9punkt - Die Debattenrundschau

So trivial wie triftig

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.05.2016. Alexander Gaulands Spruch über Jérôme Boateng ist weder Zufall noch Lapsus, sondern Kalkül - und es ist erfolgreich, meint die SZ.  Missglückt scheint der Welt der von Volker Schlöndorff inszenierte Tanz deutsch-französischer Jugendlicher über den Gräbern von Verdun. Deutschland hat allenfalls eine bruchstückhafte Netzöffentlichkeit, die noch dazu schrumpft, meint Neunetz.  Der Silicon-Valley-Investor Michael Lazerow versteht nicht, warum Peter Thiel mit Atombomben auf Spatzen schießt.

Europa

In der SZ denkt Andrian Kreye darüber nach, was sich hinter der Äußerung des Vizeparteivorsitzenden der AfD Alexander Gauland über den Fußballspieler Jerome Boateng - "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben" - verbirgt. Denn zufällig sind solche Ausfälle nicht, da ist er sich sicher. Die AfD habe nicht nur den Fußball politisiert, sondern auch "das Wort 'Nachbar' politisch aufgeladen, in dem sie die nationale Verteidigungshaltung ihres Parteiprogramms ins Persönliche gezogen hat. Das alles soll nicht die Mehrheit überzeugen, sondern trägt zur schrittweisen Kodierung der Alltagssprache bei, es richtet sich an eine Wählerschaft, die eigentlich zu bürgerlich für die AfD ist, aber prinzipiell empfänglich für die Radikalität. Im englischsprachigen Ausland gibt es längst einen Fachbegriff. 'Dog whistle politics' nennt man solche Kodierungen, Hundepfeifenpolitik."

Gaulands Äußerung zeigt Ulf Poschardt vor allem eins: "Die AfD ist die Partei des destruktiven Neids", schreibt er in der Welt.

Weder Religionen noch Despoten wie Putin oder Erdogan haben ein Anrecht auf Respekt, erklärt in der NZZ der Physiker und Philosoph Eduard Kaeser: "Die sogenannte Wiederkehr des Religiösen ist die Facette einer umfassenderen gefährlichen Entwicklung: der Erstarkung eines grimmigen Autoritarismus, des Rufs nach dem 'starken Mann'. Er lässt ein Gespenst aus der Vergangenheit wiederaufleben: die Furcht vor der Freiheit, wie sie Erich Fromm 1941 genannt und unter anderen Theodor W. Adorno 1950 unter dem Titel 'Autoritäre Persönlichkeit' diskutiert hat. Diesem Gespenst ist nichts so zuwider wie Meinungsfreiheit und Freiheit der Selbstdarstellung, Kritik, Ironie, Witz, Sinn für Mehrdeutigkeit, Toleranz für Andersartiges. Ständig posaunt es 'Respekt vor der Religion', 'Respekt vor dem Türkentum', 'Respekt vor dem neuen Russland' und meint nur eines: Duck dich und halt den Mund!"

Außerdem: In der Welt schreibt Marko Martin eine kleine Hommage auf die europäische Kulturhauptstadt des jahres Breslau.
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Geschichte

Am Sonntag gedachten François Hollande und Angela Merkel in Douaumont bei Verdun der deutsch-französischen Toten des Ersten Weltkriegs. Die Schlacht hatte vor hundert Jahren stattgefunden, Volker Schlöndorff inszenierte aus dem Anlass ein seltsames Ringelreihen von Jugendlichen, das sich die Staatsgäste angucken mussten. Thomas Schmid fand es in der Welt wirklich misslungen: "Man gedenkt dieser armen Toten nicht gut und respektvoll, wenn man sie unter der Hand zu Vorläufern unseres Glücks macht. Nein, sie sind nicht für die Nachgeborenen, nicht für uns gestorben. Sie sind einen sinnlosen und furchtbaren Tod gestorben, vergiftet die meisten. Jeder für sich. Unwiderrufbar. Sie werden verhöhnt, wenn über ihren Gebeinen ein alberner Totentanz aufgeführt wird, der zum Lebenstanz mutiert."

Außerdem: Rainer Blasius (in der FAZ) und der Militärhistoriker Michael Epkenhans (im Interview mit der Welt) erinnern an die Skagerrak-Schlacht zwischen Deutschen und Briten in der Nordsee 1916.
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Gesellschaft

Einige Wissenschaftler haben sich in einer Petition gegen die Exzellenzinitiative gewandt. Der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch, einer der Initiatoren, schildert in der FAZ, wie die Bewerbungen und Anträge die Professoren in Atem halten und offenbar auch die Machtstrukturen an den Unis verändert haben: "Mir sind mehrere Kollegen bekannt, die dem genannten Aufruf zustimmen, aber ihn nicht unterzeichnen, weil sie gerade einen Antrag gestellt oder bewilligt bekommen haben und plausiblerweise Sanktionen fürchten. Das Standardargument für ein solches Verhalten ist so trivial wie triftig: Man müsse das Spiel halt mitspielen."

