9punkt - Die Debattenrundschau

Wer zu salutieren zögert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2016. Sind die Medien glaubwürdig? Gefragt hat der Bayerische Rundfunk, der sich seine Glaubwürdigkeit dann auch gleich attestiert. Andere lesen die Ergebnisse der BR-Umfrage ganz anders - etwa Telepolis. Und Wolfgang Streeck beklagt heute in der FAZ in einer wilden Attacke auf Angela Merkel die "Unzahl von Sprech-, Denk- und Frageverboten" in Medien und Politik. Die taz bringt heute eine zweisprachige deutsch-türkische Ausgabe zur Lage der Medien in der Türkei. Der Tagesspiegel untersucht das kulturpolitische Programm der AfD. Die NZZ sucht nach dem Wesen des Populismus.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2016 finden Sie hier

Medien

Der Bayerische Rundfunk hat eine Umfrage zur Glaubwürdigkeit der Medien durchgeführt, die zum Teil erschütternde Ergebnisse bietet. Viele Kommentare oder Analysen gibt es noch nicht dazu, aber interessant ist, wie der br und andere Medien die Studie präsentieren. In der Eigenmeldung des br heißt es im ersten Resümee der Studie: "Drei Viertel der Befragten halten das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Tageszeitungen nach wie vor für glaubwürdig, zwei Drittel vertrauen dem öffentlich-rechtlichen Radio." Und: "Die etablierten Medien sind nach wie vor Hauptanlaufstelle der Deutschen für die täglichen Informationen zum aktuellen Geschehen. Glaubwürdigkeit Verständlichkeit sind ihre wichtigsten Qualitätsmerkmale."

Marcus Klöckner und Florian Rötzer resümieren bei Telepolis dagegen so: "65 Prozent meinen, Journalisten dürften oft nicht sagen, was sie denken, 48 Prozent sagen, sie würden oft einseitig berichten, 27 Prozent gehen sogar davon aus, dass sie häufig Sachverhalte bewusst verfälschen. Warum dann 88 Prozent sagen, die Journalisten verstünden ihr Handwerk, und 85 Prozent, dass diese wichtige Arbeit für die Demokratie leisten, ist kaum nachzuvollziehen. Und wie zusammenpasst, dass 47 Prozent von einer gelenkten Berichterstattung beim Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen ausgehen, aber gleichzeitig 75 Prozent der Meinung sind, es sei glaubwürdig, ist ebenfalls ein Rätsel."
Archiv: Medien

Europa

Sehr Merkel-feindlich liest sich die ganzseitige Diatribe des Soziologen Wolfgang Streeck im FAZ-Feuilleton, etwa zum Festhalten der Kanzlerin am Euro: "Wer zu salutieren zögert, riskiert den Ausschluss aus dem Verfassungsbogen, weil er 'der Rechten Vorschub leistet'... So sorgen Regierung und Opposition, Verbände und Medien gemeinsam dafür, dass der nationale Europa-Diskurs keine Interessen kennt, schon gar keine deutschen, sondern nur Ideen und eigentlich nur eine Idee, die 'europäische', an die zu glauben auch für jene Mitgliedsländer eine moralische Pflicht ist, denen der Euro im Interesse der deutschen Handelsbilanz das ökonomische Blut aussaugt." Und dann kommt Kritik am medien-politischen Komplex: "Hinter alledem steht ein politisches System von opaker Geschlossenheit, zusammengehalten durch eine Unzahl von Sprech-, Denk- und Frageverboten, verteidigt von 'allen demokratischen Kräften' und zu sich selbst gekommen in einem zehnjährigen Reifungsprozess als 'System Merkel'."

Die taz bringt heute eine zweisprachige deutsch-türkische Ausgabe. Im Editorial schreiben die Journalisten: "Mit welcher Vehemenz der türkische Präsident die freie Presse in seinem Land bekämpft, ist nur durch massive Verdrängung zu übersehen. Und die Bundesregierung, die auf türkisches Wohlwollen angewiesen ist, lässt dies bis auf sporadisch gestreute kritische Worte geschehen. Wir machen da nicht mit."

Tayyip Erdogan bekämpft die Presse nicht nur um seines Bildes willen - gegen ihn gibt es massive Vorwürfe, schreibt Ragıp Duran: "Sie reichen von Waffenlieferung an Dschihadisten in Syrien bis hin zu Bestechung und Korruption, wie im Dezember 2013 durch Telefonmitschnitte öffentlich wurde. Ebenfalls auf seine Rechnung gehen organisierte Massaker in den kurdischen Provinzen bis hin zur Verletzung des Rechts auf Leben und der Freiheit auf Meinungsäußerung von Hunderten BürgerInnen, Linken, DemokratInnen und AlevitInnen. Würden sich unabhängige Medien und anschließend unabhängige Gerichte mit diesen Vorwürfen befassen, könnte das bedeuten, dass Erdoğan sich vor internationalen Gerichten oder auch vor dem höchsten Gericht der Türkei verantworten müsste."

Die Ausgabe befasst sich vor allem mit der Lage der Medien und Journalisten im Land. Wichtig auch Beritan Canözers Artikel über die großen Schwierigkeiten, aus dem Südosten des Landes zu berichten.
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