9punkt - Die Debattenrundschau

George Orwell war optimistisch

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.07.2016. In der NZZ analysiert der Nahostforscher Alp Yenen die staatlich geförderte Gewaltkultur auf den türkischen Straßen. Der Ex-Alphablogger Andrew Sullivan hat sich heute Nacht für das New York Magazine die Rede von Peter Thiel für Trump angehört und fand sie erbärmlich. In der SZ spricht Black-Panther-Veteran und Filmemacher Jamal Joseph über Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA. Der Streit um das Honorar der Sportexperten in ARD und ZDF geht weiter.

Politik

Donald Trump hat gegenüber der New York Times gesagt, dass er als Präsident der Vereinigten Staaten nur Nato-Staaten zu Hilfe eilen würde, die ihre Verpflichtungen erfüllt haben. Jeffrey Goldberg in Atlantic ist alarmiert: "Diese Art zweideutiger Statements - die es in der Republikanischen Partei nie zuvor gab - sind eine Einladung an Putin, noch destruktiver in Nicht-Nato-Staaten wie die Ukraine oder Moldawien einzugreifen und auch direkt in Nato-Staaten - an erster Stelle die baltischen Länder - zu intervenieren."

Der berühmte ehemalige Blogger Andrew Sullivan führt beim New York Mag ein Liveblog von den Nomierungsparteitagen der amerikanischen Parteien - in der Nacht schrieb er zum stark erwarteten Auftritt des Silicon-Valley-Moguls Peter Thiel, der sich bekanntlich für Trump einsetzt: "Thiels Rede war erbärmlich, obwohl ich natürlich seine Verachtung für Identitätspolitik teile. Aber ist ihm eigentlich klar, das er hier zur größten weißen identitätspolitischen Versammlung spricht? Sein einziges Argument für die Wahl eines Neo-Faschisten zum Präsidenten, ist, dass Trump die amerikanische Wirtschaft so tief Abgrund sieht wie auch Thiel es glaubt." Thiel bekannte auf dem Parteitag seinen Stolz, schwul zu sein - vor einigen Wochen wurde noch bekannt, dass er Klagen gegen das Boulevard-Magazin Gawker finanzierte, das ihn einst outete (unsere Resümees).

Black-Panther-Veteran und Filmemacher Jamal Joseph spricht mit SZ-Autor Jonathan Fischer über Polizeigewalt gegen Schwarze in Amerika: "Wir haben in Amerika seit jeher ein Klassenproblem. Die Angst vor dem schwarzen Mann stammt noch aus der Sklaverei, als Schwarze als eine Art gefährliche Tiere galten. Diese Einstellung wurde von Generation zu Generation weitergegeben, und Amerika fand immer neue Wege, aus dem Leiden schwarzer Menschen ein Geschäft zu machen. Nach der Sklaverei dienten Schwarze als billige Arbeitskräfte. Die moderne Plantage ist die private Gefängnisindustrie - und sie ist hochprofitabel."

In der nordchinesischen Stadt Kaifeng lebten einst 5.000 Juden, die vor den Nazis emigriert waren. 500 bis 1.000 Juden sollen noch heute dort leben. Bisher wohlgelitten, werden sie nun plötzlich drangsaliert, schreibt Matthias Messmer in der NZZ. Inzwischen wurde sogar das einzige jüdische Lernzentrum der Organisation Shavei Israel geschlossen "welche sich um Kontaktaufnahme zu 'vergessenen' jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt" bemüht
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Europa

Noch nie war in der Türkei die "Gewaltkultur der Straße" derart intensiv mit der Staatsführung verwoben, meint Alp Yenen, Nahostforscher an der Uni Basel, in der NZZ. "'Allahu akbar' war der Schlachtruf der Massen, und er ging deutlich über das Bekenntnis allgemeiner Frömmigkeit hinaus. ... Fotos zeigen, wie Erdogan-Anhänger sich in Rage hineinsteigern gegenüber jungen Soldaten, denen die Putschisten eine Übung vorgegaukelt hatten. Verletzte und getötete Militärangehörige auf der Bosporus-Brücke zeugen von Gewaltexzessen. Ein sichtlich fanatisierter Mann peitscht mit einem Gürtel Wehrdienstpflichtige aus, die er als Geiseln genommen hat. Wütende Männer prügeln und treten auf blutend am Boden liegende Soldaten ein. Auf einem der Bilder sieht man den halb entblößten Leichnam eines Wehrmannes - daneben posiert ein junger Mann mit dem Handzeichen der Grauen Wölfe."

