Efeu - Die Kulturrundschau

Sehnsucht nach Unterordnung

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01.03.2016. In der SZ vermisst Aleksandar Hemon die Schlagkraft der Literatur, Willibald Sauerländer feiert Piero della Francesca als den Konstrukteur der Schönheit. Nuran David Calis' Kölner Stück "Glaubenskämpfer findet ein geteiltes Echo: Packendes Diskurstheater, meint die Welt, die FAZ vermisst die Nähe zur Kunst. Die Berliner Zeitung ahnt Schlimmstes für das in Berlin geplante Museum der Moderne: Einfügung, Vorsicht und Pragmatismus.

Kunst

Piero della Francescas Altar von Montefeltro. Pinacoteca di Brera, Mailand

In der SZ führt Willibald Sauerländer ausführlich durchs Schaffen des Renaissancekünstlers Piero della Francesca, dessen Geburt vor etwa 600 Jahren in diesem Jahr gefeiert wird und der in seinen Traktaten Baukunst und Malerei immer auch theoretisch reflektierte: "Die vom modernen Blick mit so viel Pathos aufgeladenen Bilder Pieros gründen auf einem rechnerischen Fundament von Mathematik und Stereometrie, der räumlichen Geometrie. Der berühmte Mathematiker der Renaissance, Luca Pacioli, hat Pieros Ausführungen zur Stereometrie wörtlich in seine 'Summa de Arithmetica' aufgenommen, ohne den Namen des Autors zu nennen. Ein Plagiat gewiss, wie Vasari sich empörte, aber zugleich ein Kompliment. Der Maler Piero ist nicht nur der künstlerische Imaginator seiner Kunstwerke, sondern er ist auch ihr Konstrukteur."

Besprochen werden die Ausstellung "Ein Foto kommt selten allein. Paare, Reihen und Serien aus der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek" im Berliner Museum für Fotografie ("eindrucksvoll", schreibt Giacomo Maihofer im Tagesspiegel) und die Elger-Esser-Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe (Tagesspiegel).
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Film

Geht es nach Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz hätte man die Oscarverleihung schon nach zehn Minuten beenden können: Da war nach Chris Rocks Standup-Eröffnung (hier ein Transkript) das Highlight des Abends nämlich schon gelaufen. Laut Peitz kommentierte der Komiker die #OscarSoWhite-Debatte "mit virtuoser politischer Unkorrektheit und jenem sarkastischen Witz, der der Realität den Spiegel vorhält."

Bereits im Vorfeld der Preisverleihung ließ der Film Comment Violet Lucca und Ashley Clark über zu Unrecht übersehene Leistungen schwarzer Schauspieler sprechen. Für FAZ-Filmkritikerin Verena Lueken war der politische Grundton der Verleihung "ein Segen". Wenke Huismann erlebte auf Zeit Online ein "Stakkato der guten Absichten". In der taz resümiert Rieke Havertz die Veranstaltung, in der Berliner zeitung Anke Westphal.

Besprochen wird Deniz Gamze Ergüvens "Mustang" (SZ).
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Stichwörter: Oscars, Virtuosen

Literatur

Provozieren ist heute auch nicht mehr so einfach, lernt Alex Rühe, der sich für die SZ mit dem Schriftsteller Aleksandar Hemon unterhalten hat. Dessen neuer Roman "Zombie Wars" ähnlich wie schon "Lazarus" von politischer Hysterie, dem Irakkrieg und den Bush-Jahren handelt. Doch im Gegensatz zu Fernsehserien entwickeln Romane, meint Hemon, einfach keine Schlagkraft mehr: "Ich wollte, dass mein Buch den amerikanischen Lesern ins Gesicht explodiert. Stattdessen gab es anerkennendes Schulterklopfen: schönes Buch, wirklich gern gelesen, Sie sind talentiert."

Besprochen werden Nicholson Bakers Roman "Das Regenmobil" (NZZ), Markus Gabriels "Ich ist nicht Gehirn" (NZZ), David Grossmans Roman "Kommt ein Pferd in die Bar" (Standard). Benjamin Stuckrad-Barres "Panikherz" (Freitag), Alexander Ilitschewskis "Der Perser" (taz), Antonia Baums "Tony Soprano stirbt nicht" (Freitag), J.R. Bechtles "1965 - Rue de Grenelle" (SZ) und Gaito Gasdanows "Die Rückkehr des Buddha" (FAZ). Mehr Literatur im Netz in unserem Metablog Lit21.
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Architektur

