Efeu - Die Kulturrundschau

Das absolute Bei-sich-Sein

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2016. Im Standard spricht Mathias Enard über seinen Roman "Kompass" und empfiehlt Orient-Liebhabern die Literatur gegen eventuelle Reisekrankheiten. In der Welt spaziert Marcel Beyer durch eine literarische Anspielung. Bei den Filmfestspielen in Venedig stößt Francois Ozons Liebesgeschichte "Frantz" auf ein geteiltes Kritikerecho. Die FAZ empfiehlt den Freunden von Kirchen-Couture Paolo Sorrentinos "The Young Pope". Außerdem rühmt sie die diamantharten Novellen der Cynthia Ozick. Nicht recht überzeugt sind die Kritiker von Johan Simons Kamel-Daoud-Adaption "Die Fremden" bei der Ruhrtriennale.

Bühne


Die Fremden übergroß. Foto: JU/Ruhrtriennale

Für die Ruhrtriennale hat Johan Simons hat Kamels Daouds Roman "Der Fall Meursault" multimedial in der stillgelegten Zeche Auguste Victoria inszeniert. Sehr eindrucksvoll muss der Moment sein, wenn die imposante Kohlenmischmaschine im Hintergrund in Bewegung gerät und die Schauspieler der gähnenden Leere einer Industriehalle überlässt: Alle Kritiker beginnen ihre Texte mit einer Beschreibung dieser Passage. Überzeugt sind sie von dem Abend allerdings nicht so recht: In der FAZ sieht Malte Hemmerich in dem von Film, Musik und Schauspiel bestrittenen Abend eine "überladene Ansammlung aller möglichen Einfälle". Dafür mangle es an der "Aura der Authentizität. ... Das verkopfte Theaterstück, das Simons für Marl erfand, ist, nicht zuletzt durch die Musiken, der Gesamtheit europäischer Traditionen verpflichtet. Das ist nur ehrlich und natürlich, aber gleichzeitig geradezu absurd!"

Auch Sonja Zekri in der SZ winkt eher ab: Der Regisseur betreibe "verträgliche Ideologiekritik", was insbesondere Daouds direkter und Camus' indirekter Vorlage "Der Fremde" nicht gerecht werde. "Camus verweigerte sich während des Algerienkriegs der moralischen Erpressung durch die politische Linke und riskierte den Vorwurf der Ungerechtigkeit. Daoud kritisiert den Islam und wird damit zum Darling des Westens. Simons interessiert daran jeweils nur der erste Teil.... Und da verkehrt sich die ausgestellte Toleranz des Stückes in ihr Gegenteil: Wer im Westen kein Fremder bleiben will, der muss Religionskritik leisten - wie Daoud." Sascha Westphal bezeugt in der Nachtkritik derweil "kleine Meisterwerke der Verfremdung, die sich zu einem großen Panorama der Verunsicherung zusammenfügen."

Weiteres: Die Nachtkritik bringt einen Essay von Tobias Rausch und Ruth Feindel über das Recherchetheater.

Besprochen werden die Uraufführung von Michel Roths Operette "Die Künstliche Mutter" in Luzern (NZZ), neue Bücher über Castorfs Volksbühne (taz), Alain Platels bei der Ruhrtriennale gezeigtes Mahler-Projekt "nicht schlafen" mit einem Bühnenbild von Berlinde De Bruyckere (SZ) und Omar Abusaadas beim Basler Theaterfestival gezeigte Inszenierung von Mohammad Al Attars "Während ich wartete" (FAZ).
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Film


Pierre Niney und Paula Beer in François Ozons "Frantz"

Halbzeit in Venedig - noch sind die Favoriten rar gesät. Einer davon ist nach Ansicht von Andreas Kilb in der FAZ "Frantz", François Ozons Neuverfilmung von Ernst Lubitschs 1932 entstandenem "Der Mann, den sein Gewissen trieb", eine unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg spielende Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einem Franzosen. In der taz war Tim Caspar Boehme begeistert von diesem "virtuosen Melodrama, das große Gesten nicht scheut, ohne sie zynisch dem Klischee preiszugeben." Für kino-zeit.de spricht Anna Wollner mit dem Regisseur.

Aber es gibt auch Gegenstimmen. Thomas Steinfeld wirft in der SZ Film samt Regisseur eine "arge Verharmlosung des Nationalismus" vor. Außerdem behandle Ozon "sein Sujet etwas brav", meint Christiane Peitz im Tagesspiegel, die ansonsten viel Spaß hatte an den ersten zwei Folgen von Paolo Sorrentinos neuer Serie "The Young Pope", für die Jude Law in die Rolle des Stellvertreter Gottes auf Erden geschlüpft ist: Das sei "herrlich respektlos", schreibt sie. Ekkehard Knörer findet das dagegen auf Cargo "meistens nur doof. Und nie scharfsinnig, durchdacht oder zwingend", was es dem Kritiker gestattet, Sorrentino als derzeit heißestem Eisen des italienischen Arthauskinos einmal gründlich dessen Schwächen aufzuzählen ("Stärken: Naja."). Auch FAZler Andreas Kilb bleibt unterwältigt: "Sorrentino hat keinen Papstfilm gedreht, er hat nur auf teure und prunkvolle Weise mit der Idee gespielt, es zu tun. Die Figur, die er Jude Law auf den Leib geschrieben hat, ist so nebulös, dass sie sich in Luft auflöst, sobald sie aus dem Bild verschwindet. So ist 'The Young Pope' vor allem ein Erlebnis für Freunde von Kirchen-Couture."

Aus Venedig berichten außerdem kino-zeit.de und der Filmdienst. Rüdiger Suchsland von Artechock ist unterdessen seit Tagen verstummt.

