt über die Vitalität und Unbekümmertheit der Istanbuler Kunstszene. In der Welt berichtet Hans Christoph Buch vom Literaturfestival in Odessa. In der FAZ erklärt Teju Cole:  Schwarz ist immer noch die Farbe der Benachteiligung.

Literatur

Die Literaturkritik regt nicht mehr zum Denken an, sie ist faul und behäbig geworden, ruft Roman Bucheli in der NZZ: "Es ist längst aus der Mode gekommen, das Buch als ein bald subtiles, bald rustikales Instrument im kulturellen, politischen, gesellschaftlichen Kampf zu verstehen (weil das Buch selbst es verbietet, als Bekenntnis für dies oder jenes gelesen zu werden). Selbst ein solches Vokabular kann in einem Umfeld der verfeinerten Schöngeister eher mit Unbehagen als mit Zustimmung rechnen. Die Kritik ist weit davon entfernt, solche veränderten Verhältnisse und den Umgang damit zu problematisieren. Lieber eiert der Kritiker heute mit gepflegtem Relativismus herum: Jedes Werk soll an den Kriterien gemessen werden, die es gleichsam selber vorgibt. Aber wie soll das wiederum gehen in einer Zeit, da der Kanon verloren ging und Maßstäbe an keiner Tradition mehr geeicht werden können?"

Hans Christoph Buch war für Welt beim Literaturfestival in Odessa und stellt fest, dass Schriftsteller "nicht unbedingt klüger sind als die Politiker, deren Nichtstun sie wortreich beklagen, und guter Wille allein dämmt den Populismus nicht ein, der derzeit den Kontinent überschwemmt. In ihrer Anklage gegen das Versagen Europas in der Flüchtlingspolitik vergaß die Tunesierin Meriam Bousselmi, vor der eigenen Haustür zu kehren: Afrikaner, die den Todesmarsch durch die Sahara überleben, werden in den Maghreb-Staaten diskriminiert, ausgeraubt oder vergewaltigt, ehe sie auf lecken Booten erneut ihr Leben riskieren."

Im Gespräch mit der FAZ zieht der in Nigeria aufgewachsene amerikanische Autor Teju Cole, dessen Essaysammlung "Vertraute Dinge, fremde Dinge" dieser Tage erscheint, Bilanz der Präsidentschaft Barack Obamas: "Ein Schwarzer kann Präsident der Vereinigten Staaten werden? Toll, aber ich bin in einem Land aufgewachsen, in denen die Präsidenten immer schwarz waren. Nein, das Leben der Schwarzen hat sich in den letzten Jahren nicht verändert. Noch immer sind die meisten Leute, die wegen Nichtigkeiten ins Gefängnis wandern, schwarz. Nach wie vor ist Schwarz die Farbe der Benachteiligung." Für den Standard hat sich Dominik Kamalzadeh mit dem Schriftsteller unterhalten.

In der NZZ stellt Felix Philipp Ingold den Schweizer Dichter Pierre Chappuis vor, der in einer "bescheidenen, ja unansehnlichen" Broschüre mit viel Weißraum eine Handvoll neuer Gedichte veröffentlicht hat: "Was sich so leicht darbietet, ist ein gewichtiges Alterswerk von staunenswerter Form- und Ausdruckskraft, streng strukturiert in seiner Gesamtheit (je drei Gedichte in vier Sektionen, dazu ein Auftakt und ein Finale in lyrischer Prosa), präzise ausgearbeitet in jedem Detail und auf allen Textebenen - von der Typografie über die hochkomplexe Syntax bis zur Metaphorik."

Weiteres: In der Welt gratuliert Richard Kämmerlings der britischen Autorin Zadie Smith zum Welt-Literaturpreis. Außerdem ist eine Erzählung Smiths abgedruckt. Und der argentinische Schriftsteller Cesar Aira spricht im Interview über die Pampa, Autoficción und Liebe. Der Satiriker Andreas Thiel warnt in der NZZ vor den fatalen Auswirkungen des grassierenden Argwohns und der Korrektheit auf den Humor. Edmund de Waal unterhält sich übers Töpfern und sein neues Buch "Die weiße Straße". Im Tagesspiegel sieht Pascale Hugues die enttarnte Elena Ferrante als "Opfer einer Hetzjagd". Tazlerin Christiane Müller-Lobeck unterhält sich mit der auf historische Kriminalromane aus Südafrika spezialisierten Schriftstellerin Malla Nunn. Und Patricia Hecht spricht mit der Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger, die ihren 80. Geburtstag feiert.

