Efeu - Die Kulturrundschau

Die Unruhe der Spielenden

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16.11.2015. Die taz lernt in  Sebastian Nüblings Stück "In unserem Namen" einiges über den beängstigenden Druck, unter dem Flüchtlinge stehen. Die taz porträtiert die Eagles of Death Metal, die am Samstag abend im Pariser Club Bataclan spielten. Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" ist das Buch dieses Moments, meint die Berliner Zeitung.

Bühne


Szene aus "In unserem Namen". Bild: Ute Langkafel, MAIFOTO

Gruselige Koinzidenz: Gerade gab es im Berliner Maxim-Gorki-Theater die Premiere von Sebastian Nüblings "In unserem Namen", eine Bearbeitung von Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama "Die Schutzbefohlenen", da erfuhr man beim anschließenden Umtrunk von den zeitgleich stattgefundenen Ereignissen in Paris. Insbesondere der Anschlag aufs Bataclan, wo sich Menschen ganz ähnlich versammelten wie im Gorki, lässt die Kritik frösteln, zumal es bei Nübling dezidiert auch um das gemeinsame Raumerlebnis der Theateraufführung geht, wie Katrin Bettina Müllers Besprechung in der taz zu entnehmen ist: "In Jelineks Text über die verzweifelte Situation vieler Geflüchteter scheinen die Strategien ihrer Zurückweisung in Europa in jedem Satz durch. Es ist eine Sprache unter Druck, des ständigen Zwangs zur Legitimierung des eigenen Seins, des Hierseins. Immer wieder in Frage gestellt zu sein, bis man kaum mehr 'Ich' sagen kann; was das bedeutetet, transportiert im Gorki-Theater auch die Unruhe der Spielenden, ihr Wandern durch den Raum, ihr Rennen, teils die Wände hoch, mitten zwischen den Zuschauern. Kein Ankommen, kein zur Ruhe kommen."

Weniger dramatisch nahm Peter Laudenbach von der SZ den Abend wahr. Erst die äußeren Umstände des 13. November laden ihn seiner Ansicht nach auf. Er sieht in der Inszenierung an sich im direkten Vergleich zu früheren Inszenierungen "ein naives Erlebnisangebot" und "ein Späßchen für politisch interessierte Kulturflaneure. Aber nach den Anschlägen in Paris wirkt Nüblings Kindergeburtstags-Versuchsanordnung plötzlich wunderbar optimistisch und menschenfreundlich. Weil es hier, im Theater, eng und die Atmosphäre trotzdem freundlich ist, arrangiert man sich zu so etwas wie einer provisorischen sozialen Ordnung, auch wenn sie im Augenblick nur darin besteht, darauf zu achten, dem Vordermann nicht den Ellbogen ins Genick zu rammen, und zu versuchen, sich in der Kakofonie zu orientieren."

Weiteres: Rüdiger Schaper fordert im Tagesspiegel mehr Unterstützung für das Berliner Grips-Theater.

Besprochen werden Achim Freyers Inszenierung des "Don Giovanni" in Wien (Presse, NZZ), das Kindermusical "Das verzauberte Schwein" im Opernhaus Zürich (NZZ), Stephan Kimmigs Inszenierung von Goethes "Clavigo" am Deutschen Theater in Berlin (Welt), Fabian Hinrichs' und Schorsch Kameruns im Hebbel-Theater in Berlin uraufgeführte Performance "Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück" (taz), David Pountneys Inszenierung von Stanisław Moniuszkos "Das Gespensterschloss" in Warschau (FAZ) und zwei in Deutschland in Oberhausen und Köln erstaufgeführte Stücke des Dramatikers Lars Norén (FAZ).
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Musik

Man falle auf den verführerischen Bandnamen nicht herein: Anders als in den ersten Meldungen kolportiert, spielt die Band Eagles of Death Metal, die im Pariser Club Bataclan während des Anschlags darauf ein Konzert gab, keineswegs Death Metal, informieren Julian Weber und Jens Uthoff in der taz. Die Band "zitiert ausgiebig Blues und Boogierock, aber auch Rockabilly. Man spielt Harakiri mit Rollenbildern und machistischen Images von Heavy Metal und den bekannten Chorknaben des Rock." Außerdem erfahren wir, dass die Band für die Israelboykott-Aufrufe eines Roger Waters bloß ein simples "Fuck You" übrig hatte. Was verbunden mit der Tatsache, dass das Bataclan bis vor kurzem jüdische Besitzer hatte und dort pro-israelische Veranstaltungen stattfanden, Grund zur Annahme eines ganz gezielten Anschlags auf Haus samt Band und deren Fans gibt, meinen die beiden Taz-Autoren.