Weiteres: Auf Jugend ohne Film denkt Patrick Holzapfel über den Gebrauch von Filmfarbe in Robert Bressons "Quatre nuits d'un rêveur" nach.

Besprochen werden Eiichi Yamamotos Animationsfilm "Belladonna of Sadness" (SZ, unsere Kritik hier) und Al Pacinos auf DVD veröffentlichter Film "Mr. Collins' zweiter Frühling" (SZ, kino-zeit.de).
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Literatur

Im Standard-Interview mit Ruth Renée Reif spricht der französische Schriftsteller Mathias Enard über seinen Roman "Kompass", und über den Orient als Traum und Wahn: "Im Traum verändert sich die Wirklichkeit. Und manche Krankheiten bewirken in der Wahrnehmung genau diese Verschiebung der Wirklichkeit, wie sie sich im Traum vollzieht. Wenn man ein Land bereist, von dem man jahrelang geträumt hat, und die Wirklichkeit stimmt nicht mit dem Traumbild überein, dann fühlt sich das ein wenig so an, als würde man krank werden. Genauso ist es, wenn man lange an einem Ort bleibt, sich dem Leben dort völlig hingibt und diesen Traum mit allen Sinnen lebt. Die Rückkehr zur Wirklichkeit gestaltet sich in der Folge äußerst schwierig. Es gibt Reisekrankheiten, von denen vor allem die Orientreisenden heimgesucht wurden."

In diesem Jahr erhält Marcel Beyer den Büchner-Preis, im vorigen Jahr war er noch ein Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Dort hat er gelernt, wie die Stadt Wirklichkeit und Literatur zugleich ist, wie er in der Welt erzählt: "Rom ist ein längst von unzähligen anderen, das heißt von keinem heute mehr identifizierbaren einzelnen Autor, also im Grunde von niemandem geschriebenes Stück Literatur und insofern von der Wirklichkeit ununterscheidbar, ganz gleich, welche Perspektive man einzunehmen versucht."

In der FAZ schreibt die Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein über die amerikanische Schriftstellerin Cynthia Ozick, die für sie eine Art transatlantisches Pendant, aber auch Gegenstück zu ihrem etwa gleichaltrigen Schriftstellerkollegen Martin Walser darstellt. In Ozicks Büchern gehe es "um die Erotik der Kreativität, um das absolute Bei-sich-Sein im Augenblick der Explosion, wenn intensivstes Empfinden Sprache wird ... Ozick ist in vielem Walsers literarisches Double und in vielem sein Gegenteil: selbstkritisch, zurückgezogen, entschieden monogam, kompromisslos intellektuell, ein Buch alle fünf Jahre, nur selten Auftritte, Lesungen, Signierschlangen, keine Interviews aus Gedankenkonserven, keine Leserhuldigungen. Dafür warten die Besten im kleinen Restbestand der analytischen amerikanischen Literaturkritik auf ihre geschliffenen Essays und diamantharten Novellen wie auf Regen in der Wüste."

Weiteres: Kathrin Rögglas Wochenend-Essay über das Stottern ist jetzt online bei der FAZ zu finden.

Besprochen werden unter anderem Georges Perecs wiederveröffentlichter Roman "Die Dinge" (Jungle World) und Colm Tóibíns "Nora Webster" (SZ). Mehr auf Lit21, unserem Metablog zur literarischen Blogosphäre.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jochen Jung über Jan Skacels Gedicht "Ohne Titel":

"Denen hat keiner o Gott
ein Leid angetan
sie rächen sich grausam
..."
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Archiv: Literatur

Musik

In der taz schreibt Lars Fleischmann über das Revival der analogen Musikkasette in der LoFi-, Noise- und Experimentalszene, für die er stellvertretend das Tapelabel Mmodemm vorstellt. Jens Balzer zieht in der Berliner Zeitung Bilanz nach dem Berliner Festival Pop-Kultur, wo es "doch noch einige sehr große Momente" zu erleben gab. In der taz zieht Diviam Hoffmann Bilanz. Beim Gegenfestival Off-Kultur war für die taz unterdessen Andreas Hartmann. Im Tagesspiegel blickt Udo Badelt auf achtzehn Tage Young Euro Classic in Berlin zurück. Manuel Brug interviewt den Musical-Restaurator John Wilson, der mit seinem Orchester auch beim Musikfest in Berlin gastiert. In der Jungle World stellt Sebastian Hachmeyer die bolivianische Metalband Nación vor. In der FAZ gratuliert Hans Zippert Loudon Wainwright III. zum Siebzigsten.

Besprochen werden das Billy-Joel-Konzert in Frankfurt (FR, SZ), der Auftakt des Musikfests Berlin mit Wolfgang Rihms "Tutuguri" (Tagesspiegel) sowie neue CDs von Danny Dziuk und Anna Netrebko (FAZ).
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Kunst

Martin Roth verlässt seinen Posten als Direktor des Victoria & Albert Museums, berichtet Christian Schröder im Tagesspiegel. Schon länger ist bekannt, dass Roth 2017 Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen wird. Mit großem Interesse probiert Ingrid Müller vom Tagesspiegel das neue Digitalangebot des Cooper Hewitt Smithsonian Design Museums in New York aus, das es gestattet, die Exponate mit einem digitalen Lesegerät für einen eigenen digitalen Ausstellungskatalog zu markieren. Die FAZ hat Verena Luekens Bericht von ihrem Besuch bei der Künstlerin Carmen Herrera online nachgereicht.

Besprochen werden die Edmund Kuppel gewidmete Ausstellung in der Akademie der Künste in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Dada Afrika" in der Berlinischen Galerie (FAZ).
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