Efeu - Die Kulturrundschau

Schwebende Farbräume

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2015. Die Berlinalekritiker ziehen erschöpft erste Bilanzen und warten auf die Bärenvergabe heute Abend. Die NZZ lernt in einer Hamburger Ausstellung, welche Rolle die Poesie in Joan Mirós Werk spielt. In der Welt erklärt der Altorientalist Stefan Maul den Witz im "Gilgamesch"-Epos. In der Berliner Zeitung denkt Marcel Ophüls über Kameras nach. Die taz porträtiert den palästinensischen Rapper Rafeeq Hamawi, der Scheichs und Götter hinterfragt. In der FAZ erklärt Feridun Zaimoglu, warum ihm kein Computer auf den Schreibtisch kommt.

Film


Szene aus Laura Bisputis albanischem Wettbewerbsfilm "Sworn Virgin"

Das Ende ist erreicht: Alle Wettbewerbsfilme der Berlinale wurden gezeigt. Nun warten wir nur noch auf die Preis. Sehr angetan war Sophie Charlotte Rieger (Filmlöwin) von Laura Bisputis spät im Wettbewerb gezeigten Film "Sworn Virgin", im dem vorherrschende Geschlechterrollen und Körperideale mit ruhiger Hand eine Umdeutung erfahren. "In einer wunderschönen Montage verschiedener halbnackter Körper im Schwimmbad zeigt Bispuri eindrucksvoll die Mannigfaltigkeit der menschlichen Rasse und verleiht dabei jedem Körper - egal ob dick, dünn, alt, jung, männlich oder weiblich - individuelle Schönheit. ... Der Film blickt uns direkt in die Augen und fragt: Welcher Mensch, welche Frau oder welcher Mann, willst Du sein?"

Christiane Peitz (Tagesspiegel) gehen solche Fragen allerdings eher auf den Geist: "Wer bin ich? Wer seid ihr? Wen seht ihr in mir? Es wird Zeit, dass die Frauen hinter der Kamera auch mal andere Fragen stellen." Und im Perlentaucher schreibt Thekla Dannenberg: "Abenteurerinnen vor der Kamera sind eine tolle Sache, aber hinter der Kamera wären sie das auch."

Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht Marcel Ophüls über seinen Vater, das Interviewen von Mördern und die Entwicklung des Kinos. Interessant, wie sich in Ophüls Augen die Bedeutung der Kamera gändert hat: "Ganz abgesehen von den Überwachungskameras. Sie sind überall, sie beeindrucken nicht mehr. Zu meiner Zeit war eine Kamera etwas, das nicht nur beeindruckend war, sondern sogar als Waffe empfunden wurde."

Weiteres: Sebastian Schippers "Victoria" und Jafar Panahis "Taxi" waren für den Welt-Rezensten Hanns-Georg Rodek die beiden wichtigsten Filme auf der Berlinale. Andreas Kilb (FAZ) zieht Bilanz: Vor allem Hal Hartleys im Panorama gezeigter Film "Ned Rifle" wird ihm noch lange positiv in Erinnerung bleiben. Das asiatische Kino entferne sich "von westlichen Erzähltraditionen", erklärt Susan Vahabzadeh in der SZ nach ihren Sichtungen der drei asiatischen Filme im Wettbewerb. Cristina Nord (taz) hat sich die iranischen Filme des Festivals angesehen: In allen spielt das Auto eine wichtige Rolle. Nikolaus Perneczky taucht für den Perlentaucher in Kidlat Tahimiks "Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III" ein. Und Lukas Foerster denkt zum Abschluss der Berlinale über die Schwierigkeit nach, einen Film noch als filmisches Objekt wahrzunehmen, wenn sich so viele andere Beschreibungen aufdrängen.

Aus dem Wettbewerb besprochen werden außerdem Sabus "Chasukes Reise" ("drittklassig", stöhnt Ekkehard Knörer in der taz), Kenneth Branaghs "Cinderella"-Musical im Wettbewerb (Welt) und der vietnamesische Wettbewerbsfilm "Big Father, Small Father" (Berliner Zeitung, taz). Alle weiteren heutigen taz-Texte zum Festival hier und hier. Cargo schickt weiter munter SMS vom Festival. Stets einen schnellen Klick wert ist der mehrfach täglich aktualisierte Kritikerspiegel von critic.de. Vom Festival berichten online außerdem u.a. Filmgazette, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, FAZ, SZ, Das Filter und kino-zeit.de. Und der Perlentaucher ist selbstverständlich ebenfalls vor Ort.
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Kunst

Joan Miró verstehen kann man nur, wenn man den Einfluss der Poesie auf seine Bilder berücksichtigt, lernt NZZ-Rezensentin Ursula Seibold-Bultmann in der Ausstellung "Miró. Malerei als Poesie" im Bucerius-Forum Hamburg: Etwa in "Mirós "Peintures-poèmes" aus der Zeit ab 1924, als er die im engeren Sinne darstellende Malerei zugunsten seiner berühmten luftigen Ideogramme hinter sich gelassen hatte: Visuelle Gedichte, in denen Buchstaben oder Wortfolgen schwebende Farbräume poetisch auf den Punkt bringen."