Wie ein Mann treten der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger und Hans-Magnus Enzensberger in Leserbriefen an die SZ für ihren Freund Siegfried Mauser ein, Rektor des Salzburger Mozarteums, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird. Patrick Bahners staunt in der FAZ über diese beherzten Interventionen, unter denen besonders eine Lebensweisheit Enzensbergers auffällt: "Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen."

Außerdem: Für die SZ trifft Anne Philippi die Autorin Nancy Jo Sales, die in ihrem Buch "American Girls - Social Media and the Secret Lives of Teenagers" das schockierende Leben der Teenager in den sozialen Medien erzählt.
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Internet

Der Link-Aggregator Rivva, der die Debatte im deutschen Netz abbilden will, sucht einen Sponsor. Marcel Weiß zitiert in Neunetz den Rivva-Betreiber Frank Westphal, der eher ein Schrumpfen der deutschen Internetszene beklagt. Weiß stimmt ihm zu: "Man sieht sehr deutlich an Rivva, welches Vernetzung von Diskurs analysiert, also aufzeigt, was publikationsübergreifend, also wirklich öffentlich, diskutiert wird, dass der vernetzte Diskurs in Deutschland maximal bruchstückhaft existiert. Er ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme."

Der Silicon-Valley-Investor Michael Lazerow nimmt auf Linkedin Stellung zu Peter Thiels jahrelanger Racheaktion an dem Boulevard-Blog Gawker, das gern auch Silicon-Valley-Milliardäre belästigt (unsere Resümees). Und er findet, dass Thiel dem Vertrauen in die Branche schadet: "Er hat auf dem Schwarzmarkt eine Atombombe gekauft, um sie bei einem Schulhofstreit über Online-Klatsch einzusetzen. Er nannte seinen Feind Al Qaida, bezeichnete die Autoren und Redakteure als Terroristen und möchte die ganze Firma weghaben. Peter rechtfertigte seine geheimen finanziellen Aktivitäten 'als eine meiner besten wohltätigen Aktionen', was mehr über Peters Idee von Wohlfahrt als über seine Absichten aussagt." Lazerow konstatiert mit Blick auf Giganten wie Google und Facebook eine um sich greifende Vertrauenskrise. Nellie Bowles liefert in einem Kommentar für den Guardian einige interessante Hintergründe zu der Geschichte.

Der ehamalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio findet das Internet in der FAZ schon irgendwie gut, aber ihn stört doch, dass die verbrieften Autoritäten geschwächt werden: "Die Öffentlichkeit (verliert) mit der Zentralität auch innere Ordnung und Verlässlichkeit. An die Stelle von journalistischer Recherche tritt das zusammengeklickte Momentanwissen in Erregungszuständen. Öffentliche Meinung wird volatiler und emotional verführbarer. Eine kritische Analyse, was die neuen Informationsbedingungen im Netz mit neuen populistischen Bewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten zu tun haben, könnte aufschlussreich sein." Ohne Internet wäre so etwas wie Nationalsozialismus niemals möglich gewesen!
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Urheberrecht

Zwei Sekunden Musik von Kraftwerk hat Moses Pelham für ein Sampling verwendet. Über diese zwei Sekunden werden seit 17 Jahren Prozesse geführt, fünf Prozesse, um genau zu sein. Fünf mal hat Pelham verloren, jetzt liegt die Sache beim Bundesverfassungsbericht. Im Tagesspiegel dröselt Frédéric Döhl den ganzen Fall auf. "Warum fragt man nicht einfach, wenn man samplen will? Anders als bei Coverversionen fehlt bei Sampling ein standardisierter, rechtlich sicherer, jedermann gleich behandelnden und ökonomisch ausgewogener, sprich: realistischer Weg, Sampling-Lizenzen zu erwerben. Was Coldplay gelingt, nämlich von Hütter persönlich eine Antwort zu bekommen, ist für viele unmöglich. Ganz gleich, wie gut oder kulturell relevant ihre Arbeit auf Basis des Samples ausfällt, zu oft bleibt nur die Wahl zwischen Lassen und Illegalität. Auch deshalb polarisiert dieser Rechtsstreit so."
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