9punkt - Die Debattenrundschau

Wie Grönland im Klimawandel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2016. Der Streit zwischen Herfried Münkler und Peter Sloterdijk steigert sich zum Zickenkrieg. Münkler findet Sloterdijk in der Zeit heute verkorkst: Sowas konnte man höchstens in der alten BRD gebrauchen, jetzt braucht man Genies der geopolitischen Analyse wie Münkler. In der Welt sucht Wolf Lepenies bei Richard Hofstadter Hilfe gegen Verschwörungstheorien. Donald Trump ist gar nicht nur Rassist, er ist auch "links", staunt der Guardian. Aber wer interessiert sich schon für die Arbeiterklasse?

Ideen

Im Streit um die Flüchtlingspolitik Angela Merkels antwortet Herfried Münkler in der Zeit auf Peter Sloterdijk, nachdem der auf Herfried Münkler geantwortet hatte, der auf Sloterdijk erwidert hatte. Das liest sich im größten Teil des Textes wie ein ausgemachter Zickenkrieg, in dem Münkler Sloterdijk zackig erklärt, wo er falsch liegt, wo er unmethodisch argumentiert und wo ungenau. Am Ende streift Münkler die Handschuhe ab und setzt zum Thronsturz an: "Man muss Sloterdijks Essay aber nicht unbedingt als Dokument eines verkorksten Denkens lesen, sondern kann darin auch die Abdankungserklärung eines Typus öffentlicher Intellektualität sehen, der die Debattenkultur dieses Landes lange Zeit beherrscht hat. Dieser Typus hat sich nicht einer klaren und präzisen Begrifflichkeit bedient, sondern mit dunklen Metaphern Gedankenschwere simuliert. [...] Der Tanz der Metaphern, den dieser Typus des öffentlichen Intellektuellen aufgeführt hat, hat vor allem als Lernblockade gewirkt. Sloterdijk hat sich in allerhand Sprachbilder geflüchtet, um sich die Mühe zu ersparen, die einschlägige Forschung zur Kenntnis zu nehmen. So konnte er über alles reden, ohne Genaueres zu wissen. Solange die Bundesrepublik ein Akteur ohne größere politische Spielräume und ohne politische Handlungsmacht war, hat sie sich diesen Typus des öffentlichen Intellektuellen folgenlos leisten können."
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Europa

Der alt-tazler Max Thomas Mehr plädiert in der taz für Schwarz-Grün - und dafür, dass die Grünen mit der Einwanderung nach Deutschland nicht mehr die simple Vorstellung verbinden, Deutschland würde dadurch bunter und offener: "Wenn aus zwei, drei oder sogar noch mehr Millionen Menschen Migranten werden, wird unsere westliche, hedonistische, liberale Lebensart noch ganz anderen Prüfungen ausgesetzt. Denn diesen Zuwanderern fehlt ein 1968 genauso wie ein 1989. Sie kommunizieren zwar mit modernsten Smartphones, sind aber dennoch verhaftet in patriarchalischen, oft vormodernen Gesellschaften. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, aber wir sollten auch nicht so tun, als wäre das kein Problem."

In der Zeit erklärt Ulrich Greiner, warum er keine politische Heimat mehr hat: "Ich bin konservativ, und der konservative Gedanke ist heimatlos geworden." Er ist gegen die Homoehe, gegen eine ihm undemokratisch erscheinende weitere Verflechtung Europas auf EU-Ebene und gegen die Einwanderung von Millionen Muslimen. Wäre heute Wahltag, wüsste der langjährige SPD-Wähler nicht, wo sein Kreuzchen machen sollte. "Trotz alledem fühle ich mich mit meinen Ansichten keineswegs allein, und ich sehe, dass Schriftsteller wie Botho Strauß, Martin Mosebach, Sibylle Lewitscharoff oder Ulrich Schacht, Intellektuelle wie Rüdiger Safranski, Peter Sloterdijk oder Udo Di Fabio einen seriösen Konservatismus vertreten, der zum geistigen Spektrum eines kultivierten Landes selbstverständlich dazugehört. Dieser Konservatismus könnte jenen 'Akt der Auflehnung' leisten, von dem Botho Strauß einmal gesprochen hat, die Auflehnung 'gegen die Totalherrschaft der Gegenwart..."

Wolf Lepenies sucht in der Welt Rat bei dem amerikanischen Politikwissenschaftler Richard Hofstadter, um dem "paranoiden Stil" der Rechtspopulisten zu begegnen, denen sich inzwischen viele "normale" Bürger angeschlossen hätten: "Hofstadters Analyse liefert Anhaltspunkte, wie einer paranoiden Politik begegnet werden kann. Dazu gehört Offenheit: Wenn Behörden Tatsachen verschweigen - die Weigerung, die Herkunftsländer von Straftätern zu nennen, ist dafür ein Beispiel -, verstärkt sich das Gefühl, einer Verschwörung auf der Spur zu sein: 'Man verschweigt uns etwas.' Dazu gehört ein Verständnis für Ängste, auch wenn man sie nicht teilt: Der Angst vor einem Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten kann man nicht damit begegnen, dass man den Wandel emphatisch begrüßt und sich vor Freude nicht zu halten weiß, dass 'unsere Welt eine andere werden wird'. Dazu gehört schließlich Selbstbewusstsein: Es schadet der AfD nicht, wenn man die Kommunikation mit ihr verweigert, im Gegenteil."

