9punkt - Die Debattenrundschau

Anschlag auf die Sinne

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2015. Villa Kunterbunt oder ästhetisches Verbrechen? Vor dem Richtfest des Berliner Stadtschlosses sind sich taz und SpOn uneins in der Bewertung von Deutschlands seltsamstem Gebäude. Die FR erinnert an die Anfänge des organisierten Fußballs in Deutschland. Die Welt erklärt, wie die Terroranschläge vom Januar die französische Gesellschaft voran gebracht haben. Und die New York Times wäre lieber Kunde als Produkt von Facebook.

Kulturpolitik


Anmutung eines Neubaus: Das Berliner Stadtschloss. (Foto: micharl_be)

"Im Grunde entsteht hier gerade Deutschlands seltsamstes Gebäude", stellt Dirk Knipphals in der taz eine Woche vor dem Richtfest des Berliner Stadtschlosses fest und ist im Ganzen eher angenehm überrascht: "Es wird ein 184 mal 117 Meter großer moderner Betonbau sein, der teilweise wie ein barockes Schloss aussehen, teilweise wiederum die Anmutung eines Neubaus haben wird. Durch seine Höfe und Portale wird man, ganz im Gegensatz zu einem Herrschaftsgebäude, Tag und Nacht flanieren und mit dem Fahrrad fahren können. An der Spree wird man sitzen können. Und auf einer Fläche von insgesamt 41.000 Quadratmetern wird das Gebäude die Vielfalt der Kulturen der Welt präsentieren an der Stelle, an der einst die Hohenzollern residierten, dann die Weimarer Republik ausgerufen wurde, dann die Volkskammer der DDR tagte. Statt nach dem einheitlichen restaurativen Narrativ, das viele (auch ich) hinter der Rekonstruktionsidee vermuteten, sieht das inzwischen eher nach einem kunterbunten Architektur- und Geschichtspatchwork aus."

Georg Diez sieht das in seiner Kolumne auf Spiegel Online ein wenig anders: "Es ist der reine Dezisionismus - Symbol einer Politik, die nur eine Verkettung von Entscheidungen ist. Jede Entscheidung für sich war opportunistisch und falsch - zusammengenommen sind sie mehr als ein demokratisches Fiasko: Das ist der graue Grobian, der da aus tausend hohlen Augen auf Berlin schaut, das plumpe, gewalttätige Stadtschloss, ein Anschlag auf die Sinne, ein ästhetisches Verbrechen."

Auch das Berliner Kulturforum mit dem geplanten neuen Museum der Moderne braucht noch Leitung! "Damit das ganze Projekt gelingt, sollte man jetzt einen externen Projektsteuerer für das Kulturforum engagieren, der von der Ausschreibung des Wettbewerbs bis zur Schlussabrechnung verantwortlich ist", fordert der Architekt Volkwin Marg im Gespräch mit Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Dass er sich mit seinem Architekturbüro gmp gerade im Rechtsstreit mit der Flughafengesellschaft des neuen Berliner Flughafens befindet, hält Marg nicht davon ab, sich selbst für das Projekt zu bewerben: "Das Kulturforum begleite ich seit den sechziger Jahren. Scharoun und Mies van der Rohe sind meine Halbgötter, und ich habe stets darunter gelitten, dass das Gelände ein solcher Torso geblieben ist, ein unvollendetes Projekt der Moderne."

Geschichte

Anlässlich des heutigen Champions-League-Finales in Berlin erinnert Stefan Jakob in der FR an die Anfänge des organisierten Fußballs in Deutschland vor rund hundert Jahren: "Das "Gespenst", das in Europa umging, war nicht der Kommunismus, es trug vielmehr Trikot, Stutzen und Fußballschuhe, jedenfalls bei der akademischen Jugend. Der durch und durch nationalistische Turnvater Jahn war für die Youngsters bieder und out, der englische Mannschaftssport dagegen damals bereits hip."

Ebenfalls in der FR erzählt Horst Dieter Schlosser von der Gründung des Deutschen Bundes beim Wiener Kongress am 8. Juni 1815. Und in der NZZ rekapituliert der Botschafter a.D. Paul Widmer den Weg der Schweiz zur immerwährenden Neutralität auf dem Wiener Kongress.
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Europa

"Mit Abstand wirkt es so, als seien die Attentäter auf sagenhafte Weise gescheitert", stellt Martina Meister in der Welt fünf Monate nach dem Massaker bei Charlie Hebdo fest: "Der Elektroschock hatte sein Gutes, weil er den Franzosen die verdrängten und ungelösten Probleme ihrer Gesellschaft vor Augen geführt hat. Die Täter waren Franzosen, geboren und aufgewachsen in Frankreich, aber offensichtlich nie angekommen. Wenn die Republik den Kindern und Kindeskindern seiner Einwanderer nicht dieselben Chancen gibt wie allen anderen auch, wenn die Diskriminierung und Muslimfeindlichkeit nicht ein Ende findet, so die Einschätzung vieler, wird es früher oder später einen Bürgerkrieg geben. Frankreich denkt jetzt über sich selbst nach. Und es denkt nach vorn."

