Efeu - Die Kulturrundschau

Zwischen Witz und Horror

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11.02.2016. Die Filmkritiker laufen sich warm für die Berlinale und geben erste Ausblicke auf das, was kommt. Tom Tykwer verspricht ein brutales, schnelles und schmutziges Berlin in seinem Serienprojekt "Berlin Babylon". Die FAZ verneigt sich vor dem so grausigen wie zärtlichen Mezzo Ekaterina Semenchuk und staunt über japanische Fotografen aus den 60ern. Die NZZ bewundert Jean Dubuffet.

Film

Berlinale


Mögliches Schlüssel- und Meisterwerk: Szene aus "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" von Lav Diaz.

Heute beginnt die Berlinale. Die Anstrengungen, die das Festival mit sich bringt, werden diesmal durch eine besonders anspruchsvolle, aber umso Aufsehen erregendere Vorführung noch gesteigert: Mit einer Stunde Pause dauert der Wettbewerbsfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" von Lav Diaz über acht Stunden. Perlentaucher-Filmkritiker Lukas Foerster kann es kaum erwarten, den Film zu sehen, wie er im Überblicksartikel zum Festival schreibt: Denn "innerhalb der Filmografie seines Regisseurs könnte es sich um ein Schlüsselwerk handeln. Schließlich geht es um die Hinrichtung des von ehemaligen Mitstreitern verratenen philippinischen Befreiungskämpfers Andrés Bonifacio - und damit um eine Episode, die für einige Historiker und wohl auch für Diaz eine Art historische Erbsünde darstellt, die der philippinische Nationalstaat bis heute mit sich herumschleppt."

Nachdem er das Programm durchforstet hat, platzt Rüdiger Suchsland auf Artechock der Kragen: Auch im 15. Berlinalejahr unter Dieter Kosslick gibt es viel Kulinarik, viel Beliebigkeit, wenig ästhetische Position und überdies ein Begriff des Politischen, der sich auf die Illustrierung von Nachrichtenthemen versteift, ärgert er sich. "Das Festival ist unter Dieter Kosslick zu einer einzigen Cross-Section des life­sty­ligen Gutmen­schen­tums geworden, dessen Wellness noch durch Wohl­fühl­filme gestei­gert wird. Sperriges, Irri­tie­rendes, zum Streit anre­gendes fehlt. So sind die Verschleißer­schei­nungen unüber­sehbar." Und auch die selbst ernannte 'Plattform des deutschen Kinos' bröselt", wie Suchsland in einem zweiten Artikel feststellt. Weitere Überblicksartikel gibt es in taz, SZ und Tagesspiegel.


Experimentierfeld im japanischen Punk-Kino der 80er. (Szene aus "Tokyo Cabaggeman K").

Über die japanischen Punk-Indiefilme der 80er Jahre, Hachimiri Madness, die im Forum zu sehen sind, schreibt Detlef Kuhlbrodt von der taz, selbst wenn das Programm "ein bisschen enttäuschend" sei: "Vor allem von Sion Sono und Gakuryu Ishii gibt es einige sehr viel bessere Filme, die noch nicht in Deutschland zu sehen waren." Klar gäbe es mehr zu sehen, meint Michael Kienzl auf critic.de. "Aber um einen umfassenden Überblick geht es Hachimiri Madness nicht, eher um einen repräsentativen Ausschnitt, der zeigt, wie bedeutend das damals ursprünglich für den privaten Bereich entstandene Schmalfilmformat für eine bestimmte Generation japanischer Regisseure war. Und das gelingt dem Programm auch. Es zeichnet das vielschichtige Bild eines Kinos, in dem einerseits schon die charakteristischen Stile der Regisseure angelegt sind, das andererseits aber auch noch Experimentierfeld ist."

Im Gespräch mit Katja Nicodemus von der Zeit gibt Meryl Streep Auskunft, wie sie die Berlinale-Jury zu leiten gedenkt: "Meine Beschreibung des Jobs wäre, dass wir das Vorhandensein unserer Vorurteile anerkennen und versuchen, Geschichten zu finden, die uns über diese Vorurteile hinausführen." Fatma Aydemir (taz) und Christian Schröder (Tagesspiegel) porträtieren die Jurypräsidentin.

Weiteres: In der Berliner Zeitung misstraut Arno Widmann der Kino-Feierlaune, die das Festival verströmt: Das Kino liege doch längst im Sterben. Für die taz hat sich Christine Stöckel mit Wieland Speck vom Berlinale-Panorama über 30 Jahre Teddy Awards unterhalten. Wer Filme zum Thema Flucht und Migration sehen will, ist vor allem beim Forum gut aufgehoben, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Claus Löser (taz) und Kerstin Decker (Tagesspiegel) schreiben über die Filme der Retrospektive, die sich mit dem deutschen Filmjahr 1966 als Umbruchsjahr befasst. Die Tagesspiegel-Kritiker gehen der Frage nach, wie es um die Qualität des deutschen Kinos steht. Außerdem geben die Tazler kurze, handverlesene Programmtipps.

