9punkt - Die Debattenrundschau

Geografie der Angst

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.12.2015. In der NZZ fordert der belgische Autor Erwin Mortier einen neuen Gesellschaftsvertrag für sein Land. Libération schildert die französische Gemengelage, die den Front national stark macht. Vice fürchtet: Twitter will wie Facebook werden. Die Zeitungen sind alles in allem nicht so froh über einen Konzertsaal am Münchner Ostbahnhof.

Europa

Der belgische Schriftsteller Erwin Mortier fordert in der NZZ einen neuen Gesellschaftsvertrag, einen der Solidarität, denn das sprachlich zerstrittene Belgien habe viel zu lange die eigentlichen Probleme des Landes ignoriert: "Mittlerweile lebt beinahe ein Drittel von Brüssels Einwohnern in Armut, dreimal mehr als im Rest des Landes. Fast ein Viertel der Hauptstädter bezieht Sozialleistungen und kein Arbeitseinkommen... Als Folge davon bringt unsere Gesellschaft immer mehr nackte Menschen hervor, die sich weder kulturell, sittlich noch intellektuell bilden. Wir schaffen keine mündigen Bürger mehr."

Frankreich lenkt mit seiner Reaktion auf den 13. November von den eigenen Problemen ab, meint Emran Feroz in Qantara: "Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass alle Täter ohne Ausnahme in Frankreich aufwuchsen, ja, selbst Franzosen waren, meint die französische Politik-Elite das Problem lösen zu können, indem sie den IS in Syrien bombardiert. Dabei erwägt sie sogar eine Zusammenarbeit mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, der für einen Großteil der Misere und die Entstehung des IS im Allgemeinen mitverantwortlich ist."

Nein, die Stimmen für den Front national lassen sich nicht mehr Protestwählern zuordnen. Die Partei ist seit Jahren etabliert, schreibt Pelletier Philippe in einer ganz interessanten Wahlanalyse in Libération: "Die Verankerung des Front wird erlaubt von einer Geografie der Angst. Angst vor den Folgen der Globalisierung: Verlegungen und Schließungen von Unternehmen, Massenarbeitslosigkeit, Wettbewerbsdruck, Hierarchisierung der Territorien, eine Einwanderung die nur als 'Strom' oder demografische Variable behandelt wird, symmetrische Ghettoisierung der Eigenheim-Vorstädte und der eintönigen Beton-Vorstädte, Aufstieg des islamischen, aber auch christlichen Fundamentalismus, Angst vor Attentaten."

Die "Brexit"-Idee könnte nach Frankreich ausstrahlen, wenn Marine Le Pen tatsächlich einmal Präsidentin werden würde, schreiben Tara Palmeri und Nicholas Vinocur in politco.eu: "Ursprünglich plädierte Le Pen für einen vollständigen Rückzug aus dem Euro, nun will sie innerhalb von sechs Monaten nach einer eventuellen Wahl zur Präsidentin ein Referendum abhalten."
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Ideen

Thomas Steinfeld berichtet in der SZ von Swetlana Alexijewitschs Nobelpreisvorlesung in Stockholm, in der sie noch einmal über den roten Menschen sprach: "'Der rote Mensch hat es nicht geschafft in das Reich der Freiheit, von dem er in der Küche geträumt hatte. Russland wurde ohne ihn aufgeteilt, er stand vor dem Nichts. Gedemütigt und ausgeplündert. Aggressiv und gefährlich.' Sie sei nicht sicher, sagte sie weiter, ob er in solcher Gestalt nicht immer noch dort stehe."
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Politik

In der taz ärgert sich Charlotte Wiedemann über die Vorstellung, auch bei dem Anschlag in Bamako sei in erster Linie der Westen getroffen worden, nicht etwa Mali selbst: "Den armen Gesellschaften ist solch selbstverliebter Opferdiskurs fremd. Dabei ist ihre Lebensweise viel mehr bedroht. Denn die Armen verlieren das wenige, was sie hatten: den innergesellschaftlichen Zusammenhalt, die Gelassenheit, das Laisser-faire. Das Vertrauen in den Nachbarn."
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Stichwörter: Bamako, Mali