Die italienischen Banken sind tief verschuldet und müssen möglicherweise gerettet werden - Schuld ist für SZ-Kulturkorrespondent Thomas Steinfeld die deutsche Austeritätspolitik. Aber er sieht im Auf und Ab der italienischen Wirtschaft auch eine italienische Besonderheit: "Sie geht darauf zurück, dass jeder dieser Versuche zur Erneuerung des Landes ein Akt der nachholenden Modernisierung war. Immer ging es darum, aus einer unterlegenen Position heraus zur Avantgarde der Technik und der industriellen Leistungsfähigkeit aufzuschließen."

Außerdem: Barbara Villiger-Heilig besucht für die NZZ die Pariser Banlieues, aus denen die meisten französischen Dschihadisten nach Syrien reisten.
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Internet

Susanne Knaul hat für die taz Yuval Orrs Dokumentarfilm "Down the Deep, Dark Web" über das Netz jenseits des Tor-Browsers gesehen - wo sich eine Menge Perverser, Verschwörungstheoretiker, aber auch Aktivisten aus Diktaturen tummeln: "In einer Szene des Films läuft Yuval Orr über den Alexanderplatz, sieht die Kameras und fragt sich, ob wirklich alles ans Licht muss. 'George Orwell war optimistisch', sagt ein Hacker aus Berlin, der sich im Film 'Schmuggler' nennt und das Gesicht mit Sonnenbrille und Mundschutz verbirgt. 'Aus technologischer Sicht ist es heute viel schlimmer' als Orwells Perspektive für 1984. Wenn es einen Knopf gäbe, der alle Regierungen verschwinden lassen würde, sagt er, 'dann würde ich jetzt sofort auf diesen Knopf drücken'."
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Stichwörter: Dark Web, Tor, George Orwell

Wissenschaft

Meike Laaff portätiert in der taz den Autor Nick Bostrom , der zu Künstlicher Intelligenz forscht und ihre Machtübernahme fürchtet. Laut Experten dauert's aber noch ein bisschen: "Im Durchschnitt sagten sie ihm: Die Chancen, dass Computersysteme im Jahr 2040 so intelligent sind wie Menschen, stehen fifty-fifty. 2070 halten viele für noch wahrscheinlicher. Andere Forscher widersprechen Bostroms Thesen, aber auch generell der Idee, dass dieser Sprung Maschinen je gelingen wird. Was den Philosophen Bostrom zu einer durchaus umstrittenen Figur in der KI-Forschung macht. Aber einer durchaus einflussreichen."
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Medien

Der ehemalige Nationaltorhüter Oliver Kahn wehrt sich rechtlich gegen Medien, die Honorarsummen für seine "Experten"-Tätigkeit beim ZDF genannt hatten, schreibt Jens Twiehaus bei turi2, der sich auf den kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand bezieht: "Er bezeichnet es aus heutiger Sicht als Fehler, für ARD-Experte Mehmet Scholl die Honorar-Summe von 1,6 Millionen Euro pro Jahr genannt zu haben. Die Kress-Quellen hätten 'wohl nicht bedacht', dass Scholl einen Zweijahresvertrag hat. Wiegand bleibt trotzdem bei seiner Meinung, die Honorare der Fußball-Kenner seien 'exorbitant'."

Die NZZ meldet unterdessen unter Bezug auf kress, dass die ARD-Sportexperten Günter Netzer und Gerhard Delling zwischen 2007 und 2010 6,22 Millionen Euro verdient haben sollen, an Netzer sollen dabei 3,85 Millionen Euro gegangen sein, der Rest an seinen Punching Partner.
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