Efeu - Die Kulturrundschau

Ein bisschen obendrauf und ein bisschen innen drin

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22.07.2016. Im Art Magazin erklärt die amerikanische Künstlerin Amy Sillman, warum Bürsten und Mopps unverzichtbar für ihre Arbeit sind. Die SZ hört unseren deutschen Boy George, der sich als Wolfgang Tillmans entpuppt. Die taz hört aktuelle Techno-Alben. Die FAZ hörte in Bregenz Franco Faccios literarisch hochachtbare Hamlet-Oper, mit reichlich Brio. In der NZZ buchstabiert der polnische Dichter Tadeusz Dabrowski sein "Zürcher Alphabet". Auf Artechock fordert Rüdiger Suchsland wissenschaftlich aufbereite Editionen wichtiger Filme des Nationalsozialismus.

Bühne


Szene aus Franco Faccios Oper "Amleto" in Bregenz. Foto © Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Eine ganz und gar ausgesuchte Rarität hat die Intendantin Elisabeth Sobotka bei den Bregenzer Festspielen auf die Bühne bringen lassen: Seit ihrer Uraufführung 1871 wurde Franco Faccios Oper "Amleto" bis nur ein weiteres Mal, 2014 in Albuquerque, gegeben. Und jetzt in Bregenz, das sich so mit einer "atemraubenden Shakespeare-Ausgrabung schmücken" kann, wie Eleonore Büning in der FAZ jubelt: "Ja, es gibt sie, die musikalisch satisfaktionsfähige, literarisch hochachtbare Hamlet-Oper! ... Sie ist ein Manifest des 'nuovo melodramma', wie es sich die wilden jungen Opernreformer der 'Scapigliatura' auf die Fahne geschrieben hatten: wahrhaftig, wuchtig, antikisch-dramatisch und ironiefrei, dazu mit reichlich Brio aufgeladen, und auch die Eierschalen der alten Nummernoper sind darin noch nicht ganz abgestreift. Es gibt also eine zünftige Preghiera, ein Brindisi, Fernmusiken, Blechgepränge, mit Tempo in die Stretta rauschende Ensembles - kurz: alles, was das italienische Opernherz begehrt." Etwas weniger enthusiastisch, aber auch sehr positiv die Besprechung von Jürg Huber in der NZZ.

Weitere Artikel: In der SZ stellt Dorion Weickmann das derzeit durch Deutschland tourende Männerballett Les Ballets Trockadero de Monte Carlo vor, das seinen Weg vom "schwulen Anti-Establishment" bis ins Herz des Betriebs vollendet hat.

Besprochen wird der Dokumentarfilm "Bolschoi Ballett" über die Skandale und Intrigen am Hause (Tagesspiegel).
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Musik

Wolfgang Tillmans wechselt mit der EP "2016/1986" von der Kunst zur Musik. Das ist nur auf den ersten Blick ein Debüt, schreibt Jan Kedves in der SZ, denn auf der B-Seite befinden sich alte Kassettenaufnahmen aus den 80ern: "Es scheint, als wollte der 18-Jährige damals eigentlich am allerliebsten eine Art deutscher Boy George werden. In den drei restaurierten Kassettenaufnahmen (...) beeindruckt er nicht unbedingt mit seinem Gesang. Die Melodien scheinen eher improvisiert. Und doch haben die Songs, die er mit seinem damaligen musikalischen Partner Bert Leßmann in Proberäumen in Remscheid und Wuppertal aufnahm, Charme und Drive, und eingängig sind sie alle. Mit dieser Veröffentlichung soll also eine alte musikalische Identität zu ihrem Recht kommen." Eine weitere Besprechung bringt Pitchfork. Hier gibt es Hörproben.

