9punkt - Die Debattenrundschau

Binäre Logiken

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.03.2015. In Le Monde erklärt André Comte-Sponville, warum Charlie Hebdo verantwortungsvoll mit der Meinungsfreiheit umging. Wer wissen will, wer wir Europäer sind, muss Jan Assmann lesen, meint die FR. Quartz.com sieht im State Building die hauptsächliche Verführungskraft von IS und Boko Haram, die nun liiert sind. Die Welt staunt über Pegida-Ableger in den Niederlanden und Britannien.

Ideen

Freiheiten sind nie absolut, sagt der Philosoph André Comte-Sponville im Gespräch mit Yves Daudu und Yann Plougastel von Le Monde. Und "keine Freiheit kommt ohne Verantwortung aus. Aber es wäre voreilig, Charlie Hebdo nun als unverantwortlich zu behandeln. Man kann im Gegenteil behaupten, dass sie ihre Verantwortlichkeit als laizistische oder libertäre Bürger bis zum Schluss verfochten haben. Niemand kann moralisch über die Verantwortlichkeit einer Person urteilen. Gerichte können es. Es ist vorgekommen, dass sie Charlie Hebdo verurteilen. Aber das war bei den Mohammed-Karikaturen nicht der Fall, und ich glaube, dass die Gerichte hier recht hatten."

Äußerst begeistert ist Dirk Pilz (FR) von Jan Assmanns neuem Buch "Exodus - Die Revolution der Alten Welt", in dem der Ägyptologe sich aufs Neue mit dem Monotheismus befasst. Gelungen ist ihm dabei "ein sehr gut lesbares Buch über die Entstehung einer neuen Religion, eines Denkens, das die europäische Geistesgeschichte bis in die feinsten Fasern hinein geprägt hat - und noch heute prägt. Wenn man wissen will, wer wir Europäer heute sind, muss man dieses Buch lesen." Einen Überblick über die 2013 von Assmann beim Perlentaucher angestoßene Monotheismus-Debatte finden Sie hier.
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Politik

Hilary Matfess denkt in Quartz.com über die neue Allianz zwischen dem IS und Boko Haram nach: "Viel Tinte wurde verbraucht, um die Anziehungskraft des "Islamischen Staats" zu erklären. Laut Boston Globe ist sie für viele darin begründet, dass die Gruppe eine "klare und bezwingende Idee von Bürgerschaft und State Building in einer Region, der es an beidem mangelt," entwickelt. Das gleiche gilt für Nigeria. Obwohl das Land 1999 zur Demokratie zurückkehrte, ist das Vertrauen der Bürger in die Regierung gering."
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Kulturpolitik

Im Streit um die Neubesetzung des Direktorenpostens an der Berliner Filmhochschule dffb (unser Resümee) hat das Berufungskuratorium gegen den Vorbehalt der Studenten wie angekündigt Ralph Schwingel als neuen Leiter eingesetzt, berichtet Claudia Lenssen im Tagesspiegel: "Der Hamburger Produzent, Drehbuchautor und Verleiher, der Filme von Fatih Akin produzierte und an der Filmuniversität Babelsberg lehrt, gilt zwar als offen für das Arthouse-Kino. Die Studenten fürchten aber, er solle den wirtschaftlichen Schwerpunkt an der DFFB verstärken, der dort bereits deutlich repräsentiert ist." Rüdiger Suchsland, der die Ereignisse um die Berufung in seinem Blog Cinema Moralia ausführlich kommentiert, erklärt: "Das, was gerade rund um die Deutsche Film- und Fern­seh­aka­demie Berlin (DFFB) passiert, ist ein Muster­bei­spiel, gewis­ser­maßen die Blaupause dafür, wie in Deutsch­land Politik, nicht zuletzt Kultur­po­litik gemacht wird."

Außerdem: Jeffrey F. Hamburger fürchtet in der FAZ, dass der Louvre durch Auslagerung von Werken ins Depot beschädigt werden könnte.
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Europa

Bert Rebhandl liest für den Freitag den Sammelband "Testfall Ukraine", in dem unter anderem Karl Schlögel schreibt, und zählt die Gründe auf, die den Blick auf die Ukraine besonders in der Linken verstellen: "Antiamerikanismus, EU-Skepsis, Pazifismus, Slawophilie, Geschichtspessimismus und schließlich der generelle Versuch, überkommene binäre Logiken in Kraft zu halten. Da ist man dann schnell wieder bei einem Faschismusverdacht, der Putin mit bizarrer Schlussrechnung zu einem progressiven Internationalisten werden lässt."

