Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Herrscher mit Holzkopf

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31.05.2016. Absolut up-to-date findet die taz den Feldforschungspop kurdischer Musikerinnen, von denen einige in Kobane gekämpft haben. Die NZZ stellt die Freak-Folklore der Kiewer Dakh Daughters Band vor. Die FAZ stellt beim Comic-Salon in Erlangen fest: Alle Innovation geht von Frauen aus. Die SZ gibt sich in Bohuslav Martinus Oper "Juliette" der Obsession der Träume hin. Und die Berliner Zeitung erahnt allmählich die Raffinesse in Alejandro Aravenas kleinteilige Architekturbiennale.

Bühne


Das Freak-Kabarett aus Kiew. Foto: Wiener Festwochen.

In Sachen postsowjetischer Postdramatik hätte Frank Castorf bei den Wiener Festwochen einiges lernen können, frohlockt Martin Lhotzky in der NZZ: "Lustig war die Darbietung 'Roses' von Dakh Daughters Band & Vlad Troitskyi. Diese Töchter des Theaters Dach - so heißt eine bekannte Avantgardebühne in Kiew - erinnern vom Aussehen her an das britische Punk-Kabarett der Tiger Lillies, von der Musik her allerdings noch mehr an die ebenfalls in die Jahre gekommene slowenische Musikgruppe Laibach. Das Liedgut umfasst, in diversen Sprachen, alles vom ukrainischen Volkslied bis zu kubanischem Jazz, Eigenkompositionen und in Sowjetzeiten verbotener Emigrantenmusik."


Bohuslav Martinus "Juliette" an der Berliner Staatsoper


Regisseur Claus Guth und Dirigent Daniel Barenboim haben in Berlin die außerhalb Tschechiens lange Zeit wenig beachtete Oper "Juliette" von Bohuslav Martinu auf die Bühne gebracht. Was Wolfgang Schreiber von der SZ da zu hören bekam, gefiel ihm durchaus: "Martinus überhöhter, gesteigerter Neoklassizismus, der Stil seiner Epoche, schillert in vielen Facetten, gewinnt nicht nur in Tutti-Ballungen emotionale Kraft und rhythmische Genauigkeit. Expressionistische Wucht plus symbolistischer Geheimniston, mit schillernden Anspielungen." Und sind die Figuren seiner Ansicht nach auch etwas fahl, "bleibt der Primat der phantastischen Orchesterkunst von Bohuslav Martinu, die sich mit der Kraft und Dringlichkeit suggestiver Klänge flammend der Obsession der Träume hingibt".

Auch FAZ-Kritikerin Eleonore Büning ist von der Inszenierung nicht recht überzeugt, zudem hält sie die Akustik im Schillertheater für eine Katastrophe. Umso mehr imponiert ihr allerdings die "bärenstarke Kondition" von Rolando Villazón, dem in drei Stunden Laufzeit vollster Einsatz abverlangt wird. In der Welt blickt Manuel Brug einer Renaissance des "lurchartig schimmernden" Komponisten Martinu erwartungsvoll entgegene.

Weiteres: "Keineswegs metaphysisches Tiefgründeln, sondern durchaus spannende Dramatik", hat Bernhard Doppler (Standard) in Schwetzingen erlebt, wo Georg Friedrich Haas' Oper "Koma" zum Teil in vollkommener Dunkelheit uraufgeführt wurde. "Le Roeschtigraben existe", konstatiert Barbara Villiger Heilig in der NZZ nach Besuch des Schweizer Theatertreffens in Genf, bei dem die deutschprachigen Aufführungen nicht so recht zündeten. Außerdem macht sich Villiger Heilig Gedanken über Blackfacing und Hautfarben auf den Theaterbühnen.