Vor dem Anno Horribilis 2016 flüchtet man sich am besten in aktuelle Technoplatten, schreibt ein Trost suchender Julian Weber in der taz. Dabei geht es ihm nicht nur um akustische Zuckerwatte für die Seele: "Drastik, Unversöhnlichkeit, Beklemmung, auch danach klingen State-of-the-art-Dancefloor-Produktionen im Jahr 2016. Dass der permanente Ausnahmezustand früher oder später in der Musik seine Spuren hinterlässt, verlangt von den KünstlerInnen, die Form ästhetisch voranzubringen, um sie ethisch zu erden. Das begründete schon Theodor W. Adorno: 'Die Unmenschlichkeit der Kunst muss die der Welt überbieten um des Menschlichen willen'." Konkret besprochen werden von Weber Veröffentlichungen von Byron the Aquarius, Delroy Edwards, Marquis Hawkes und Basic Rhythm.

Weitere Artikel: Computer können exzellente Gebrauchsmusik schreiben, die an Wagner, Berg und Strawinsky erinnert, lernt Philipp Rhensius (NZZ) am Beispiel von Iamus: Hier ruft er "Hello World". Für den Freitag unterhält sich Katja Kullmann mit "Tresor"-Gründer Dmitri Hegemann über die Geschichte von Techno in Berlin und warum ihn Leute nerven, die unentwegt von ihrer eigenen Kreativität schwärmen.

Besprochen werden das neue Album von Christian Fennesz und Jim O'Rourke (The Quietus), "Heavn" von Jamila Woods (Pitchfork), Blood Oranges "Freetown Sound" (taz) und Volker Hagedorns Buch "Bachs Welt" über die Familiengeschichte Johann Sebastian Bachs (SZ).
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Architektur

Frederik Hanssen führt im Tagesspiegel durch das ehemaligen Heizkraftwerk Mitte in Dresden, wo ab Dezember die neue Doppelbühne der Staatsoperette Dresden und des Theaters der jungen Generation eröffnen soll: Das neugestaltete Gebäude füge sich den Gegebenheiten am Wettiner Platz gut ein, wo "eine elegante, streng-schöne Industriearchitektur die Blicke auf sich [zieht], Ziegelbauten in Bauhaus-Ästhetik, teils aus den Zwanzigerjahren, teils nach 1945 erbaut, mit schlanken, haushohen Fenstern. An deren Raster hat sich der in Hamburg ansässige Architekt Jörg Friedrich für seine Neubauten orientiert, die zwischen die historischen Hallen eingefügt werden. Rechteckige Metallplatten bilden die Außenhaut, teils durchlöchert, um Tageslicht in die dahinter liegenden Räume zu lassen."
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Literatur

Der polnische Dichter Tadeusz Dabrowski hat sich als "Writer in Residence" in Zürich zu einem "Zürcher Alphabet" inspirieren lassen, dass die NZZ abdruckt. Zu A wie Ausländerausweis heißt es da: "Zum ersten Mal habe ich in einer Behörde über Gott gesprochen. Die Mitarbeiterin des Meldeamts fragte mich nach meiner Religion. Also erzählte ich ihr von meinen moralischen Dilemmas, von meinem ständigen Schuldgefühl, von der Notwendigkeit des Gesprächs mit einem schweigenden Gott. Schweigend strich sie bestimmte Felder in dem Formular an. Seit der Zeit finde ich in meinem Briefkasten alle zwei Wochen die katholische Zeitschrift Forum. Hast du Zweifel religiöser Art? Dann geh zum Einwohnermeldeamt."

Weitere Artikel: In der FR erklärt Jurymitglied Sabine Vogel, warum der Schriftsteller Jan Koneffke den Uwe-Johnson-Preis erhält. Jörg Bremer gratuliert dem Krimischriftsteller Massimo Carlotto in der FAZ zum Sechzigsten.

Besprochen werden unter anderem Bruno Preisendörfers "Als unser Deutsch erfunden wurde" (Tagesspiegel), Juan Viloros "Das dritte Leben" (FR) und Julia Kissinas "Elephantinas Moskauer Jahre" (SZ).
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Film

