Efeu - Die Kulturrundschau

Etwas bewegt sich hinten im Dunklen

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10.03.2016. Sänger Frank Spilker fragt sich anlässlich einer Ausstellung des Punkkünstlers Raymond Pettibon warum nie was einfach Comic sein darf. In der Zeit erklärt Benjamin von Stuckrad-Barre: Drogen sind für Vollspießer. Die Welt feiert den Witz und fröhlichen Hedonismus in deutschen Komödien der Weimarer Republik. Die FAZ sieht schwarz in Michael Thalheimers flandrischem "Otello".

Kunst


Raymond Pettibon: My first ride was not my last

Frank Spilker
, Sänger von Die Sterne, hat für den Freitag die Ausstellung des Punkkünstlers Raymond Pettibon in der Hamburger Sammlung Falckenberg besucht. Dessen krasse, an Underground Comics erinnernde Zeichnungen haben lange Zeit die Ästhetik von Indie, Hardcore und Punk geprägt. Bei der Pressekonferenz gerät Spilker dann aber doch ins Grübeln: "Merkwürdig kommt mir als popsozialisiertem Mischwesen vor, wie einig man sich darüber ist, dass seine Arbeiten unbedingt Kunst und nicht Comic oder Pop sein müssen und dass es sich nicht um politisch motivierte Kunst handelt. Ersteres hat möglicherweise mit bestimmten Dogmen des Kunstbetriebs zu tun, in dem es schon aus einem Sammlerinteresse heraus darum geht, den Künstler und seine Kunst auf- und nicht abzuwerten. Pettibon scheint diese Diskussion allerdings nicht zu interessieren. Er benutzt die Kombination Text und Bild sowie das Material Papier bis heute, um Widersprüche und Lebenslügen aufzudecken."

Außerdem: In der NZZ porträtiert Joachim Güntner in einem langen Text den Hamburger Kunstsammler Harald Falckenberg.

Besprochen werden außerdem die große Hieronymus-Bosch-Schau im Noordbrabants Museum in 's-Hertogenbosch (NZZ), die Ausstellung "Mechanismen der Gewalt" mit Arbeiten von Regina José Galindo und Arcangelo Sassolino im Frankfurter Kunstverein (Freitag) und die Ausstellung "Ich" über das Motiv des Selbstbildnisses in der Kunstgeschichte in der Frankfurter Schirn (FAZ).
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Literatur

Benjamin von Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg geben der Zeit ein Interview, in dem es um die Drogensucht von Stuckrad-Barre geht und die Hilfe, die Lindenberg beim clean werden gab. Sucht, lernte Stuckrad-Barre, ist im Grunde eine ziemlich spießige Angelegenheit: "Am Anfang denkt man, der Rausch ist das Gegenangebot zur Normalität. Aber wenn du dich dann wirklich hauptberuflich einlässt auf die Sucht, dann ist die dein Chef. Und das ist dann nur noch Knast, keine Freigänge mehr. Du bist fest angestellt bei der Sucht. Man will jeden Tag exakt gleich haben, dieselbe Dosis, dieselben Abläufe, und schon kleinste Änderungen führen zu totaler Panik - und das ist ja tatsächlich nichts anderes als Vollspießertum. Und irgendwann fragt man sich: Soll es jetzt so langweilig bleiben?"

Drei Dramatiker sind in diesem Jahr als Romanautoren für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert: Roland Schimmelpfennig, Nis-Momme Stockmann und Heinz Strunk. In der NZZ hat Rainer Moritz, der die drei Bücher vorstellt, ganz klar einen Favoriten: "Wo Roland Schimmelpfennig gesellschaftlich Randständiges zurückhaltend inszeniert und Nis-Momme Stockmann den Weltuntergang bildstark evoziert, da bleibt Heinz Strunk mit jeder Faser konkret und klar, als seien Fritz Honkas Verbrechen eine selbstverständliche Schlussfolgerung. Es wäre nicht überraschend, wenn er damit den Preis der Leipziger Buchmesse gewönne."

