Efeu - Die Kulturrundschau

Ursonaten gurgeln

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07.07.2015. Die NZZ kommt auf Hochtouren vor den Zeichnungen von Silvia Bächli in Besancon. In der FR erkennt der russische Theatermacher Iwan Wyrypajew, dass nicht nur in Russland das Traditionelle bevorzugt wird. Die FAZ kann dem mit Blick auf das Publikum für Neue Musik nur beipflichten. Im Dradio Kultur denkt Thorsten Jantschek über den Bedeutungswandel der Literaturkritik nach. Im Independent ist Dustin Hoffman sehr unzufrieden mit dem Zustand des amerikanischen Films.

Kunst


(Bild: Silvia Bächli & Eric Hattan)

Samuel Herzog versucht sich in der NZZ einen Reim auf die Zeichnungen von Silvia Bächli zu machen, die gerade im Fonds Régional d"Art Contemporain (Frac) in Besançon ausstellt. Aber es gelingt ihm nicht, gibt er zu: "Vielleicht brauchte es als Gegenüber dieser Zeichnungen einen sehr freien und beweglichen Geist, der wie eine Hummel von einem Blatt zum nächsten summt und überall nur gerade das aufsaugt, was er für die Aufzucht seiner eigenen Gefühls- oder Gedankenbrut brauchen kann. Denn auch wenn einem niemand sagen kann, was man mit diesen Zeichnungen anfangen soll, darf man doch alles damit tun: in den Strichgerippen schlaraffische Wurstbäume sehen, nach den transparenten Schlingen Ursonaten gurgeln, die Strichgitter für Tanzanweisungen halten..."

Weiteres: Für den Tagesspiegel besucht Gunda Bartels gemeinsam mit AdK-Direktorin Birgit Jooss die Archive der Berliner Akademie der Künste. Besprochen wird Maya Schweizers in der Kunsthalle Baden-Baden ausgestellte Videoinstallation "Der sterbende Soldat von Les Milles" (taz).
Archiv: Kunst

Bühne

Inna Hartwich unterhält sich für die FR mit den russischen Theatermachern von teatr.doc, Praktika und dem Meyerhold-Zentrum. Die drei bilden ein Moskauer Nest des Widerstands gegen die staatlichen Versuche, kritisches Theater in Russland mundtot zu machen. Neben bürokratischen Schikanen machen ihnen vor allem inhaltliche Vorgaben zu schaffen. Iwan Wyrypajew, künstlerischer Leiter von Praktika, "erkennt hier einen Kampf der Werte, nicht nur in Russland. Das Traditionelle, vermeintlich Stabile, ringe mit dem Postmodernen, wo nichts mehr sicher sei und eine Fülle von Möglichkeiten die Entscheidungen schwer mache. "Der Mensch aber braucht nun einmal Stabilität. Der russische Staat vermittelt da vielen den Eindruck, er könne diese Stabilität auch schaffen.""

Oper, Neue Musik und das (ausbleibende) Publikum - dass es das Neue so schwer bei den Besuchern hat, während das Repertoire sich großen Zuspruchs erfreut, liegt nach Stephan Speicher auch an den sinkenden Abonnementzahlen: Wo das Publikum sich mehr und mehr gezielt auf "Reißer" konzentriert, sinkt die Neugier und der Wille, sich Neuem auszusetzen, meint er in der FAZ: "Der Abonnent ging am Leitseil der Dramaturgie ins Theater, um zu sehen, was diese für wichtig hielt. Das war eine Art der Kanonbildung und wie jede Kanonbildung nicht ohne autoritären Einschuss, aber wirksam für die Sache der Kunst. ... Das klingt nach dem Künstler als Führer. Aber der kritische Verbraucher, der weiß, was er will, ist auch ein Problem in den Künsten. Denn er wird sich für die geprüfte Qualität entscheiden, also nicht für das Neue."

