Efeu - Die Kulturrundschau

Stammeln und Stottern und Herumtigern

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2015. Art news  besucht die Frank-Stella-Retrospektive im Moma. Die NZZ sieht mit Beckett und Imogen Kogge dem Verrinnen der Zeit zu und singt eine Hommage auf den Seil tanzenden Büchner-Preisträger Rainald Goetz. Die FAZ hört feurigen und präzisen Mozart in Havanna. In der Welt zieht Dieter Wellershoff Lehren aus dem Krieg. Historiker sind schlechte Romanciers, behauptet in der taz der ungarische Autor György Dragoman.

Bühne


Imogen Kogge in Becketts "Glückliche Tage". Foto: Toni Suter / T+T Fotografie

Einen "glücklichen Abend" bescherte Werner Düggelins Inszenierung von Becketts "Glückliche Tage" im Zürcher Schiffbau NZZ-Kritikerin Barbara Villiger Heilig. Was nicht zuletzt an Darstellerin Imogen Kogge lag, die, eingegraben in einen Schutthaufen, die Welt widerspiegelte: "Körperhygiene und Klassikerzitate rhythmisieren die zerrinnende Zeit, notfalls reicht eine Binsenweisheit. Spektakulär, mit welcher Natürlichkeit Imogen Kogge diesen Rhythmus gestaltet. Sie lässt Pausen verstreichen, versinkt in Gedanken, scheint den Halt zu verlieren, gewinnt ihn unvermutet wieder, indem sie eine neue Gelegenheit beim Schopf packt, und sei es zum zigsten Mal die Zahnpastatube, deren Aufschrift sie zu entziffern sich abmüht. Ringsherum droht das Nichts; in Imogen Kogges Wesen aber spiegelt sich eine Welt." (Eine weitere Besprechung gibt's in der Nachtkritik)

Für die FAZ führen Hannes Hintermeier und Jürgen Kaube ein großes Gespräch mit dem Regisseur Dieter Dorn, der heute seinen 80. Geburtstag feiert und bei Sachfragen vom Ensemblegedanken über den erweiterten Theaterbegriff bis zur Kulturpolitik unerschütterlich für die reine Lehre streitet: Wenn das Stadttheater "verschwindet, bekommen wir dann amerikanische oder englische Zustände, wo alles Theaterleben allein an den Hochschulen und an zwei, drei Spezialtheatern hängt? Die Kraft des Theaters kommt aber nicht aus einem einzigen Event oder einem Stück, das zweihundertmal gespielt wird, sondern aus der Kontroverse der Stücke, die nach- und nebeneinander auf dem Spielplan stehen."
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Literatur

Im taz-Gespräch mit Stefan Hochgesand erklärt der Schriftsteller György Dragomán, warum er für seinen neuen Roman "Der Scheiterhaufen" über die Umbruchszeit im Rumänien 1989/90 keine Recherchen angestellt hat: "Ich habe nie behauptet, dass mein Roman historisch akkurat sei. Das ist meine Welt, und ich lebe in dieser Welt. Wie auch in meinem ersten Buch. Ich wusste, Recherche würde mir nicht helfen. Ich würde keinen historischen Roman schreiben, sondern über Macht, Diktatur und Freiheit. ... Ich denke, Historiker sind schlechte Romanciers. Geschichte besteht auch aus Romanen, aber aus schlechten Romanen. Ich versuche, mich von Geschichte fernzuhalten."

In der NZZ porträtiert Roman Bucheli den Georg-Büchner-Preisträger Rainald Goetz als "literarischen Seiltänzer", der wunderbar tanzen, aber auch spektakulär abstürzen konnte: Wie bei der ersten Frankfurter Poetikvorlesung, als Goetz ohne jedes Sicherheitsnetz versuchte, seine Rede beim Sprechen zu verfassen, um die Zuhörer an der "Entstehung von Literatur" teilhaben zu lassen: "So wohnte das Publikum von Rainald Goetz' erster Poetikvorlesung einem geradezu historischen Moment bei. Es erlebte, wie der Sprachfetischist im Scheitern die Transzendenz des Sprechens entdeckte. Dass vor der Rede und nach der Rede nicht einfach nur nichts war und dass sich dieses Numinose aller Darstellung entzog: Im Stammeln und Stottern und Herumtigern im Hörsaal der Frankfurter Universität und vor den gestrengen Augen des Verlegers machte Goetz diese Entdeckung, die ihm so neu nicht sein konnte."

Im Gespräch mit der Welt erzählt der Schriftsteller Dieter Wellershoff vom Krieg und den Lehren, die er daraus gezogen hat: "Ich hatte jedenfalls immer genügend Skepsis, um zu wissen, wie sehr Erfolg von äußeren Faktoren abhängig ist. Man darf nicht weinen, wenn einen statt Glück die Strafe trifft. C'est la vie. Der eine wird getroffen, der andere wird nicht getroffen."

Weitere Artikel: Außerdem hat die Welt Sigrid Löfflers Laudatio auf Daniela Strigl übernommen, die mit dem Berliner Preis für Literaturkritik ausgezeichnet wurde. Hundertvierzehn präsentiert die zweite Folge von Thomas von Steinaeckers und Barbara Yelins Webcomic "Der Sommer ihres Lebens". Für die Jungle World hat Magnus Klaue ein ausführliches Porträt des amerikanischen Kriminalroman-Autors Rex Stout verfasst, dessen "antideutschen Gestus" er besonders schätzt. Von Rainald Goetz verschmäht, von zahlreichen Lesern geliebt: In der SZ denkt Lothar Müller über dicke Bücher nach. Die FAZ dokumentiert Martin Walsers Dankrede zum Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis. Der Literaturpreis der Académie Française geht in diesem Jahr an Boualem Sansal für seinen Roman "2084", der von einer religiösen Diktatur erzählt, und an Hédi Kaddours Geschichte "Les Prépondérants" (etwa: Die Maßgeblichen) über die Kolonialgesellschaft im Maghreb 1920, meldet DRadio Kultur. Gleich darunter die Meldung, dass FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg aus "privaten Gründen" spätestens Ende Januar 2016 die FAZ verlassen wird.