Besprochen werden Benjamin von Stuckrad-Barres Comeback-Roman "Panikherz" (Tagesspiegel, SZ, Berliner Zeitung, FAZ), Nataniel Christgaus Essay "Tod und Text" über Roberto Bolaños "2666" (SZ) und Thea Dorns "Die Unglückseligen" (FAZ). Mehr zum literarischen Leben im Netz in unserem Metablog LIt21.
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Architektur


Gerippe, Phoenix, Augenaufschlag? Santiago Calatravas neuer New Yorker Bahnhof.


Niklas Maak war für die FAZ bei der Eröffnung von Santiago Calatrava ziemlich beeindruckende Bahnhofsgebäude am Fuße des World Trade Center in New York. Assoziationen wie Friedenstaube, Stahlgerippe des alten WTC, "Phoenix aus der Asche" sind zahlreich, geeinigt hat man sich schließlich auf "Oculus", da das Gebäude wie die Wimpern eines aufgeschlagenen Auges erscheint. Maak ist nicht einverstanden: "Einen Bahnhof am Ground Zero 'Oculus' zu nennen ist aber in jedem Fall fast gespenstisch - denn die Epoche, die hier mit den Anschlägen vom 11. September begann, ist eine der Unsichtbarkeit: Der Terror ist unsichtbar und allgegenwärtig, gegen ihn hilft das größte Auge nichts, die Grenzen von realen und fiktiven Räumen verschwimmen. Ein Riesenokulus wirkt da wie ein symbolischer Dinosaurier."

Außerdem: Für den Tagesspiegel hat sich Rolf Brockschmidt die Pläne des Rotterdamer Museums Boijmans Van Beuningen für ein neues Gebäude angesehen, das der Öffentlichkeit tatsächlich alle 145000 Objekte der Sammlung zugänglich machen soll: Der imposante Bau habe "gute Chancen, zum neuen Wahrzeichen von Rotterdam zu werden."
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Musik

Peter Uehling wirft für die Berliner Zeitung einen Blick auf das Programm der MaerzMusik, die morgen in Berlin beginnt. Markus Ganz porträtiert in der NZZ die Zürcher Sängerin Nadja Zela. Thomas Stillbauer (FR), Christian Schröder (Tagesspiegel), Michael Pilz (Welt) und Edo Reents (FAZ) schreiben zum Tod des Beatlesproduzenten George Martin.

Besprochen werden ein Konzert des Jazztrompeters Avishai Cohen (Tagesspiegel) und ein Bach-Konzert des Philharmonischen Chors in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel).
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Film


Die Drei von der Tankstelle: Oskar Karlweis, Heinz Rühmann und Willy Fritsch

Wir konnten auch mal Witz, seufzt in der Welt Tilman Krause, subversive Komik, Ironie, fröhlichen Hedonismus und lustiges Infragestellen von Autoritäten. Das zeigt ihm die Filmreihe "Lachende Erben. Lustspiele 1930 bis 1933" im Berliner Zeughauskino: "Zu keiner Zeit wurde der deutsche Film so sehr von Herumtreibern und Hedonisten, Tingeltangelmädchen und Halbweltdamen bevölkert wie in der Endphase der Weimarer Republik. Und sie werden ausdrücklich nicht als Krisensymptom inszeniert, sondern als die wahren Lebensgenießer. Lässt sich dann doch einer von ihnen einspannen und anpassen, wie der elegante Playboy, den Franz Lederer in 'Ihre Majestät die Liebe' spielt, dann nur vorübergehend und so, dass gleich das ganze Unternehmen, in das er eingebunden wird, der Lächerlichkeit preisgegeben wird."