Besprochen werden außerdem Frank Castorfs Bulgalkow/Moliere-Abend an der Berliner Volksbühne (taz, mehr im Efeu von gestern), eine Wiesbadener Aufführung von Loriots "Wagners Ring an 1 Abend" (FR) und Anselm Webers Inszenierung von Lutz Hübners und Sarah Nemitzs "Wunschkinder" am Schauspiel Bochum (DeutschlandradioKultur, FAZ).
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Musik

Mit großem Interesse hört taz-Kritiker Jens Uthoff die von DJ Antye Greie auf den Weg gebrachte Compilation "Music, Aware­ness & Solidarity with Rojava Revolution", die den Frauen im kurdischen Widerstandskampf gewidmet ist. Greies "Feldforschungs-Pop", stellt er fest, bildet fast ein eigenes Genre: In einem Track etwa hört man die Musikerin, Lyrikerin und Aktivistin Viyan Peyman singen, das Sample ist aus einem tausendfach geklickten YouTube-Video, in dem sie das völlig zerstörte Kobane besingt. Peyman ist inzwischen im Kampf gegen den IS gefallen. Nicht nur in diesem Fall ist die Musik vom persisch-syrischen Kulturraum beeinflusst, auch in den Beats des Songs 'Ishtar' (Zoe McPherson aka Empty Taxi), in Geigensamples oder in den Rhythmen ist der musikalische Input aus dieser Region hörbar. Der Sound - mal rhythmisch, mal rauschend, mal technoid, dann dubbig- klingt äußerst up-to-date, die DJs und Produzentinnen zählen zu den derzeit Spannendsten ihrer Zunft." Auf Bandcamp kann man sich die Compilaton anhören.

Weiteres: In der Welt erzählt Felix Zwinzscher, wie genervt Chance The Rapper mittlerweile von den Plattenfirmen ist, die ihn partout unter Vertrag nehmen wollen.

Besprochen werden Virginias "Fierce for the Night" (Tagesspiegel) und ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Christoph Eschenbach mit dem Violinisten Iskandar Widjaja (Tagesspiegel).

Und beim Logbuch Suhrkamp gibt es die neue Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule", die diesmal dem Motto "A Modern Jazz Symposium with Charles Mingus" folgt. Hier als Playlist in einem Rutsch:

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Literatur

In Erlangen ist der Comic-Salon zu Ende gegangen, die Feuilletons ziehen ausführlich Bilanz. Für die taz war Ralph Trommer vor Ort, der sich insbesondere für die Ausstellung zur Geschichte türkischer Satire-Comics begeistern konnte: "Zahlreiche Exponate zeigten ein reiches Kompendium einer heute lebendigen Comicszene, die in den 1970er bis 80ern ihre Blüte erlebte. Vor allem in satirischen Comiczeitschriften wie Girgir ('Spaß'), die Millionen Leser erreichte, entwickelten Künstler wie Oguz Aral oder Galip Tekin einen derben humoristischen Stil, der an die brachiale Komik des französischen 'Fluide Glacial'-Magazins erinnert."

Und Andreas Platthaus staunt in der FAZ nicht schlecht beim Blick auf die in diesem Jahr vergebenen Auszeichnungen: "Die Innovationen kommen von Autorinnen. Das ist weltweit einmalig, und gerade in den klassischen Comicnationen Amerika, Frankreich und Japan ist die männliche Dominanz trotz Ausnahmen wie den Tamakis ungebrochen. Der große weibliche Anteil unter den jungen deutschen Comicschaffenden erklärt sich durch die mittlerweile erstaunliche Dichte von Illustrations- und Designklassen an den Hochschulen, die Bildergeschichten ins Zentrum stellen" und sich durch einen "hohen Anteil von Studentinnen" auszeichnen.

Weiteres: Auf Slate.fr berichtet Patrick de Jacquelot, dass immer mehr Comics in prestigeträchtigen Editionen herauskommen: Noch nicht ganz die Pléiade, aber fast. Der SWR bringt Volker Demuths Radioessay über Hölderlins Flussgedichte und deren politische Dimension zum Nachhören.