Besprochen werden u.a. Anthony Powells "Ein Tanz zur Musik der Zeit" (taz)und Kathrin Schmidts "Kapoks Schwestern" (taz).
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Kunst


Ahmet Ögüt, Bakunin's Barricade, 2014/2016 Courtesy of the artist and Aslı and Ali Kerem Bilge. Derzeit zu sehen im Alt Art Space in Istanbul

Tazler Ingo Arend kann kaum glauben, wie vital und übermütig sich die junge Kunstszene Istanbuls wenige Wochen nach dem gescheiterten Putsch und den drakonischen Gegenmaßnahmen der Regierung zeigt: "Dass die Kunst in der Türkei derzeit noch einigermaßen unbehelligt agieren kann, liegt daran, dass sie keine wirklich kritische Masse abgibt. Das mag eine narzisstische Kränkung für eine Szene sein, die sich gern als das Salz in der Suppe der Gesellschaftsveränderung sieht. Aber der türkische Staat hat derzeit anderes zu tun, als eine Handvoll Galerien zu überwachen. 'Die müssen das Militär und die Justiz umbauen', winkte Erol beim Frühstück im Intellektuellencafé Kaktüs in der Freien Republik Cihangir ab".

Weiteres: Die FAZ würdigt Jimmie Durham, der heute den Kaiserring der Stadt Goslar erhält, mit einem Auszug aus dessen Essay "Ein Freund von mir sagte, Kunst sei eine europäische Erfindung".

Besprochen werden Rosa Barbas Rotunden-Installation in der Schirn (FR) und die Ausstellung "Sprache: Welt der Worte, Zeichen, Gesten" im Hygienemuseum in Dresden (SZ).
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Architektur

In der Welt ist Dankwart Guratzsch entsetzt über den unsensiblen Umgang ausgerechnet der Kirchenoberen mit Kirchenbauten hierzulande. In der NZZ gratuliert Roman Hollenstein dem japanischen Architekten Junya Ishigami zum wohlverdienten BSI Swiss Architectural Award. Im ZeitMagazin stellt Carolin Würfel den wagemutigen bolivianischen Architekten Freddy Mamani Silvestre vor.
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Film

Besprochen werden Stephen Dunns queeres Regiedebüt "Closet Monster" (ZeitOnline, critic.de), Danièle Thompsons "Meine Zeit mit Cézanne" (Tagesspiegel, Welt) und Leyla Bouzids "Kaum öffne ich die Augen" (Freitag).
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Stichwörter: Queer, Cezanne

Musik

SZler Andrian Kreye gratuliert der Musikerin Norah Jones zur "neuen Festigkeit in ihrer Stimme", die auch dazu beiträgt, dass Jones' neues Album "Day Breaks" ihr erstes ist, das ihm nicht auf die Nerven geht. Für die Welt trifft sich Josef Engels mit Jones. In der NZZ würdigt Adam Olschewski die Notwists. Für Pitchfork spricht Britt Robson mit den Jazzmusikern Vijay Iyer und Rudresh Mahanthappa. Zum Bedauern von Lars von Törne ist das von Joan Cornellà gezeichnte Cover des neuen Album von Wilco bei weitem nicht so herrlich bösartig wie die sonstigen Arbeiten des spanischen Comiczeichners.

Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Bernard Haitink (Tagesspiegel), das neue Ambientalbum von The Caretaker (Pitchfork) und ein Liveauftritt von Torch (taz).
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Bühne

Nach den Protesten am Berliner Staatsballett hat sich Dorion Weickmann beim Ballettnachwuchs umgesehen und dabei festgestellt: Die Jungen sind anders, weniger autoritätshörig als die vorangegangene Generation. Die Jugend "mobilisiert die Öffentlichkeit über das Smartphone, verschickt Botschaften via Twitter und Instagram, und das aus dem laufenden Probenbetrieb. Kein Ballettmeister hätte sich vor zehn Jahren Derartiges bieten lassen. Der Wandel lässt sich auch in der Ausbildung ablesen. Lange übten sich Akademien für klassischen Tanz vor allem in der Disziplinierung ihrer Zöglinge. Heute bilden sie mündige Künstler aus. Anders ist weder das Hochleistungspensum zu bewältigen noch der Übergang in einen gnadenlos strapaziösen Beruf mit radikal veränderten Anforderungen."

Weiteres: Der Bayerische Rundfunk befasst sich in einem Radiodeature damit, wie Schauspieler sich der Darstellung des Sterbens nähern.

Besprochen werden Robert Borgmanns Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" an der Deutschen Oper Berlin (Welt), die von Jean Paul Gaultier ausgestattete Revue "The One" im Friedrichsstadtpalast in Berlin (Welt) und Verena Stoibers Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" in Graz (Standard).
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