Besprochen werden Nicola Rubinsteins Schau "You are invisible Now" in der Brotfabrik-Galerie in Berlin (taz), die Ausstellung "Degas, Cezanne, Seurat - Das Archiv der Träume aus dem Musée d"Orsay" in der Abertina in Wien (FR), eine Ausstellung von Rembrandts Spätwerk im Rijksmuseum in Amsterdam (Berliner Zeitung) und ein Bildband über Michael Berolzheimer (SZ).
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Bühne

Besprochen werden Thomas Marthalers Inszenierung von John Osbornes "Der Entertainer" in Hamburg (taz) und Tom Stoppards neues Stück "The Hard Problem" in London (Welt).
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Stichwörter: Tom Stoppard

Musik

Wenig Respekt vor menschlichen oder göttlichen Autoritäten zeigt der palästinensische Rapper Rafeeq Hamawi und fordert damit seine Landsleute heraus, erfahren wir im großen Porträt von Andrea Backhaus in der taz: "Mit rauer Stimme erzählt er davon, wie die Traditionen hier die Menschen gefangen hielten, wie hiesige Medien Politik zu Propaganda ummünzten. Und dass man die örtlichen Scheichs und den von ihnen propagierten Gott hinterfragen solle. In jedem anderen arabischen Land wäre das schon bemerkenswert. Hier, im Norden des Westjordanlandes, ist es fast eine Sensation."

Außerdem: In der SZ begeistert sich Annett Scheffel für den Schlagerpop der Wiener Band Wanda.
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Literatur

Im Interview mit der Welt hebt der "Gilgamesch"-Forscher Stefan Maul die politische Klugheit des Epos hervor, und seinen Witz: "Wenn zum Beispiel Gilgamesch dem Uta-napischti droht, er würde ihn, den Unsterblichen, zu Tode prügeln, wenn er ihm das Geheimnis seiner Unsterblichkeit nicht verraten würde, dann ist das doch ausgesprochen komisch. Das zeigt doch, dass dieser egomane Kerl überhaupt nicht begriffen hat, was Unsterblichkeit ist."

In einer großen Homestory in der FAZ erklärt Feridun Zaimoglu Ursula Scheer, warum er zum Schreiben keinen Computer benutzt, sondern mit Stift, Papier und Schreibmaschine arbeitet: ""Weil es so gleichzeitig organisiert und anarchisch zugeht", sagt er. Kritzeln, durchstreichen, etwas dazuzeichnen, ist alles möglich. Dieses Schreiben ist "ein Fluss", wenig kanalisiert."

Israelische Schriftsteller zaudern, das Wort "Frieden" zu verwende, erfahren wir in der FAZ in Sandra Kegels Reisebericht aus Israel: "Es habe inzwischen eine geradezu messianische Bedeutung erlangt, hatte [Etgar] Keret gesagt, und entfalte eher eine lähmende Wirkung. Stattdessen solle man von Kompromiss reden. Das ließe sich zwar weniger gut vermarkten, zwinge aber alle Seiten dazu, zu handeln, bestenfalls zu verhandeln. "

Weitere Artikel: Im Aufmacher der Literarischen Welt stellt Michael Pilz eine grafische Reportage vor, die die Vorgeschichte der Zwickauer Zelle erzählt: "WeiSSe WØlfe" von David Schraven & Jan Feindt. Annett Gröschner sucht in Ahrenshoop nach Spuren von Thomas Brasch. Und Elmar Krekeler bittet den Schauspieler August Zirner zu Tisch. Christine Luz besucht für die taz das Liebesbriefarchiv in Koblenz.

Besprochen werden u.a. Sibylle Bergs "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" (taz), Ian McEwans "Kindeswohl" (taz), Paul Therouxs "Der Fremde im Palazzo d"Oro" (FR), Favel Parretts "Der Himmel über uns" (FR), Anton Tantners Band über die ersten Suchmaschinen - vor Google (Welt) und Michael Bienerts "Kästners Berlin" (SZ).
Archiv: Literatur