Besprochen werden unter anderem die Ausstellung "Harry Graf Kessler - Flaneur der Moderne" im Max-Liebermann-Haus in Berlin (Tell Review), Ibn Arabis "Der Übersetzer der Sehnsüchte" (FR), Bücher von Kate Tempest (Tagesspiegel), Marjana Gaponenkos "Das letzte Rennen" (Tagesspiegel), Yoko Ogawas "Der Herr der kleinen Vögel" (FAZ), Laurie Pennys Kurzgeschichtenband "Babys machen" (SZ) und neue Comics (The Quietus).
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Kunst

Besprochen werden die Ausstellung "Hero Mother" im Kunstquartier Bethanien in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "Kinder - Kerle - Charaktere: Das druckgraphische Werk Adriaen van Ostades" in der Kunsthalle Bremen (FAZ) und neue Bücher des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich (SZ).
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Film

In der SZ stellt Catrin Lorch das anonyme Filmkollektiv Abounaddara vor, das mit seinem kurzen Dokumentar- und Porträtfilmen aus Syrien die internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht: Die Leute hinter dem Projekt "sind Absolventen von Filmhochschulen, die feststellen mussten, dass es für ihre Dokumentationen im staatlichen Fernsehen und der öffentlich kontrollierten Filmszene keinen Platz gab. Damals entschieden sie, unabhängig zu bleiben. Nicht nur, indem sie sich als politische Dissidenten den syrischen Verhältnissen entziehen, sondern indem sie nach eigenen Regeln produzieren. Die übers Land verstreuten Mitglieder des Kollektivs arbeiten mit ihren Nachbarn, Freunden und Familien. 'Jeder hat das Recht auf sein eigenes Bild' ist der Grundsatz ihrer Arbeit."

Weiteres: Auf Cargo schließt sich Bert Rebhandl den Empfehlungen (mehr hier und dort) zur heute beginnenden Werkschau Sohrab Shahid Saless im Berliner Zeughauskino an. Für den Tagesspiegel porträtiert Jan Schulz-Ojala die Schauspielerin Odine Johne. Auf Bright Lights spricht Sam Ankenbauer ausführlich mit Linda Muir, der Kostümdesignerin des aufwändigen Arthouse-Horrorfilms "The Witch" (unsere Kritik hier).

Besprochen wird die neue Episode von "Game of Thrones" (ZeitOnline).
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Architektur

Für die Berliner Zeitung hat sich Nikolaus Bernau einen Überblick über die Architekturbiennale in Venedig verschafft. Er kann sich mit der programmatischen Kleinteiligkeit der von Pritzker-Preisträger Alejandro Aravena kuratierten Schau durchaus anfreunden: "Bei Aravenas lernen wir schöne Baumateralien oder die Konstruktionen der Pilgerstadt für das indische Fest Khumb Mela kennen, die in fünf Wochen für 100 Millionen Menschen aufgebaut wird. Seine Inszenierungen in den Arsenale-Hallen und in den Giardini lassen sogar noch Luft für die Massen von Modellen neuerer Bauten in Dänemark. Oder für die traurigen Puppen von Stathis Markopoulos aus Rumänien: Da fällt ständig ein Herrscher mit Holzkopf in den Teller, mitten in den klotzigen Bukarester Palast von Ceaucescu. Das ist ziemlich politisch. Und architektonisch. Und raffiniert.

Für die taz stapft Andreas Fanizadeh über das Gelände in Venedig. Anders als seine Kollegen, die sich vom perforierten deutschen Pavillon mitunter sehr begeistert zeigten (mehr dazu hier), reagiert er ziemlich missmutig: Der Pavillon und dessen Ausdeutung als Statement zur Flüchtlingskrise wirke "in seiner Didaktik ermüdend." Im Guardian findet Oliver Wainwright, dass der österreichische Pavillon sinnvoller mit der Flüchtlingsfrage umgeht als der deutsche, weil pragmatischer: "Anstatt Geld für eine großartige Installation auszugeben, nutzten die Kuratoren ihr Budget, um in Wien drei Wohnprojekte für Flüchtlinge zu finanzieren."
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