Reinhard J. Brembeck berichtet in der SZ von den ersten Aufführungen beim Festival in Aix-en-Provence, wo Martin Kusejs von der Festivalleitung um Anspielungen auf den IS gekürzte Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" vorab Schlagzeilen machte. Vermisst hat der Kritiker die Elemente freilich nicht: "Wäre der Abend denn ohne die Zensur über die uninspirierte Regie, die sich nur am Text, aber nie an der Musik orientiert, über das von Dirigent Jérémie Rhorer angestiftete matte Orchesterspiel und über die nur soliden Gesänge hinausgekommen?"


"Frei Willig Arbeiten". Ein Projekt von satellit produktion beim Marstallplan in München. Foto: Konrad Fersterer

Überforderung
meldet Sabine Leucht vom Nachwuchsfestival Marstallplan am Münchner Residenztheater. Aber, erklärt sie in der Nachtkritik, das ist die Grundidee. Sie gilt auch für die Nachwuchskünstler, die hier zeigen können, was sie können: "Wofür ihnen zwar der ganze professionelle Apparat zur Verfügung steht, aber auch extra viel Stress blüht. So ist es nicht ohne Ironie, dass anlässlich des über dem Gesamtprojekt stehenden Heiner Müller-Zitats "Luxus braucht Sklaverei" und der davon abgeleiteten Frage, "wie wir leben wollen", außer der Gier ausbeuterischer Systeme auch theatrale Binnenstrukturen ins Visier geraten. Deren "Sklaven" empfinden die schlaf- und atemlosen Wochen vor der vielleicht ersten eigenen Inszenierung womöglich sogar als Luxus."

Besprochen werden drei in Frankfurt gespielte Einakter von Bohuslav Martinů (FR), Olivier Pys "König Lear"-Inszenierung, mit der das Festival d"Avignon eröffnet wurde (SZ), und Hofesh Shechters bei den Foreign Affairs in Berlin aufgeführte Choreografie "Barbarians" (FAZ).
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Literatur

Auch bei Deutschlandradio Kultur ist die Zahl der täglichen Rezensionen von fünf auf zwei gesunken. Trotzdem will Thorsten Jantschek, Redakteur bei Dradio Kultur, in einem Beitrag zu der von Wolfram Schütte im Perlentaucher lancierten Debatte über Literaturkritik, nicht von einem Niedergang, sondern von einem Bedeutungswandel der Rezension sprechen, die nicht mehr länger Königsgattung sondern nurmehr eine Form unter mehreren sei: "Es gibt viele Anzeichen dafür, dass sich die Position der Kritikerin und des Kritikers in diese Richtung verändert, vom exponierten Gegenüber auf dem Richterstuhl hin zum Teilnehmer eines Gesprächs, bei dem es nicht ausgeschlossen ist, dass in ihm mitunter die Fetzen fliegen. Der Versuch, das "Literarische Quartett" wieder aufleben zu lassen, ohne die Autorität des Großkritikers im klassischen Sinn, darf als weiteres kleines Indiz für diese Rollenverschiebung gesehen werden."

Beim diesjährigen Literaturfestival in Leukerbad wurde nicht nur gelesen, sondern auch in Gesprächsreihen über die Zukunft von Literatur und Gesellschaft debattiert, berichtet Claudia Mäder in der NZZ. "Konsens herrschte darüber, dass das Reale dabei ist, dem Fiktiven den Rang abzulaufen: Mit ihren aus Luft und Worten gebauten Konstrukten schafften Wirtschaftsmanager Universen, von denen er als Autor nur träumen könne, befand etwa Marcel Beyer. Ob die Literatur angesichts dieser Umstände Eskapismus üben und Fluchträume kreieren oder sich eher mitten ins Getümmel begeben solle, war freilich umstritten."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung spricht Steven Geyer mit dem französischen Comiczeichner Lewis Trondheim, der im neoliberalen Kapitalismus eine größere globale Gefahr sieht als in islamistischen Terroristen.