Franz Haas skizziert im NZZ-Feuilleton die schwierige Lage des italienischen Regierungschefs Matteo Renzi, der trotz weitreichender Reformen an Popularität verliert: "Die Erosion in Renzis PD hat vor allem zwei Gründe: der saloppe, oft undemokratische Führungsstil samt populistischer Sprücheklopferei und der Unmut der linken Basis über Renzis liberalistische Tendenzen. Letzterer Vorwurf ist oft nur eine Variante des altlinken Spruchs "Berlusconi ist schlimmer als Mussolini"; nun tönt es aus derselben Ecke: "Renzi ist schlimmer als Berlusconi." Zu solch übertreibenden Irrungen kommt es immer häufiger auch bei klugen linken Sympathisanten."
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Überwachung

Von den mindestens zwölf Stellen, an denen der BND Glasfaserkabel abhört, darf der NSA-Untersuchungsausschuss nur zwei längst eingestellte Operationen untersuchen, berichtet Andre Meister auf netzpolitik.org: "Weitere Operationen wie "Monkeyshoulder" und "Wharpdrive" sollen nicht öffentlich bekannt werden. Aber es gibt sie - und noch einige mehr... Nach Informationen von netzpolitik.org hatte der BND vor wenigen Jahren ungefähr ein Dutzend Operationen zum Abschnorcheln von Glasfasern. Auf internen Listen mit "Kabelerfassungen" stehen die Operationen Eikonal und Glotaic ungeschwärzt - und darunter nochmal zwölf oder mehr vollständig geschwärzte Abhör-Aktionen, die nicht bekannt werden sollen."

Ebenfalls auf netzpolitik.org rekapituliert Constanze Kurz die durch die Snowden-Enthüllungenen gewonnenen Erkenntnisse und stellt deprimiert fest, dass sich im Bundestag noch immer eine Mehrheit dafür findet, den BND mit weiteren Befugnissen und Mitteln auszustatten: "Die Wünsche oder Drohungen der sicherheitshysterischen US-Administration sind kein höheres Gut als Menschenrechte und Grundrechte. Die Bundesregierung sollte - statt weitere Briefe mit Fragen und Bitten an die US-Regierung zu schicken - endlich damit anfangen, gemeinsam mit anderen europäischen Ländern Forderungen zu formulieren. Und wenn es die Bundesregierung nicht tut, dann sollten wir es tun. Wir sind schließlich die Wähler, der Souverän mit den Grundrechten."

Der Artikel von Edward Snowden, auf den wir gestern in der französischen Fassung verlinkten, steht jetzt bei der New York Times auf Englisch online (siehe unsere gestrige Debattenrundschau), auf Deutsch steht er in der heutigen Printausgabe des Spiegel. Darin gibt es auch einen Bericht, dass Abhören unter Freunden nicht nur geht, sondern in der Bundesrepublik offenbar eine lange Tradition hat: seit den Sechzigerjahren habe der BND im Auftrag des Kanzleramts jahrzehntelang NATO-Partner wie Frankreich und die USA ausgespäht.
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Internet

Rund 20 Cent Gewinn macht Facebook jeden Monat pro Nutzer. Wenn das Unternehmen das Geld anstatt über personalisierte Werbung direkt von den Kunden einnehmen würde, wäre nicht nur das Problem des Datenschutzes gelöst, sondern auch das der Filterblase, meint Zeynep Tufekci in der New York Times: "Ad-based businesses distort our online interactions. People flock to Internet platforms because they help us connect with one another or the world"s bounty of information - a crucial, valuable function. Yet ad-based financing means that the companies have an interest in manipulating our attention on behalf of advertisers, instead of letting us connect as we wish. Many users think their feed shows everything that their friends post. It doesn"t. Facebook runs its billion-plus users" newsfeed by a proprietary, ever-changing algorithm that decides what we see. If Facebook didn"t have to control the feed to keep us on the site longer and to inject ads into our stream, it could instead offer us control over this algorithm."

Auf Zeit digital referiert Johannes Wendt eine Studie der türkischen Wissenschaftler Mustafa Akgül und Melih Kırlıdoğ über Internetzensur in der Türkei, die in dieser Disziplin "in einer Liga mit dem Iran und China" spielt.
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