Besprochen werden Karl Heinz Bohrers Band "Das Erscheinen des Dionysos" (NZZ), die neue Comicversion der "Perry Rhodan"-Groschenheftreihe (Tagesspiegel), Miranda Julys "Der erste fiese Typ" (taz), neue Hörbücher (taz) und eine Schau zur Geschichte des Johann-Heinrich-Merck- und des Sigmund-Freud-Preises im Hessischen Landesmuseum Darmstadt (FAZ, SZ).
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Film


Szene aus "The Duke of Burgundy", einem "lesbischen SM-Drama der Extraklasse" um zwei Insektenforscherinnen

Geradezu episch resümiert Thomas Kaestle auf Zebrabutter den zehnten Jahrgang des von Perlentaucher-Filmkritiker Jochen Werner co-kuratierten Pornfilmfestivals in Berlin, dem es gelingt, "unzählige parallele oder gar widersprüchliche Perspektiven zu einer fünftägigen Manifestation radikaler Toleranz" zusammenzufassen. "Ich entscheide mich bei der Vorabplanung, mein Festival durch zwei Programmpunkte einzurahmen, die das Thema Porno auf einer Metaebene betrachten. Zum einen ist das der Workshop I'm so horny: How to watch Porn and take care of my arousal von Sandra Lindner und Dominik Frangenheim. Es geht um den eigenen Pornokonsum. Die Gruppe ist klein, schnell tauschen sich alle mit wechselnden Gesprächspartnern entlang vorbereiteter Fragen in größter Offenheit aus."

Besprochen werden Sam Mendes' neuer James-Bond-Film "Spectre" (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), der neue "Macbeth"-Film mit Michael Fassbender (ZeitOnline), Jean-Jacques Annauds "Der letzte Wolf" (SZ, Perlentaucher) und Christian Ulmens "Macho Man" (FAZ).

Und ein Mediathekentipp fürs Wochenende: Bei Arte kann man derzeit Benjamin Heisenbergs "Der Räuber" sehen. In seiner Perlentaucher-Kritik verspricht Lukas Foerster "einen kraftvoll und sorgfältig inszenierten Film".
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Musik

Ziemlich hin und weg ist FAZ-Musikkritikerin Eleonore Büning vom ersten in Havanna ausgerichteten Mozartfestival: Zu entdecken gebe es in Kuba demnach "wettbewerbsreife junge Musiker, grandios synchron agierende Chöre mit starkem Fundament, beweglichen Tenören und glockenreinen Sopranen sowie ein feuriges und präzis agierendes Jugendorchester, das europäischen Vergleichen locker standhält."

Weiteres: Im VAN Magazin bringt Hartmut Welscher den dritten Teil seines Tagebuchs von der Tournee des Deutschen Symphonie-Orchesters durch Südkorea und Japan. Tazler Stefan Hochgesand spricht ausführlich mit dem jungen Pianisten Jan Lisiecki. In der taz plauscht Radek Krolczyk mit der Bremer Metalband Mörser, die dieser Tage ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert. Tazler Thomas Winkler trifft sich auf einem Berliner Friedhof auf ein Gespräch mit dem Musikproduzenten Robert Koch. Passend zu Halloween plaudert Mat Colegate von The Quietus mit Alan Howarth, legendärer Komponist von synthie-lastigen Horror- und Science-Fiction-Soundtracks. Auf Mixcloud gibt es eine Zusammenstellung seiner zusammen mit John Carpenter entstandenen Arbeiten:



Besprochen werden das neue Album "Es ist die Wahrheit obwohl es nie passierte" von A Tribe Called Knarf (Spex) und "Wald" von Pole (taz).
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Kunst


Frank Stella, East Broadway, 1958, oil. ©2015 Frank Stella/Artists Rights Society (ARS), New York, Addison Gallery of American Art, Phillips Academy, Andover, Massachusetts

Ach, diese Retrospektiven zu Künstlern, die immer noch arbeiten, seufzt Elizabeth C. Baker in art news. Als wollte man sie zu Lebzeiten schon beerdigen. Auch die große Frank-Stella-Retrospektive im New Yorker Moma betrachtet sie mit gemischten Gefühlen. "More unfortunate is the fact that there were only four of the revolutionary black works. Yet these are the heart of that near-mythical early period which especially needs to be seen in depth. ... There is a gradual but quite marked alteration of emphasis from the romanticism of the black paintings, their anti-art ferocity and personal emotionalism; for all their polemical, programmatic negation of Abstract Expressionism, they were not so far from it as all that. They are exceedingly intense, look hand-made and rely on Abstract-Expressionistic scale. These works have not lost their initial many-layered significance. They hold the complex roots of the painter's early attitudes, unswerving adherence to absolute abstractions coexisting with an aggressive anti-art stance and considerable Dada-related irony. It is worth remembering how natural and close, at the time, the link seemed between early Stella and just-evolving Pop Art."

Außerdem: Die New Yorker Kunstszene blutet zusehends Richtung Los Angeles aus, berichtet Peter Richter in der SZ.

Besprochen werden die Ausstellung "Sturm-Frauen - Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910-1932" in der Schirn in Frankfurt, bei der Sandra Danicke (FR) die Kinnlade vor Staunen herunterfällt, und Stefan Sagmeisters "Happy Show" im MAK in Wien (SZ).
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