Besprochen werden Albrecht Schönes Band über den "Briefschreiber Goethe" (NZZ), Kamila Shamsies Roman "Die Straße der Geschichtenerzähler" (NZZ), Robert Douglas-Fairhursts bisher nur auf Englisch erschienene Biografie Lewis Carrolls "The Story of Alice" (NZZ), Michael Degens "Der traurige Prinz" (Tagesspiegel) und Esther Dischereits "Großgesichtiges Kind" (taz).
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Film

Dustin Hoffman ist sehr unzufrieden mit dem Zustand des amerikanischen Films, lesen wir im Independent. ""I think right now television is the best that it's ever been and I think that it's the worst that film has ever been - in the 50 years that I've been doing it, it's the worst," he claims. This opinion comes despite his HBO TV show about horse racing Luck being cancelled while they were shooting the second season when PETA protested about the deaths of horses on set."

Besprochen werden Lav Diaz" neuer Dokumentarfilm "Storm Children: Book One" (critic.de), der neue Terminator-Film mit Arnold Schwarzenegger (ZeitOnline) und der Dokumentarfilm "Seht mich verschwinden" über das 2010 gestorbene, magersüchtige Model Isabelle Caro (Tagesspiegel).
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Design

Wer einen deutschen Designer aus der Nachkriegszeit jenseits "professionell serviler Coolness" entdecken will, dem empfiehlt Bettina Maria Brosowsky in der NZZ eine Ausstellung des Werks von Walter Papst (1924-2008) in Hannover. (Bild: dreibeiniger Holzstuhl von Walter Papst)
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Stichwörter: Walter Papst

Musik

Zwei neue, von Alexa Geisthövel und Bodo Mrozek herausgegebene Bände (mehr dazu hier) befassen sich mit Popgeschichte und -kritik. Leider fallen sie auf ein Niveau der Reflexion zurück, das schon lange als überwunden galt, klagt Klaus Walter in der taz: "Dem trostlos unextravaganten Jargon entspricht die theoretische Fallhöhe. Ein Begriff wie "subversiv" wird so inflationär wie unreflektiert verwendet, als hätten sich die Bedingungen, unter denen Handeln subversiv ist, seit dem ersten Hüftschwung von Elvis nicht verändert. ... Ähnlich gedankenlos wird mit Marketingsprech wie Weltmusik, Alternative oder Independent hantiert, wo doch schon 1996 die Fragen auf der Hand lagen: Was für eine Welt? Alternative zu was? Independent von wem? 20 Jahre alte Diskurse aus "Mainstream der Minderheiten" werden hier nicht nur nicht weitergedacht, vieles fällt hinter den Stand von damals zurück."

Da geht eine Epoche dahin: Nach 50 Jahren Bandgeschichte verabschiedete sich das Hippie-Urgestein Grateful Dead am vergangenen Wochenende mit drei Konzerten von seinen Fans. "Waren Grateful Dead nicht immer schon eine Band, die gleichermaßen getrieben und gebremst wurde vom Gewicht ihrer eigenen Geschichte", fragt sich da Rob Mitchum in seinem Nachruf in der SZ.

Für die SZ besucht Michael Stallknecht die Düsseldorfer Musikerambulanz, die seinerzeit vielleicht auch Robert Schumanns Karriere als Pianist hätte retten können. Denn exzessives Musikspielen kann dem Körper schaden, wie wir erfahren: Schumanns Toccata op. 7 "fordert enorm viel vom Pianisten, nur eines nicht: den Einsatz des Mittelfingers der rechten Hand. Grund dafür könnte sein, dass der junge Schumann ihn nicht mehr problemlos bewegen konnte. Er hatte sich sogar ein Gerät gebaut, um ihn gesondert zu trainieren. Nur: Damit machte er alles noch schlimmer, die angestrebte Pianistenlaufbahn musste er am Ende aufgeben: ein klassischer Fall von fokaler Dystonie."

Weiteres: Fabian Wolff trifft sich für den Tagesspiegel mit den Rappern von K.I.Z. Besprochen werden ein drittes Konzert mit András Schiff in Zürich (NZZ) sowie Konzerte von Dillon (Berliner Zeitung) und Ron Sexsmith (taz, Berliner Zeitung).
Archiv: Musik