So richtig die Nase voll von den Deutschen hat der Architekt und Filmemacher Bo Le-Mentzel in der Berliner Zeitung, der einst als Flüchtlingskind aus Laos hier aufgenommen wurde: "Ihr Weißen genießt ein Privileg, das ich nicht habe... Ihr habt das Privileg, der Norm anzugehören. Ihr könnt beim Oktoberfest Frauen an den Hintern grapschen. Und seid dann Arschlöcher. Wenn mein arabischer Freund das macht, ist er Moslem." (Weiße Frauen verzichten dankend auf ihr Privileg, begrapscht zu werden.)

Gerhard Matzig begleitet für die SZ eine Architektin, die versucht, menschenwürdigen Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen - aber das Problem ist global: " Die Nachfrage nach Wohnungen steigt - der Bestand an bezahlbaren Wohnungen, die es dort gibt, wo die Arbeitsplätze auch sind, schrumpft dagegen wie Grönland im Klimawandel. Tatsächlich ist neben der globalen Erwärmung, die noch zusätzlich die Migrationskrise befeuern wird, das akute Wohnraumproblem der Menschheit ein Thema von existenzieller Relevanz."
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Politik

Donald Trump ist gar nicht nur Rassist, staunt Thomas Frank im Guardian. In vielen Punkten sei er sogar "links", besonders in seiner Kritik am Freihandel. Und was seine Wählerschaft angeht: "Die arbeitende weiße Bevölkerung, die den größten Teil seiner Fanbasis stellt, füllt in erstaunlichen Zahlen Stadien und Flugzeughangare bei Trumps Veranstaltungen, und doch kommen ihre Ansichten im großen und ganzen in unseren Qualitätszeitungen nicht vor. Auf deren Meinungsseiten wird von demografischen Kategorien aller Art gesprochen, nur 'blue collar' wird ständig übersehen."
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Stichwörter: Freihandel, Donald Trump

Urheberrecht

Viele Künstler gestatten keine Abbildungen in kunstwissenschaftlichen oder kritischen Büchern mehr, wenn sie vorher den Text nicht kennen. Für den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich ist das schlicht Zensur. Möglich wird sie durchs Urheberrecht erläutert Ullrich im Gespräch mit Henry Steinhau von irights.info: "Sie berufen sich immer auf das Urheberrecht. Da sich insbesondere erfolgreiche Künstler oft nicht mehr von der Verwertungsgesellschaft VG Bild-Kunst vertreten lassen, sondern sich um alle Verwertungen selbst kümmern, haben sie auch die Kontrolle über alle Nutzungen ihrer Werke - und genau darum geht es ihnen meiner Ansicht nach."
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Medien

Der türkische Journalist Can Dündar, dem die Staatsanwaltschaft nach einer Anzeige Erdogans Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen vorwirft, weil er in der Zeitung Cumhuriyet über türkische Waffenlieferungen nach Syrien berichtet hat, ist dank dem Verfassungsgericht derzeit wieder auf freiem Fuß. Erdogan hat nun erklärt, er erkenne die Entscheidung des Verfassungsgerichts nicht an. Damit, so Cündar im Interview mit der Zeit, signalisiert er dem Gericht, das über seinen Fall entscheiden soll, welches Urteil es zu fällen hat. "Ja, und auch an die Verfassungsrichter sendet er ein Signal: Passt auf, welche Entscheidungen ihr trefft. Was der Präsident aber übersieht: Wenn er sich so verhält, können wir Staatsbürger es ihm gleichtun und sagen: Dann erkennen wir dich oder irgendein Gesetz auch nicht an."
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Internet

Mit der leicht nassforschen Aufforderung "Bitte wählen Sie nicht AfD" (als seien seine Leser allesamt gefährdet und warteten nur auf seine Analyse) verbindet Sascha Lobo in seiner jüngsten Spiegel-online-Kolumne die Erkenntnis, dass die AfD eine Internetpartei sei: "Man erkennt das zum Beispiel daran, dass die AfD die meisten Facebook-Fans aller deutschen Parteien hat. In erstaunlicher Größenordnung: mit rund 242.000 Fans hat sie mehr als CDU (102.000), SPD (98.000) und FPD (41.000) zusammengenommen (Stand: 8. März). Ihr fehlten beim Aufbau Strukturen und Mittel klassischer Parteien, deshalb hat sie sich des nächstliegenden, preiswertesten Mittels bedient: des Internets."
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Stichwörter: AfD