Der Perlentaucher berichtet wie jedes Jahr mit einem Berlinale-Blog direkt vom Potsdamer Platz.

Andere Themen

In Berlin hat Tom Tykwer sein Serienprojekt "Berlin Babylon" vorgestellt. Vorlage ist eine Krimireihe von Volker Kutscher im Berlin des heraufdämmernden Nationalsozialismus, erzählt Elmar Krekeler in der Welt. Von deren "brennender Aktualität spricht Tykwer. Davon, dass 'Babylon Berlin' ein Stadtfilm werden soll. Ein Epos, das den (unter anderem wegen der Millionen Zuwanderer aus dem Osten) aus den Nähten platzenden, auf dem Vulkan zwischen Kriegswunden und Moderne tanzenden Moloch so zeigt, wie er war. Brutal, schnell, schmutzig. Und, sagt er noch, dass 'Babylon Berlin', das war schon Kutschers Ansatz, schon deswegen keiner der üblichen Nazi-Schinken wird, weil er komplett anders gedacht ist, weil er versucht, die Zeit aus dem Erlebnishorizont der Menschen von damals zu erzählen und nicht mit dem Geschichtswissen von heute. 'Die Leute damals wussten nicht, was kommt.'" In der taz berichtet Anne Fromm über die Finanzierung der Serie, die von ARD und Sky bereitgestellt wird. Da die ARD nur einen kleineren Teil bezahlt, ist sie dort erst ab 2018 zu sehen.

Weitere Artikel: Andrea Diener verabschiedet sich im Freitag schweren Herzens von der Serie "Downton Abbey". Das türkische Gegenwartskino umfasst mehr als Arthouse-Festivalerfolge und krude Actionfilme, versichert Bernd Buder im Freitag. Auf ZeitOnline wirft Kaspar Heinrich einen Blick auf die Darstellung von sexuellem Missbrauch im Film. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller fordert im Interview mit der Welt mehr Planungssicherheit in der deutschen Filmförderung.

Besprochen werden ein derzeit auf Arte abrufbarer Dokumentarfilm über den österreichischen Regisseur Ulrich Seidl (FR) und Micha Lewinskys "Nichts passiert" (NZZ, Welt, FAZ).
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Literatur

Karen Duves neuer Roman "Macht" spielt im Jahr 2031, mitten im entfesselten Klimawandel, der der Menschheit nicht mehr viel Zeit lässt, erzählt Ijoma Mangold in der Zeit: "Der Veganismus hat sich durchgesetzt, wer Fleisch essen will, muss seine wertvollen CO2-Gutscheine dafür einlösen. Mit der Verjüngungspille 'Ephebo' sehen Rentner wieder wie 30-Jährige aus, allerdings bekommt mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit Krebs in den nächsten zehn Jahren, wer die Jungbrunnen-Pille nimmt. Ist aber kein richtiger Einwand, denn in zehn Jahren wird es den Menschen ohnehin nicht mehr geben."

Außerdem: Adorno, Heintje, Rilke, Kohl: Sandra Kegel berichtet in der FAZ von Marcel Beyers in ihrem Referenzsystem verblüffender Frankfurter Poetikvorlesung über das Weinen.
 
Besprochen werden Jane Gardams "Ein untadeliger Mann" (Zeit), Cormac McCarthys erstmals auf Deutsch veröffentlichtes Debüt "Der Feldhüter" aus dem Jahr 1969 (Tagesspiegel), Angela Rohrs "Lager" (FR) und Ralph Dutlis Neuübersetzung von Ossip Mandelstams Jugendgedichten (FAZ).
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Musik

Florian Werner (Freitext auf ZeitOnline) und Jürgen Ziemer (Freitag) sprechen mit Jochen Distelmeyer über dessen neues Soloalbum, auf dem der einstige Blumfeld-Sänger mit der Akustikgitarre Popsongs covert.