Düster liest sich, was der junge Autor Filipp Piatov in der Welt über die Überreste der Zivilgesellschaft in Russland ("Die tapferen 70.000") und ihre Gefährung schreibt: "Die Atmosphäre des Hasses, von der seit Nemzows Tod die Rede ist, hat noch lange nicht ihren Peak erreicht. Wenn die Ukraine als Ventil für Russlands Volkszorn nicht mehr ausreicht, werden die eigenen Oppositionellen herhalten müssen. Volksfeinde haben in Russland eine lange Tradition."

Dass der Antisemitismus in Deutschland und anderswo zunimmt, liegt auch daran, dass - auch vonseiten der israelischen Regierung - der Unterschied zwischen Diaspora-Juden und Israelis immer mehr aufgehoben wird, schreibt der Soziologe Y. Michal Bodemann in der taz: "Zu Ignatz Bubis" Zeiten war es in Deutschland noch ein Fauxpas, wenn nichtjüdische Deutsche Juden gegenüber als von "eurem Ministerpräsidenten Rabin" sprachen. Heute, mit Netanjahu, ist jedoch die israelische Knesset das "Parlament aller Juden", er selbst maßt sich an, für alle Juden zu sprechen, und nimmt so das Diaspora-Judentum als Geisel für seine Besatzungs- und Siedlungspolitik. Alle französischen und allgemein alle europäischen Juden gehören demnach angeblich nach Israel."

Während Pegida in Dresden hoffentlich sanft entschlafen ist, konstatiert Matthias Heine in der Welt erstaunliche Ableger der Bewegung in Großbritannien und den Niederlanden: "Der Germanist Philipp Krämer hat vor Kurzem im Blog des Instituts für Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin darauf hingewiesen, dass sich auch Pegida Wallonie-Bruxelles im französischsprachigen Teil Belgiens, Pegida Nederland und die Zweige in Skandinavien dafür entschieden haben, den originalen deutschen Namen einfach zu übernehmen."
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Kulturmarkt

Thomas Steinfeld denkt in der SZ anlässlich des Falls Achenbach, der demnächst entschieden wird, über das Wesen des Kunstmarktes nach: "Dass die Kunst, eben wegen ihres auratischen Charakters, den üblichen Verwertungsformen des Kapitals nur unter Schwierigkeiten anzupassen ist, begründet nun vor allem ihren realen Wert."
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Internet

Ein vom Bundeswirtschaftsministerium vorgelegter Gesetzentwurf zielt darauf ab, öffentliche WLAN-Hotspots zu regulieren, melden Svenja Bergt und Malte Kreutzfeldt in der taz. Für den Ausbau eines frei zugänglichen WLAN-Netzes ist das Gesetz jedoch kontraproduktiv, kritisiert Kreutzfeldt in einem flankierenden Kommentar: "So müssen Anbieter ihren WLAN-Zugang verschlüsseln, was einer problemlosen öffentlichen Nutzung widerspricht. Und die Nutzer sollen auf einer speziellen Startseite zunächst erklären, dass sie nichts Illegales tun werden. Diese Regeln sind unsinnig: Einerseits wird sich dadurch natürlich kein Straftäter aufhalten lassen. Andererseits bedeuten sie aber für die Anbieter einen zusätzlichen technischen Aufwand, der das Ziel konterkariert, mehr kostenlose Hotspots zu erreichen."

Die EU-Mitgliedsstaaten stimmen heute im Ministerrat über Kapitel II der geplanten Datenschutzgrundverordnung ab. Christiane Schulzki-Haddouti beleuchtet auf Zeit digital ausführlich die noch immer offenen Kernfragen des europäischen Datenschutzrechts und kommt zu der wenig zuversichtlichen Einsicht: "Ganz offenbar besteht zwischen der Fachwelt und der Politik eine tiefe Verständniskluft."
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