9punkt - Die Debattenrundschau

Grausamkeit stößt nicht per se ab

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.05.2016. Der Guardian weist nach, dass Facebook stärker in die "Trending Topics" eingreift als bisher bekannt - um den Algorithmus der Wirklichkeit anzupassen. "Lügt Facebook?", fragt Vice. Facebook verteidigt sich. Die geplante Rehabilitierung von Opfern des Paragrafen 175 reicht nicht aus - es braucht eine Entschuldigung der Politik und eine breite Aufarbeitung des Unrechts, schreibt Jan Feddersen in Spiegel online. Welt und Tagesspiegel analysieren die Lage im Deutschen Historischen Museum. Vor fünfzig Jahren begann die Kulturrevolution in China. In der taz versucht sich Gerd Koenen ihre Anziehungskraft auf die 68er zu erklären.

Medien

Schwerpunkt Facebook

Tja, der Algorithmus und die Wirklichkeit. Facebook hat offenbar die "Trending Topics" seiner News (ein Feature , das es in der deutschen Version noch gar nicht gibt) auf allen Ebenen redaktionell gestaltet und nicht einfach durch Algorithmen ermittelt, schreibt Sam Thielman im Guardian, dem interne Dokumente zugespielt wurden: "Die Dokumente zeigen, dass das Unternehmen stark auf ein kleines redaktionelles Team zurückgreift, um festzulegen, welches die 'trending modules'-Überschriften sind - eine Liste von Nachrichtenthemen, die in der (englischen) Desktop-Version von Facebook auf der rechten Seite erscheint. Die Firma war 2014 von einem reinen Algorithmus abgegangen, nachdem sie unzulänglicher Darstellung der Unruhen in Ferguson, Missouri, kritisiert worden war."

"Lügt Facebook?", fragt Sarah Emerson in Vice nach den jüngsten Enthüllungen von Gizmodo unsere Resümees) und des Guardian. Bei sueddeutsche.de resümiert Johannes Kuhn: "Die Rolle von Journalisten ist größer als bislang gedacht, allerdings handelt es sich vor allem um Sortier- und Umschreibe-Tätigkeiten."

Facebook wendet sich unterdesen an die Bevölkerung und versucht zu erklären, wie seine "Trending Topics" funktionieren: Algorithmus zuerst, beharrt das Papier. Gewonnen werden die Trending Topics aus den RSS-Feeds von Medien, deren Liste Facebook interessanter Weise hier als pdf-Dokument veröffentlicht.

Außerdem: In The Verge veröffentlicht Casey Newton ein Interview mit Facebook-Manager Will Cathcart über die "Instant Articles", eine Kooperation mit den Medien, die aber nicht mit den "Trending Topics" verwechselt werden darf. Und in der SZ wirft Johannes Boie Facebook auch bei der Gliederung und Zensur des allgemeinen Nutzerstreams Intransparenz vor.

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Als sehr moderat erweist sich trotz alarmistischer Befürchtungen das Weißbuch der konservativen britischen Regierung zur Zukunft der BBC, schreibt Gina Thomas in der FAZ: "Das Weißbuch fordert, dass der weiterhin durch die Rundfunkgebühr finanzierte Sender nicht mit den Kommerziellen konkurriere. Die BBC solle ihre kreative Energie auf Qualitätsinhalte konzentrieren, sich vom restlichen Medienmarkt unterscheiden und zugleich etwas für jeden Geschmack bieten."
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Kulturpolitik

In der Welt beschreibt Sven Felix Kellerhoff die Hintergründe zum offenbar vorzeitigen Abgang des 2011 als Chef des Deutschen Historischen Museums installierten Alexander Koch. Zum Teil liegt die Misere an Koch selbst, so Kellerhoff, der weder die Dauerausstellung grundlegend erneuern noch eigene aktuelle Ausstellungen produzieren konnte. "Vielleicht floss einfach zu viel Energie des Chefs, aber auch der Belegschaft, in Kämpfe gegeneinander. Orchestriert wurde dieser eskalierende Konflikt von interner Kritik, die an Medien durchsickerte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte das DHM beispielsweise einen 'Fall von Geschichtsvergessenheit' und kritisierte anhand von Interna die von Koch initiierten Sonderausstellungen als allzu konservativ."