Besprochen werden der von Ryuichi Sakamoto und Alva Noto komponierte Soundtrack zu "The Revenant" (Popmatters), das Country und Modern Jazz kreuzende Album "I Long to See You" von Charles Lloyd und Bill Frisell (SZ), das Berliner Tortoise-Konzert (taz, Berliner Zeitung) und ein Konzert von Stefanie Heinzmann (FR),

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Architektur

Mit wachsender Begeisterung blättert Paul Andreas für die NZZ durch eine Monografie zu Eero Saarinens in den Fünfzigern gebauten TWA-Flughafenterminal in New York: "Die fast schwellenlos konzipierte, in aerodynamischen Kurven schwelgende Architektur bot in ihrer Modernität und Zeichenhaftigkeit einen emotionalen Mehrwert, der den Nerv eines neuen, raumumspannenden Lebensgefühls traf. Zugleich avancierte das skulpturale Flughafengebäude zum markenstarken Alleinstellungsmerkmal der Airline."
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Stichwörter: Eero Saarinen, TWA

Bühne

In der FAZ sinkt Jan Brachmann nach einer Pariser Aufführung von Verdis "Il trovatore" vor der Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk auf die Knie: "Klar und kontrolliert ist ihre Höhe, unheimlich und bohrend die Mittellage, grausig und zärtlich zugleich die Tiefe."

Besprochen werden die Londoner Uraufführung von Caryl Churchills neuem Stück "Escaped Alone" ("Alles ist fein ausbalanciert zwischen Witz und Horror", freut sich Marion Löhndorf in der NZZ) und Frank Castorfs Berliner Inszenierung von Friedrich Hebbels "Judith" (online nachgereicht vom Freitag).
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Kunst


Daidō Moriyama: Ohne Titel, aus der Serie Akushidento (Unfall), 1969. ©Daido Moriyama/Shadai Gallery, Tokyo Polytechnic University

"Massentauglich" und "brav" sei das einst lebenshungrige Werk des japanischen Fotografen Daido Moriyama geworden, stellt Freddy Langer in der FAZ fest. Trost bietet eine Schau der Wiener Albertina, die sich mit den drei Ausgaben der japanischen Fotozeitschrift Provoke aus den späten 60ern befasst, als Moriyama regelrecht brannte: "Er knipste nicht, er ballerte. Wie im Stakkato drückte er auf den Auslöser, und blindwütig im buchstäblichen Sinn fotografierte er nach allen Seiten, auch hinten, ohne den Kopf zu drehen. ... Für die Undurchschaubarkeit der Welt und das Chaos des Lebens fand er mit seinen oft unscharfen und verwackelten Fotos die adäquate Metapher. Wenn nichts Bestand habe, so vermittelte es die unüberschaubare Flut seiner Aufnahmen, dann darf auch die Kunst keine Statik vortäuschen. Alles Reine und Gefällige war ihm zuwider. Am Ende blieb ein Gefühl von Kälte."


Jean Dubuffet: Vache la belle fessue, 1954, Collection of Samuel and Ronnie Heyman, USA

Die Avantgarde lehnte er ab, dafür beeindruckten Jean Dubuffet die Kunstsammlungen psychiatrischer Anstalten. Heute gilt der französische Maler als Begründer der Art brut, erzählt Maria Becker, die für die NZZ die große Dubuffet-Ausstellung in der Fondation Beyeler besucht hat: "Keiner wird in diesen Bildern heute etwas Subversives erkennen. Die widerborstige Malerei mit ihren comichaften Figuren und ihrem Materialmix offenbart aber etwas, mit dem man so nicht gerechnet hat: Dubuffet war ein Künstler für Künstler. Es ist nicht schwer zu sehen, wer von ihm nahm. Nicht nur der zappelige Horror vacui eines Keith Haring, auch Basquiat, Baselitz und einige andere haben Dubuffets Kunst für ihre Bildwelten fruchtbar gemacht. Der Maler, der sich der Avantgarde seiner Zeit verweigert hat, hat selbst eine begründet."

Weitere Artikel: Leute, fahrt S-Bahn, in Berlin, immer zwischen Zoo und Savignyplatz hin und her, ruft Rolf Lautenschläger in der taz. Es ist die letzte Möglichkeit, Berlins größtes Fassaden-Triptychon, das "Parlament", auf der Brandmauer im Hinterhof der Uhlandstraße 187 zu sehen, bevor sich ein Neubau davor schiebt. Eine Karel-Appel-Ausstellung in der Pinakothek in München bietet die Möglichkeit, sich endlich einmal eingehender mit dem zeichnerischen Werk des Malers zu befassen, der sonst ganze "Farbmassen" auf seine Bilder appliziert hat, erklärt Gottfried Knapp in der SZ. Eine Studie mutmaßt, dass Michelangelo im hohen Alter Arthrose gehabt haben könnte, meldet Felix Simon in der FAZ.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die Schwarzen Jahre - Geschichten einer Sammlung. 1933 - 1945" im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz) und Julian Rosefeldts Installation "Manifesto" im Hamburger Bahnhof in Berlin (SZ).
Archiv: Kunst