Religion

Albertine Bourget erzählt in der NZZ von jungen Jüdinnen und Juden in den USA, die ihren ultraorthodoxen Gemeinden den Rücken gekehrt haben - und dafür böse bestraft werden. Zum Beispiel Leah Vincent: "Mit siebzehn Jahren landete sie auf dem harten Pflaster von New York, verzweifelt einsam und naiv. Monate des Herumirrens folgten, Begegnungen mit skrupellosen Männern, denen sie sich hingab; sie begann sich zu ritzen, beging einen Selbstmordversuch - die Eltern reagierten mit marmorner Kälte. 'Während meiner ganzen Kindheit hatte ich nichts anderes gehört, als dass meine Sexualität das Wichtigste überhaupt an mir sei und dass ich meine Keuschheit bewahren müsse', erzählt sie."
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Internet

Twitter will leider noch mehr wie Facebook werden und experimentiert mit einer Timeline, die nicht mehr umgekehrt chronolgisch, sondern nach Algorithmen geordnet wäre, die man so wenig wie bei Facebook durchschauen kann, berichtet Rachel Pick bei Vice: "Die umgekehrte Chronologie macht Twitter zum Beispiel zum Liebling der Journalisten und aller Leute, die Breaking News ganz oben haben wollen. Diese nützliche Qualität würde zerstört, genau wie die Spaßmomente, wenn etwa die Timeline vor Witzen birst, während man eine politische Debatte im Fernsehen verfolgt..."
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Kulturpolitik

Bayerns Horst Seehofer hat entschieden: München bekommt einen neuen Konzertsaal, und zwar auf einem Gelände der ehemaligen Pfanni-Werke hinter dem Ostbahnhof. Gottfried Knapp ist in der SZ nicht sonderlich glücklich mit diesem Standort: "Das Konzerthaus wird dort also quasi Untermieter bei den Pop-Veranstaltungshallen werden, die vom Kunstpark Ost übrig bleiben sollen. Doch das eigentliche Problem dieses Standorts ist nicht die Nähe zu den lärmenden Aktivitäten der umliegenden Spielstätten und Kneipen. Es sind vielmehr die Enge des zwischen Fabrikbauten und Straße zur Verfügung stehenden Baugrunds, das Verstecktsein im nur von einer Seite zugänglichen Werksviertel und die miserable Anbindung an den städtischen Raum."

Reinhard J. Brembeck ist ebenfalls in der SZ nur froh, dass überhaupt eine Entscheidung getroffen wurde. Jetzt muss dort nur noch ein innovatives Musikzentrum werden, wie zum Beispiel in Luzern: "Luzern ist viel mehr als die Akustik. Seit der Eröffnung dieses Kulturzentrums ist das musikalisch zuvor unbedeutende Luzern zum Zentrum der Schweizer Konzertszene geworden..." Außerdem: Patrick Bahners, Kulturkorrespondent der FAZ in München, kann die Gegend am Ostbahnhof nicht ausstehen. Und Manuel Brug ruft in der Welt nur "Willkommen in der Pfanni-Arena!" Immerhin erhofft sich Brug aber von der rauen Gegend eine gewisse Auffrischung des doch recht konservatibven Münchner Musikprogramms.

Gesellschaft

Ausführliche Hintergrundtexte zu der groß angekündigten Aussage der NSU-Terroristin Beate Zschäpe gibt es bei Spiegel Online. In der FAZ schätzt Helene Brubowski, dass Zschäpe mit ihrer Aussage eine Verurteilung wahrscheinlicher macht, weil ihr damit das Schweigen zu anderen Punkten negativ angelastet werden kann.
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