Nikolaus Bernau stutzt und staunt in der Berliner Zeitung: Nur 18 Stunden hatte die Jury Zeit, um aus den 460 eingesandten Entwürfen für das Berliner Museum der Moderne die nun ausgestellten zehn Siegerentwürfe zu küren. Das mag effizient sein, offenbart aber auch, wie wenig Zeit zur Auseinandersetzung es gab. Ausgesiebt wurden auch zahlreiche hochinteressante Entwürfe, stellt Bernau voller Bedauern fest. Etwa der des Warschauers Maciej Miobedzki: "Eine Skulptur in Rohbeton mit faszinierenden Innenräumen. Solch einen dramatischen Entwurf in die Preisgruppe zu nehmen wäre ein Zeichen gewesen, dass es für das Kulturforum wirklich viele Möglichkeiten gibt. Doch genau das Zeichen wollte die Jury offenkundig nicht setzen." Die Jury sei "gefangen in ihrer Sehnsucht nach Unterordnung, Einfügung, Vorsicht und Pragmatismus. Wettbewerbe aber sind nur sinnvoll, wenn sie überraschen können."

Weiteres: In der SZ spekuliert Till Briegleb über die Zukunft von Holz als Baustoff. Niklas Maak schreibt in der FAZ zum Tod von Claude Parent, "der den utopischen Geist der Moderne verkörperte."
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Bühne


Zwischen Kirche, Moschee, Synagoge und Keupstraße: Glaubenskämpfer von Nuran David Calis am Schauspiel Köln. Foto: David Baltzer

Für sein in Köln aufgeführtes Stück "Glaubenskämpfer" bringt Nuran David Calis eine katholische Nonne mit einem einen ehemaligen Salafisten ins Gespräch, Muslime aus der Kölner Keupstraße mit dem Sohn jüdischer Holocaustüberlebender. Das ergibt "packendes Diskurstheater" findet Stefan Keim in der Welt: "Nuran David Calis kitzelt sehr interessante Debattenmomente heraus. Wenn Schwester Johanna die Erbsünde erläutert, gibt es Unruhe. Die meisten können damit weniger anfangen als mit der Theorie des Islam, der Kinder bis zur Pubertät als reine Wesen betrachtet."

Martin Krumbholz von der SZ erlebte es wie "eine Talkshow im Fernsehen, nur mit viel besseren Texten." Der Abend biete zunächst "eine Oase von Ruhe und Denken in Zeiten medialer Durchhysterisierung", schreibt Dorothea Marcus in der taz, doch findet sie sich bald wieder in "einer Mischung aus Privatdiskussion und religionswissenschaftlichem Proseminar". FAZ-Kritiker Andreas Rossmann sieht unterdessen die Kunst verraten, was der Regisseur auf die Bühne bringe sei doch nur "Papier". Das sei symptomatisch für die im Theater gegenwärtig beobachtbare Tendenz, in die Tagespolitik zu intervenieren: "Mit der Nähe zum Stoff wächst die Entfernung von der Kunst."

Besprochen werden außerdem Claus Peymanns Inszenierung von Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" am Wiener Burgtheater (taz, mehr im gestrigen Efeu), Stefan Puchers Inszenierung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" am Thalia Theater in Hamburg (FR) und Herbert Fritschs Inszenierung der Purcell-Oper "King Arthur" in Zürich (Lotte Thaler von der FAZ bezeugt "eine Art Monty-Python-Revival").
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Musik

Selbst Musikerinnen wie Santigold wissen nicht mehr, wie sie Geld verdienen sollen, seufzt Felix Zwinscher in der Welt, weswegen sie auf ihrem neuen Album klingt wie ein Sonderangebot: "Die revolutionäre Wut des Vorgängers 'Master of My Make-Believe' scheint verschwunden. Statt fiesem Dub gibt es mehr Happy-Power-Pop. Das hat Methode, denn White hat sich gegen störrisches Kontra und für überdrehtes Mitmachen entschieden."

Weiteres: Im Standard berichtet Bernahrd Doppler vom Kulturfest in Dessau, das an die intellektuell-urbane Geschichte von Kurt Weills Geburtsstadt erinnern will.Frederik Hanssen spricht im Tagesspiegel mit Martin Hoffmann, dem Intendanten der Berliner Philharmoniker, die heute ein Konzert für Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer geben. Für Skug porträtiert Hardy Funk das Label Schamoni Musik, das die Münchner Indieszene abbildet und nebenbei noch das filmische Erbe der Schamoni-Brüder verwaltet. Tim Gorbauch resümiert in der FR das Just Music Festival in Wiesbaden, das sich vom Jazz zusehends löst, sondern "nach einer Musik [sucht], die weiterdenkt."

Besprochen werden Inszenierungen der "seltsamen, aber schönen" Semi-Operas von Henry Purcell in Stuttgart un Zürich (Welt), ein Konzert des Orchestre des Champs-Elysées mit Geigerin Isabelle Faust im Wiener Konzerthaus (Standard, Presse), das neue Album "Brute" von Fatma Al-Qadiri (Spex) und ein Konzert von Garfunkel (Tagesspiegel).
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