Filmstill aus "Trumbo"

Mit "Trumbo" erzählt der ansonsten vor allem für Komödien bekannte Regisseur Jay Roach die Geschichte von Dalton Trumbo, dem bekanntesten der "Hollywood Ten", die sich seinerzeit der antikommunistischen Schikane in Hollywood entgegenstellten. Im Tagesspiegel lobt David Assmann den Film: Zwar wurde die Geschichte der "Hollywood Ten" schon oft aufgerolllt, doch nie "so aufschlussreich und ausgewogen ... Liebevoll ausgestattet, historisch akkurat und mit einem grandiosen Ensemble, aus dem der aus 'Breaking Bad' bekannte Bryan Cranston in der Hauptrolle noch über seine Kollegen herausragt, erzählt der Film eine Geschichte, die nur Verlierer kennt und doch ein gutes Ende nimmt."

Lukas Foerster winkt im Perlentaucher unterdessen gelangweilt ab: Der Film sei ein "weitgehend uninspiriertes Bio-Pic", das allenfalls und nur zwischendurch als "Retro-Showbiz-Nummernrevue" Spaß macht, "deren hier von Peter Bowen zusammengefasste Produktionsgeschichte um einiges spannender ist als der Film selbst. Denn natürlich ist das 'as it actually happened', auf das Filme wie dieser stets zielen, ein genau kalkulierter Effekt, und die audiovisuelle Ingenieurskunst, die ihn herstellt, bewundernswert." Weitere Besprechungen in SZ und Berliner Zeitung.

Weiteres: Für die taz unterhält sich Barbara Wurm auf einer ganzen Seite mit dem philippinischen Regisseur Kidlat Tahimik, dem das Kino Arsenal derzeit eine Retrospektive widmet. Das Filmmuseum Potsdam würdigt die Ufa-Schauspielerin Carola Höhn, berichtet Carolin Weidner in der taz.

Besprochen werden "Son of Saul" (Freitag, Perlentaucher, mehr im gestrigen Efeu), Vitaly Manskys Nordkorea-Doku "Im Strahl der Sonne" (Tagesspiegel, SZ, ZeitOnline), Sacha Baron Cohens neue Komödie "Der Spion und sein Bruder" (taz), Visar Morinas "Babai" (taz), Deniz Gamze Ergüvens "Mustang" (Freitag), Crystal Moselles auf DVD erschienener "The Wolfpack" (taz), Babak Najafis Actionfilm "London has fallen" (NZZ), Pablo Traperos Thriller "El Clan" (NZZ) und Doris Dörries "Grüße aus Fukushima" (SZ, Welt).
Archiv: Film

Bühne



Kleid und Tuch, sonst nichts: An der Vlaamse Opera präsentiert Michael Thalheimer Verdis "Otello" als aufs Allernötigste entschlackte Inszenierung vor schwarzem Hintergrund, was FAZ-Kritikerin Eleonore Büning für ganz hervorragend hält: "Alles Licht wird verschluckt von dieser Nichtfarbe. ... Das Böse hat diese ganze vieraktige überschaubare Otello-Welt schon von Anfang an übermalt und usurpiert. Etwas bewegt sich hinten im Dunklen, das Auge muss sich erst gewöhnen. Es ist dies der Chor der Zyprioten, Verdis alles zu Boden schlagender, blitzdurchzuckter Eröffnungssturmchor, der von der Ankunft des siegreichen Otello kündet. Das Symfonisch Orkest unter Leitung von Alexander Joel musiziert dies kantig, knallig, holzschnittartig und mit Wucht. Schwarz gekleidet sind sie alle, sowieso. Aber auch die Gesichter wirken, so unbeleuchtet, schwärzlich-gräulich."

Besprochen werden Christoph Marthalers "Halleluja" an der Berliner Volksbühne (Freitag), Gioachino Rossinis "Guillaume Tell" in Hamburg (NZZ) und Herbert Fritschs "King Arthur"-Inszenierung in Zürich ("blendende Unterhaltung" und ein "Knallchargenfurioso", schreibt Reinhard J. Brembeck in der SZ).
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