9punkt - Die Debattenrundschau

Nur noch eine Thomasbirne

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2016. Soll man Holocaust-Leugner durch Verbot oder durch Diskussion schwächen? Die huffpo.fr ist nicht einverstanden mit einer These der Autorin Anastasia Colosimo. Die NZZ würdigt in Phoenix-See in Dortmund, dass auch deutsche Städte zu architektonischen Leistungen fähig sind. Die New York Review of Books vermisst die Dahlemer Museen schon jetzt. Die New Republic stellt überrascht fest: Es gibt so etwas wie einen "secular turn" im amerikanischen Wahlkampf.

Europa

Im Interview mit dem Tagesspiegel versucht der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš die Fremdenangst in Osteuropa zu erklären: "Es macht traurig zu sehen, dass Tschechien wieder eine kleine Insel sein will. Ich bin froh, dass ich das Ende der Sowjetzeit noch erlebt habe. Hoffentlich hat es mich gegen die Inselmentalität immunisiert. Die ist bei uns stark, wir schotten uns zu gern von der Welt ab. Die Berge um Böhmen und Mähren sind eigentlich nicht besonders hoch, aber sie scheinen eine enorme Hürde zu sein. Als ich in meiner Prager Stammkneipe 'Zum ausgeschossenen Auge' vor 15 Jahren erzählte, ich würde ein Jahr ins Ausland gehen, waren alle fassungslos. Wer geht, gilt bei einigen sofort als Verräter."

Die Kölner Übergriffe nannte Justizminister Heiko Maas zwar einen "Zivilisationsbruch", für eine Änderung des Sexualstrafrechts, die das Begrapschen unter Strafe stellt, reicht des Ministers Empörung jedoch nicht, stellt Heide Oestreich in der taz fest. "Was hat er jetzt, nach Köln, getan? Er hat nicht endlich den Schritt gemacht, die sexuelle Selbstbestimmung der Frau zu schützen, indem er ihr Nein ernst nimmt. Stattdessen hat er einzelne Verschärfungen in einen Paragrafen eingebaut, der heißt: 'Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen'. Ja, man denkt unwillkürlich an Behinderte, Kranke oder Kinder, und genau hier werden die Frauen nun auch einsortiert. Die Logik lautet nun: Sie müssten sich zwar eigentlich wehren, sind aber aus verschiedenen, teils pathologischen Gründen dazu nicht fähig. Mit anderen Worten, Maas bewegt sich eher noch weiter weg von einem schlichten 'Nein heißt Nein'".

Rudy Reichstadt nimmt bei huffpo.fr einen Gedanken der Autorin Anastasia Colosimo auf, den diese in Alain Finkielkrauts großartiger Debattensendung Répliques äußerte: Sie wirft dem französischen Verbot der Holocaust-Leugnung, das in der Loi Gayssot geregelt wird, vor, Negationisten wie Dieudonné noch zu bestärken und schlägt statt dessen vor, die Argumente der Holocaustleugner zu entkräften, indem man mit ihnen diskutiert. Reichstadt ist skeptisch, auch wenn er nicht leugnet, dass sich die Verschwörungstheorien ausbreiten. "Aber es ist auch nicht bewiesen, dass die Abwesenheit eines 'cordon sanitaire' geeignet ist, sie zu begrenzen. Ziehen wir nur in Betracht, dass der Negationismus in jenen Ländern am stärksten verbreitet ist, wo seine Ideen frei zirkulieren. Die Holocaustleugner wissen das sehr gut und fordern ohne Unterlass die Aufhebung der Loi Gayssot. Wenn sie sich durchsetzen, werden sie all ihre Energie, die sie im Moment für diesen Zweck einsetzen, morgen in die Leugnung der Gaskammern investieren."
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Politik

Gibt es so etwas wie einen "secular turn" in den Präsidentschaftswahlen 2016? Ja, meinen Harrison Fluss und Landon Frim in der frisch verkauften New Republic und verweisen auf den areligiösen Bernie Sanders: "Die Differenz zwischen Obama und Sanders ist, dass Sanders nicht mal so tut, als sei er religiös, während Obama seinen politischen Start in Kirchen der Region von Chicago hatte. Und auch Donald Trump ist nicht gerade das Paradigma nüchterner Tugend: Er ist zweimal geschieden und hat bei einigen entscheidenden sozialen Fragen, inklusive Abtreibung, eine recht liberale Vorgeschichte."
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Kulturpolitik

Na, wenigstens einer ist traurig über die Schleifung der Dahlemer Museen. Ian Johnson schreibt im Blog der New York Review of Books: "Noch Mitte Januar konnte man ganz allein in einer Höhle voller Freskos aus der Seidenstraßenoase von Turfan stehen, in aller Ruhe die Auslegerboote des Südpazifik betrachten oder die Geschichte von Buddhas Leben in Steinfriesen aus Gandhara studieren. Zur Erfrischung gab es eine mensa-ähnliche Cafeteria, wo man für fünfzig Cent Tee aus einem Samowar bekam, Nachfüllen gratis. Die Besucher kamen, weil sie sich für Kunst interessierten, nicht weil es Teil ihrer großen Berlin-Tour war."

