Götz Aly

Volk ohne Mitte

Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus
Cover: Volk ohne Mitte
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015
ISBN 9783100004277
Gebunden, 272 Seiten, 21,99 EUR

Klappentext

Der Mangel an Selbstbewusstsein und gemeinsamen Werten, die Suche nach dem eigenen Vorteil und ein starker Aufstiegswille führten dazu, dass die Deutschen dem nationalen Sozialismus in Massen folgten. In seinen Essays eröffnet Götz Aly überraschende Einsichten in die geschichtlichen Konstellationen, welche die ungeheuerlich destruktive Energieentladung der zwölf kurzen Hitler-Jahre möglich machten. Er schildert individuelle Bereicherungen, zeigt, wie die Staatskasse und damit alle Deutschen von dem beispiellosen Raubzug in Europa profitierten, und belegt den Hang der Deutschen, nach dem Krieg Schuld und Verantwortung zu verlagern. Er zeigt, wie sehr nach 1945 der Korpsgeist und Karrierismus selbst in der Max-Planck-Gesellschaft und an historischen Instituten die Erforschung dieser Vergangenheit noch lange behinderten. Ein unbequemes Buch, das zum Weiterdenken anregt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.04.2015

An Götz Alys nun aktualisierten und kommentierten, meist älteren Texten schätzt Jan Feddersen das Lehrreiche, Kontroverse und dass der Historiker in ihnen "zügig argumentiert". Allerdings stellt der Kritiker verwundert fest, Aly gefalle sich noch immer sehr als Außenseiter innerhalb der Geschichtswissenschaft, obwohl er das längst nicht mehr sei. Das führe zu einem oft belehrenden Ton. Gefallen findet der Rezensent an einer Studie über den Ökonomen Wilhelm Röpke, erschüttert zeigt er sich angesichts der von Aly geschilderten Widerstände bei Recherchen zur NS-Zeit. Insgesamt fällt Feddersens Fazit positiv aus, trotz der von ihm attestierten "Rechthaberei beflissenster Sorte".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.04.2015

Der hier rezensierende Historiker und Romancier Per Leo empfiehlt Götz Alys Aufsätze zur Einführung in die Arbeit des Historikers, und vor allem auch zum besseren Verständnis der während und nach dem Nationalsozialismus wirksamen Verdrängungsmechanismen. Der bessere Geschichtsunterricht sind Alys Texte für den Rezensenten, weil hier einer nicht etwa Bilanz zieht, sondern das Protokoll seiner obsessiven Darlegung von Tatzusammenhängen und Verdrängungsmustern gibt, wie Leo erklärt. Wie Aly anschaulich direkt aus den Quellen heraus Personen benennt und gegen die Abstraktion anschreibt, wie er noch das Vokabular der Distanz meidet und sich als Fanatiker der Konkretion zeigt, hat Leo beeindruckt. Die ein oder andere Verallgemeinerung kann er diesem Autor verzeihen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2015

Rezensent Kim Christian Priemel schätzt Götz Aly als einen der größten Zeithistoriker unserer Zeit; dennoch hat er dessen neues Buch "Volk ohne Mitte" mit gemischten Gefühlen gelesen. Denn das Werk, das Artikel, Vorträge und Buchkapitel aus den Jahren 1998 bis 2013 enthält, eröffnet zwar einen interessanten Einblick in Alys Thesen, lässt aber doch kritische Gegenpositionen vermissen, meint der Kritiker. Und so liest er etwa erneut nach, wie westdeutsche Geschichtswissenschaftler wie Theodor Schmieder oder Werner Conze laut Aly dem Massenmord intellektuell den Weg bereiteten, oder wie er eine Vielzahl deutscher Akademiker mit dem aus Uwe Johnsons "Jahrestagen" entliehenen opportunistischen Aufsteiger Alfred Fretwurst vergleicht. Während der Rezensent mit Alys Spitzen gegen Historiker- und Journalistenkollegen gut umgehen kann, stört er sich doch an diversen Darstellungen, etwa wenn er den Holocaust als "Massenraubmord" deutet oder davon spricht, dass nach 1945 die "Großen" gehängt worden seien. Nichtsdestotrotz hat Priemel in diesem Band aber auch sehr lesenswerte Essays, beispielsweise jenen über Ludwig Börne gelesen. Vor allem Alys biografischen Beitrag über seine Recherche über die Rolle der Vorgänger-Institute der "Max-Planck-Gesellschaft" bei den Euthanasie-Morden kann der Kritiker nur unbedingt empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 21.02.2015

Von Götz Aly lässt sich Jacques Schuster gerne beibringen, auf der Hut zu sein, skeptisch zu bleiben. Zum Beispiel angesichts des Missverhältnisses zwischen Opfer- und Tätergedenken oder wenn es, in einem Text über Ludwig Börne, um Freiheitsängste geht. Nicht nur bei dieser Lektüre ahnt Schuster die Aktualität. Auch in den übrigen Essays im Band steht die Gegenwart immer wieder unversehens vor dem Rezensenten, aufmerksam und schonungslos, aber nie fanatisch betrachtet vom Autor, erklärt Schuster.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.02.2015

Arno Widmann ist voller Hochachtung für diesen Historiker, der es so ganz anders als zu viele seiner Kollegen versteht, das Schweigen zu brechen und die richtigen Fragen an die Vergangenheit zu stellen, zu analysieren und zu kritisieren, wie Widmann schreibt, was die Mitte der Deutschen während des Dritten Reiches zu einer zerstörerischen Masse machte. Dass die im Band enthaltenen Aufsätze Alys bereits zum Teil andernorts erschienen, stört Widmann nicht, auch, da hier eine Einleitung die allen gemeinsame Perspektive klärt und Alys begeisterte Beharrlichkeit und Konsequenz deutlich werden lässt, so der Rezensent.
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