In seinem "Cinema Moralia"-Tagebuch auf Artechock fordert Rüdiger Suchsland wissenschaftlich aufbereite Editionen wichtiger Filme des Nationalsozialismus nach Vorbild kritischer "Mein Kampf"-Ausgaben: "Bei den soge­nannten Vorbe­halts­filmen handelt es sich um einen essen­zi­ellen Teil des deutschen Filmerbes, das eine ebenso sorgsame Behand­lung zu erfahren hat, wie das Kino aller anderen Epochen. Das Filmerbe ist unteilbar, man kann und darf seinen unge­liebten Teil nicht ausschlagen. Denn das Verdrängte kehrt zurück, ist schon zurück­ge­kehrt - man sieht es jeden Tag im deutschen Kino. ... Erst mit breit zugäng­li­chen, nur im Einzel­fall restriktiv gehand­habten Ausgaben wäre eine reflek­tierte, von Experten ange­lei­tete Rezeption dieser Filme im Kino möglich."

Der neue Star-Trek-Film zeigt vor allem eins: Die Vergangenheit war moderner als die Gegenwart, lernt Barbara Schweizerhof, die den Film für Zeit online gesehen hat: Er "macht uns auf fast schmerzliche Weise bewusst, dass nichts in der Gegenwart so schnell veraltet wie die Zukunft von gestern." Und "dazu gehören auch die progressiven Inhalte, für die Star Trek einst stand. ... Man könnte bemängeln, dass für Uhura in der Neuauflage 40 Jahre später kaum Aufgaben, geschweige denn Charakterdimensionen dazukamen, oder dass Mr. Chekovs Akzent nur noch schlimmer wurde."

Beim SWR Forum diskutierten die Filmkritiker Georg Seeßlen und Rüdiger Suchsland mit dem Medienwissenschaftler Sebastian Stoppe über 50 Jahre Star Trek. Für EpdFilm hat Seeßlen zudem ein kleines "Star Trek"-Lexikon verfasst.

Weitere Artikel: Für kino-zeit.de spricht Sonja Hartl mit Mika Kaurismäki über dessen (im Tagesspiegel besprochenen) Kostümfilm "The Girl King". Im Tagesspiegel schreibt Lisa-Maria Röhling um die sexistischen und rassistischen Shitstorms, die über Paul Feigs "Ghostbusters"-Remake hereingebrochen sind. Fritz Göttler (SZ) und Verena Lueken (FAZ) gratulieren Paul Schrader zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Dominik Grafs und Johannes Sieverts in München gezeigter Dokumentarfilm "Verfluchte Liebe Deutscher Film" (SZ), Andrina Mračnikars "Ma folie" (Tagesspiegel, Artechock), die französische Komödie "Frühstück bei Monsieur Henri" (Tagesspiegel, Filmgazette) und Mor Loushys mit Beteiligung von Amos Oz entstandener Dokumentarfilm "Censored Voices" Dokumentarfilm über den Sechs-Tage-Krieg (FR, FAZ).
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Kunst

(Bild: Helena Schlichting / Courtesy Portikus)

Die amerikanische Künstlerin Amy Sillman zeigt gerade im Frankfurter Portikus eine Ausstellung ihrer monumentalen Panele. Im Interview mit Art erklärt sie, wie sie arbeitet: "Ich habe keine Ölfarben benutzt, weil ich wollte, dass es ein bisschen in den Stoff einzieht. Ich wollte, dass die Farbe dasselbe tut, was beim Drucken geschieht, dass es ein bisschen obendrauf sitzt und ein bisschen innen drin. Ölfarbe steht immer auf der Oberfläche, das ist fast wie bei einem gebutterten Brot. Diese Bilder hier sind eher wie das Brot selbst. Ich habe die alle auf dem Fußboden gemalt. ... ich stehe dann da mit Bürsten und Mopps, verwende riesige Lappen und Küchentuch-Rollen und weiß erst so richtig wie sie aussehen, wenn ich sie nachher hinstelle. Dann entscheide ich auch erst, welche Seite nach oben gehört."

Besprochen werden eine Ausstellung polnischer Gegenwartskunst in der DB-Kunsthalle und dem Polnischen Institut in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "Ceramica, latte, macchine e logistica: Fotografiedell'Emilia-Romagna al lavoro" in der Mast Bologna (SZ) und ein von Guy Andrews herausgegebener Band mit Magnum-Fotografien von Radfahrern (FAZ, mehr dazu hier).
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