Dass auch im Haus selbst etwas im Argen liegt, erfährt man im Tagesspiegel von Bernhard Schulz und Christiane Peitz: "Der Vorgänger Kochs, der bis zum Erreichen der Altersgrenze amtierende Lebenszeitbeamte Hans Ottomeyer, hinterließ ein Haus in Wagenburgmentalität. Die Abteilungsleiter der großen und räumlich auf drei Gebäude verteilten Museumsverwaltung hatten sich offenbar eingeigelt, Ottomeyer schien hinter jeder Vorzimmertür einen Abtrünnigen zu wittern. Geschichten von Briefzensur drangen nach außen, gepaart mit Andeutungen von Nepotismus. Ein Neustart war fällig." Der ist jetzt erst mal misslungen.

Europa

Die geplante Rehabilitierung von schwulen Männern, die noch nach der Nazizeit nach dem Nazi-Paragafen 175 verurteilt werden, ist eine gute Sache, aber sie reicht bei weitem nicht aus, meint Jan Feddersen in Spiegel online. Er fordert eine historische Aufarbeitung: "Die Rehabilitierung darf moralisch nicht kostenlos sein. Bundespräsident, Ministerpräsidenten sollten in öffentlichen Erklärungen an diese Zeit der demokratisch legitimierten Tyrannei erinnern - und sich namens des Volkes entschuldigen. Es wäre dann an der Zeit, in deutschen Familien darüber zu sprechen: Warum wurde Onkel Hugo nicht mehr eingeladen? Warum war Vater plötzlich nicht mehr da? Wurde geheiratet, um den äußeren Schein zu wahren - den Nachbarn und Verwandten gegenüber?" Mehr dazu in der taz.

Brüssel hat sich bisher mit Äußerungen zur Brexit-Debatte ostentativ zurückgehalten - auch auf Bitten britischer Politiker, berichtet Daniel Brössler in der SZ. Das ändert sich jetzt. Brössler zitiert den Chef der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europaparlament Manfred Weber: "'Leave heißt leave und heißt nicht Sonderregeln', sagt er und warnt: 'Wir werden nicht bereit sein, die Briten an den Binnenmarkt andocken zu lassen, wenn nicht klar ist, dass sie sich an den finanziellen Lasten beteiligen.' Solche Warnungen liefern einen Vorgeschmack auf den Tag X."

Außerdem: In der FAZ wünscht sich Christian Geyer den Hamburger OB Olaf Scholz, der ein nüchternes Verhältnis zur AfD verficht, als SPD-Vorsitzenden: "Was sich auf der Olaf-Scholz-Linie politischer Kultur abzeichnet, ist nicht der Niedergang, sondern vielmehr der Wiederaufstieg einer Volkspartei."
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Geschichte

Vor ziemlich genau fünfzig Jahren begann in China die "Kulturrevolution" (die damals auch die 68er so begeisterte). In der taz erinnert Felix Lee: "Kaum eine Familie in China blieb verschont. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass 20 Millionen Menschen für Jahre zur Zwangsarbeit aufs Land geschickt wurden. Rund 200 Millionen Menschen hätten an chronischer Unterernährung gelitten, weil in den wirren Jahren die Versorgung zusammenbrach. Die Zahl der Toten wird auf anderthalb Millionen Menschen geschätzt, die meisten von ihnen wurden umgebracht oder in den Suizid getrieben."

Im Gespräch mit Norbert Seitz ebenfalls in der taz nennt Gerd Koenen, Historiker der Linken, die Kulturrevolutiopn das "ungewöhnlichste Ereignis in der Geschichte des Kommunismus". Die Anziehungskraft auf die westlichen 68er schildert er so: "Viele dieser Grausamkeiten wurden von der Basis begangen. Wenn alte Kader mit Schandhüten vorgeführt wurden, kam uns das vor wie ein Scherbengericht, das empörte Massen anrichteten. Und das schien etwas anderes zu sein als das, was in den Folterkellern und Lagern der Sowjetunion geschah. Zudem muss man wissen: Grausamkeit stößt nicht per se ab. Sie kann auch sehr attraktiv sein."

Besprochen wird eine Ausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen über Medizin im Mittelalter (NZZ).
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