9punkt - Die Debattenrundschau

Aus Sexismus wurde Differenz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2016. Wer im Internet anonym unterwegs ist, darf in der Öffentlichkeit kein Burka-Verbot fordern, meint der Jurist Christoph Möllers in der SZ. Die kanadische Feministin Louise Mailloux wendet sich in ihrem Blog gegen das Kopftuch in Schulen. In der taz fordert die  Historikerin Anna Hajkova  eine "queere Geschichte des Holocaust ".  Günther Oettinger verteidigt in der FAZ das europäische Leistungsschutzrecht für Presseverleger.

Gesellschaft

Der Jurist Christoph Möllers erklärt in der SZ, warum ein Verbot von Burka und Niqab seiner Ansicht nach nicht verfassungsmäßig wäre. Eins seiner Argumente: Dass man dem anderen im Gespräch sein Gesicht zeigt, sei auch bei uns nicht mehr üblich. "In einer Welt, in der ein Großteil der demokratischen Öffentlichkeit im Internet (man darf gerne hinzufügen: leider) anonym stattfindet, scheint für viele Teilnehmer am demokratischen Diskurs gerade ihre Anonymität - und das bedeutet auch Gesichtslosigkeit - Bedingung ihrer Freiheit zu sein. Wenn wir De-Anonymisierung zur Bedingung der Demokratie machten, müssten wir eine allgemeine Pflicht zur öffentlichen Selbstidentifizierung einführen und dazu nicht nur eine einzelne sozial schwache und unbeliebte Gruppe aussondern."

Interessant ist es, den Standpunkt der kanadisch-französischen Feministin Louise Mailloux über Burkini und Kopftuch zu lesen - im multikulturellen Kanada ist das Kopftuch auch an Schulen zugelassen, auch im frankophonen Quebec. In ihrem Blog schreibt sie: "1978 hatte die Regierung ihre Schulbuch-Politik noch im Hinblick auf den Sexismus modifiziert, um jede Referenz auf sexistische Stereotypen zu tilgen und die Gleichheit der Geschlechter zu fördern. Während wir heute unsere Kinder dem Sexismus des Hidschab der Lehrerinnen und Erzieherinnen aussetzen, die im Namen der Öffnung für die Differenz verschleiert sind. Aus Sexismus wurde Differenz. Das ist der Punkt, an dem wir nach vierzig Jahren feministschem Kampf angekommen sind."

Der Erfolg der AfD ist doch nur ein "Schrei nach Aufmerksamkeit", meint die Religionspädagogin Lamya Kaddor auf Zeit online. Deren Wähler sind nicht schlecht, versichert sie, sondern verunsichert von all den Veränderungen. Ihre Empfehlung: "Wir brauchen einen klaren Schnitt im politischen Diskurs. Reden wir mit Anhängern von Rechtspopulisten nicht mehr über Asyl oder Islam, sondern über materielle Absicherung, persönliche Probleme und Empowerment!"
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Medien

Chris Spillane und Alex Spence von politico.eu (das zum Teil dem Leistungschutzrecht-Lobbyisten Springer gehört) schreibt über die europäische Urheberrechtsreform und haben mit einigen Zeitungsleuten zum geplanten europäischen Leistungsschutzrecht für Presseverleger gesprochen: "Ein britischer Manager sagte, es sei 'eine gute Nachricht, dass die Kommission unsere Investition in Journalisten anerkennt, fügte aber hinzu, dass das 'Leistungsschutzrecht' (neighbouring right) den Umsatz der belagerten Zeitungen nicht unbedingt ankurbeln wird. 'Das Recht gibt den Verlegern ein Instrument, aber die schiere Größe und Dominanz von Google macht es sehr schwer, zu einem günstigen Hebel zu finden, es sei denn, die Verleger schaffen es als Block zu verhandeln. Das ist im Moment noch nicht klar."

In Wirtschaftsteil der FAZ behauptet EU-Kommissar Günther Oettinger im Gespräch mit Hendrik Kafsack, die Kritiker würden sein von der Zeitungslobby vorangetriebenes Leistungsschutzrecht nicht verstehen. Tatsächlich es es nur zu verständlich: Google und alle kommerziellen Anbieter sollen für Zitat-Snippets künftig an die Zeitungen zahlen. Snippets wie Artikel sollen zwanzig Jahre lang geschützt werden: "Findet der Vorstoß die nötige Unterstützung von Europaparlament und Ministerrat, müsste künftig jeder kommerzielle Nutzer mit den Verlagen über den dafür zu zahlenden Preis verhandeln." Für den Perlentaucher würde das bedeuten: die zeitungsübergreifende Darstellung von Debatten wird unmöglich.
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Geschichte

Die Historikerin Anna Hajkova fordert in der taz eine "queere Geschichte des Holocaust ". Auch die weibliche Perspektive gehört für sie dazu: "Primo Levi und Liana Millu, zwei italienische jüdische Auschwitz-Überlebende, schrieben kurz nach dem Krieg ihre Erinnerungsbücher. Levis Text wurde über die Zeit zum wohl wichtigsten Zeugnis des Holocaust, neben Elie Wiesel oder Tadeusz Borowski. Millus 'Rauch über Birkenau' erschien in deutscher Übersetzung erst 1998 und erfuhr dann auch die verdiente Anerkennung. Aber bis heute wird ihr Buch, wie auch Charlotte Delbos, als Dokument einer weiblichen Erfahrung gelesen, während Levis Werk als universal gültige, nicht geschlechtlich markierte Geschichte rezipiert wird."
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Europa

Die EU-Kommission will anonymes Online-Bezahlen abschaffen und die Daten jahrelang speichern, meldet Constanze Kurz in der FAZ: "Die Pläne zur technischen Überwachung nehmen in einem Maße zu, dass die Vorschläge kein Innehalten und Nachdenken darüber mehr zulassen, ob wir uns nicht verrennen in eine alles erfassende Überwachungsgesellschaft."
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Kulturpolitik

Alles in allem haben es Michael Müller und sein Kulturstaatssekretär Tim Renner mit der Kulturpolitik in Berlin gar nicht so schlecht hinbekommen, findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: Die Stadt verändert sich und die Kulturpolitik spiegelt das wider. Für Touristen (und die Stadtkasse) ein Traum, für die Einwohner ist es schwieriger: "Das durch Kultur und Kreativwirtschaft mit generierte schnelle Wachstum lässt eine Stadt entstehen, auf die man dann doch nicht mehr so stolz ist, weil sie den Menschen zur Last fällt, die in ihr leben, in einem Stadtraum, der ihnen zu teuer und zu schäbig zugleich wird und ihre Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt. Man spürt es an vielen Stellen, zumal in den kulturellen Einrichtungen der Stadt. Ein Wandel geht vor sich, Unsicherheit herrscht. Verteilungskämpfe deuten sich schon an zwischen der neuen Volksbühne, dem Hebbel am Ufer, den Berliner Festspielen...""