Im Tagesspiegel glaubt Gerrit Bartels dagegen an einen Zufall, rümpft die Nase über die "eiserne rechtsnationale Gesinnung" des Frontmanns Jesse Hughes, der sich mit seiner Band aus einer Hintertür des Clubs retten konnte, und bedauert: "Jesse Hughes wird sich in seiner politischen Gesinnung nur bestätigt sehen." Die Fans der Eagles of Death Metal wollen die Band nun mit einer konzertierten Aktion an die Spitze der Charts bringen, meldet die taz mit dpa. Und auf Youtube gibt es die Aufnahme eines Konzerts:



Erfreulicheres: Beim Konzert von Kamasi Washington kommen Robert Henschel von der Jungle World erst elaborierte Referate zur Geschichte des Afrofuturismus und dessen subversiven Subjektbegriff in den Sinn, was schlussendlich aber doch der ekstatisch begrüßten Übermannung weicht: "Wie viel besser diese Musik ist, wenn man sie nicht perspektivisch ansieht und -hört, sondern wirklich zuhört, während sie wütet ... Sich selbst samt des Bewusstseins dieses Selbst zertrümmern lassen, darum geht es." Auf Youtube gibt es ein ganzes Konzert:



Weiteres: In der Jungle World porträtiert Kevin Zdiara den Rapper Ikonoklaste, dem in Angola vorgeworfen wird, einen Staatsstreich vorbereitet zu haben. Besprochen werden ein Konzert des Paavo Järvis Orchestre de Paris mit der Cellistin Sol Gabetta (FR), Cee Lo Greens neues Album "Heart Blanche" (Tagesspiegel), ein Konzert von David Fray in Berlin (Tagesspiegel), die Memoiren von Neubauten-Musiker Alexander Hacke (Zeit), der Auftritt von Archie Shepp und seinem Pariser Orchester beim Enjoy-Jazz-Festival (SZ) und Elvis Costellos Autobiografie (SZ, Freitag).
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Literatur

Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" ist "das Buch dieses Moments", schreibt Arno Widmann in der Berliner Zeitung im Hinblick auf die jüngsten Anschläge in Paris: "'Unterwerfung' ist eine Warnung. Wenn wir uns für nichts interessieren, sollen wir uns nicht darüber wundern, dass die siegen werden, die sich für ihre Interessen einsetzen. Unsere Gleichgültigkeit wird unserer Unterwerfung den Weg bereiten. Das von unserer Interesselosigkeit geschaffene Vakuum saugt die an, die uns vertreiben werden. Sei es der Front National, seien es die Muslime."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder über rechts-offene Verlage. In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Mathias Mayer über Hund-Epigramme bei Schopenhauer und Goethe. Außerdem jetzt online bei der FAZ: Die vielbeachtete Dankesrede von Büchnerpreisträger Rainald Goetz.

Besprochen werden Javier Sebastiáns Roman "Thallium" (Presse), Henning Ahrens' "Glantz und Gloria" (FR), Peter Kurzecks Romanfragment "Bis er kommt" (Tagesspiegel), Peter Sprengels Biografie über den Dichter Rudolf Borchardt (SZ, mehr dazu hier) sowie in der FAZ diverse Krimis, darunter Antonio Ortunos "Die Verbrannten" (unsere Besprechung hier).

Mehr aus dem literarischen Leben in unserem fortlaufend aktualisierten Meta-Blog Lit21.

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Kunst

Besprochen werden die Anton-Corbijn-Retrospektive im C/O Berlin (Tagesspiegel), die Projektionsinstallation "Mafalda und Eternauta retten die Welt: Die kritische Kunst des argentinischen Comics" in der Akademie der Künste in Berlin (taz), eine Ausstellung über kurdische Identität in der Wiener Galerie Hinterland (Presse) und die Ausstellung "Sturm-Frauen - Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1931" in der Frankfurter Schirn (SZ).
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Film

Filmemacherinnen in den USA wollen sich jetzt mit einer Sammelklage gegen ihre Diskriminierung in Hollywood wehren, berichtet Nina Jerzy in der NZZ: "Überraschend ähnlich düster stellt sich die Lage in Europa dar. Laut vorläufigen Ergebnissen einer paneuropäischen Studie des European Women's Audiovisual (EWA) Network führten Frauen bei rund 16 Prozent der zwischen 2003 und 2012 entstandenen Filme Regie. Lediglich Schweden verfolgt demnach konsequent die Gleichstellung weiblicher Filmschaffender und lässt ihnen 50 Prozent der staatlichen Filmförderung zukommen. Der Abschlussbericht der EWA soll auf der Berlinale 2016 präsentiert werden."

Weiteres: In der Presse resümiert Anna-Maria Wallner das Kopenhagener Dokumentarfilmfestival Cph:Dox. Besprochen wird Andy Herzogs und Matthias Günters Film "Wintergast" (NZZ).
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