Jürgen Tietz begutachtet für die NZZ das neue Stadtviertel Phoenix-See in Dortmund, wo nur noch eine Thomasbirne an die Stahlvergangenheit erinnert. Dafür gebe es jetzt einen großen künstlichen See und eine vorbildliche Uferbebauung mit Wohnungen, Cafes, Büros und Einfamilienhäusern: "Es galt, dem üblichen Wildwuchs von Vorstadtsiedlungen einen Riegel vorzuschieben. Auf 'Architektenmessen' wurden daher Bau- und Kaufwillige mit Architekten zusammengebracht, um die Möglichkeiten einer künftigen Gestaltung der Eigenheime auszuloten. Nur wenige Häuser mit Schrägdach und Säulengebrabbel haben sich heute zwischen den kubischen Neubauten verloren. Die Dichte einer solchen Einzelhausbebauung muss man freilich mögen, aber sie schafft ein Bild der Einheit mit Variationen."
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Urheberrecht

Andreas Rötzer, Verleger von Matthes & Seitz wendet sich in der FAZ nochmal gegen die geplante Urheberrechtsnovelle, die es Autoren erleichtern würde, aus bestimmten Verträgen früher auszusteigen: "Was tatsächlich drohen dürfte, wenn der Referentenentwurf umgesetzt würde, ist die Gefahr einer Entsolidarisierung von Autor und Verlag. Das gemeinsame Projekt würde zu einem Projekt von Verlagen auf der einen Seite, die nun in kurzer Zeit ihre Investitionen einzuspielen gezwungen sind, und Schriftstellern auf der anderen Seite, die sich zu Einzelkämpfern aufrüsten müssen."
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Medien

Ingo Mannteufel, Leiter der Russisch-Redaktion der Deutschen Welle in Bonn, analysiert in der FAZ die russischen Propagandaaktionen in Deutschland, die Angela Merkel destabilisieren sollen: "Die Gefahr der russischen Propaganda für Europa sollte nicht über-, aber auch nicht unterschätzt werden. Die Lügengeschichte vom angeblich vergewaltigten Berliner Mädchen war letztendlich ein Misserfolg. Die Wahrheit kam relativ schnell ans Licht. Gleichwohl bilden die politischen Herausforderungen - Euro- und Flüchtlingskrise - weiter einen starken Resonanzboden für Desinformationskampagnen."
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Überwachung

Ein amerikanischer Bundesrichter hat den Antrag des FBI zurückgewiesen, der Apple zwingen sollte, das Iphone eines mutmaßlichen Crystal-Meth-Dealers zu öffnen, berichtet der Guardian (und mit ihm viele andere Medien). Der All Writs Act, der Behördenkompetenzen regelt und auf den sich das FBI bezieht, könne "nicht benutzt werden, um einer Technologiefirma zu befehlen, seine Produkte zu manipulieren, sagte der Richter. 'Die Implikationen der Regierungsposition sind so weitreichend - sowohl in den Rechten, die sie sich heute zubilligt, als auch in der Auslagung der Absichten des Kongresses von 1789 - dass die Resultate absurd wären.'"
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Stichwörter: Apple, Crystal Meth, FBI, Iphone

Wissenschaft

"Führte uns die Aufklärung einst aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, kehren wir bald aufgeklärt und aus freien Stücken dahin zurück", mokiert sich Roman Bucheli in der NZZ angesichts der allgemeinen Begeisterung für selbstfahrende Autos. Sehr skeptisch steht auch Manuela Lenzen Neuro-Gadgets zur Hirnstimulation gegenüber: "Sind wir dabei, uns in halbe Roboter zu verwandeln, statt die Arbeitswelt menschlicher zu gestalten? Wird die Menschheit sich aufspalten in die Aufgepeppten und die Naturbelassenen, die sich kein Enhancement leisten können? Oder werden wir alle immer uniformer werden, weil wir unter dem Druck stehen, auch unser Gefühlsleben stets auf fröhlich-optimistisch zu polen?" Dazu passt natürlich die Meldung vom ersten Unfall des Google-Autos, mehr in Spiegel online.

Ganz anders erlebte Andrian Kreye (SZ) die TED-Konferenz in Vancouver, wo Wissenschaftler (und Al Gore) einen beeindruckenden Optimismus vorführten: "Die Zusammenkunft von Geld und Geist dort ist kein Zufall. So bildet die Rednerliste jedes Jahr eine Art Weltverbesserungskanon. Die Bildungsaktivistin Reshma Saujani will zum Beispiel Mädchen dazu bringen, das Programmieren zu lernen, weil der Fachkräftemangel in der Tech-Industrie und das kulturell bedingte Ehrgeiz-Defizit junger Frauen eine reine Verschwendung intellektuellen Potenzials sind. Der Unternehmer Hugh Evans sucht nach marktwirtschaftlichen Methoden, Armut zu bekämpfen. Der bolivianische Kardiologe Franz Freudenthal hat eine Methode entwickelt, Herzkrankheiten bei Kindern in der Dritten Welt mit minimalem Aufwand zu heilen. Es gehört schon eine unangenehm große Portion Zynismus dazu, sich darüber lustig zu machen."
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