Efeu - Die Kulturrundschau

Alles ist Geschmeidigkeit

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27.09.2014. In der Welt erklärt Hilary Mantel, wie man über Geschichte schreibt und den Kritikern trotzt. Und Herta Müller erzählt, wie man sogar beim Kühe hüten etwas über Ästhetik lernen kann. Im Tages-Anzeiger erklärt Werner Fuld, warum es in Deutschland keine erotische Literatur gibt. Tarantino ist auch nicht alles, meint die SZ in der Brüsseler Rubens-Ausstellung. Die NZZ verfällt einem geschmeidig exotischen Bühnenstar in Scharlachrot und Pink. Zeit online berauscht sich am dampfenden Körpersaft von Prince.

Literatur

In Thomas Davids lesenswertem Interview für die Literarische Welt spricht die englische Autorin Hilary Mantel über das Schreiben - insbesondere über das Schreiben von Geschichte: "Eine der Schönheiten und Stärken des historischen Romans ist, dass er von der Zeit nicht angreifbar ist und daher paradoxerweise aktueller sein kann als ein im Bewusstsein der Gegenwart entstandener Roman. Zu Cromwells Zeiten wurde die Vergangenheit zu großen Teilen von der Kirche kontrolliert, aber Cromwell wusste, dass sich die Vergangenheit unablässig ändert und verschiedene Auslegungen zulässt. Auf unsere Gegenwart trifft dies sogar noch in einem größeren Ausmaß zu. Eine Version der Geschichte wird binnen kürzester Zeit von einer anderen ausgelöscht und ersetzt, es gibt keinen Moment des Innehaltens mehr, in dem man mit Gewissheit sagen könnte, was die Tatsachen sind."

Linus Schöpfer unterhält sich für den Tages-Anzeiger mit dem Kulturhistoriker Werner Fuld, der gerade eine "Geschichte des sinnlichen Schreibens" vorgelegt hat und unter anderem erklärt, warum es in Deutschland nie je zu einer erotischen Literatur kam. Aber auch andere Gegenden wurden von der "prüden Wende" nicht verschont: "Die unverhohlene aristokratische Vorliebe für Bücher, "die man mit einer Hand liest", kam bereits um 1800 in Verruf. Denn ab der Französischen Revolution begann die bürgerliche Prüderie zu dominieren, die den gesellschaftlichen Untergang des Adels auch auf dessen freizügigen Umgang mit Sexualität zurückführte. Erotische Literatur war von da an eine anonymisierte, gesellschaftlich geächtete Literatur, Autorinnen gab es kaum noch."

In der Welt erzählt Herta Müller, wie sie als Kind in einem rumänischen Dorf, das jede individuelle Schönheit ablehnte, ihre ersten ästhetischen Erfahrungen machte: "Ich habe schon als Kind eine enge Beziehung zu Pflanzen gehabt. Ich war als Kind sehr lange mit unseren Kühen im Tal und war den ganzen Tag allein. Die Kühe haben ihr Gras gefressen. Das Einzige, was mir dort übrig blieb, war mich mit den Pflanzen zu beschäftigen. Ich habe mit den Pflanzen gesprochen, ich habe sie verheiratet und entscheiden müssen, welche passt zu welcher. Das waren erste ästhetische Übungen. ... Ich habe gesehen, wie die Natur mit Farben und mit Formen umgeht, wie schön die Pflanzen sind. Diese Naturschönheit hat mich damals behütet." (Der Text ist ein Auszug aus Henriette Schroeders Buch "Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not".)

Weitere Artikel: Julia Bähr berichtet in der FAZ vom Auftakt des Literarischen Herbsts in Starnberg. Die Welt druckt einen Auszug aus Eckhard Fuhrs Buch "Rückkehr der Wölfe. Wie ein Heimkehrer unser Leben verändert". Nicht zu lesen sind zwei Gespräche übers Lesen - mit Ulrich Raulff in der FR und mit einem zum Plaudern aufgelegten Enzensberger in der NZZ.

Besprochen werden unter anderem Ulrich Raulffs "Wiedersehen mit den Siebzigern" (Welt), der letzte Band von Reiner Stachs monumentaler Kafka-Biografie (Welt), Thomas Pynchons "Bleeding Edge" (FR, mehr), ein Bildband über Siegfried Unseld (Tagesspiegel), Ed Piskors Comic "Wizzywig" (Tagesspiegel), Karine Tuils "Die Gierigen" (taz), Olga Grjasnowas "Die juristische Unschärfe einer Ehe" (taz, mehr), Nino Haratischwilis "Das achte Leben" (Zeit, mehr), Wolfgang Herrndorfs unvollendeter Roman "Bilder deiner großen Liebe" (Berliner Zeitung, mehr), Botho Strauß" "Herkunft" (SZ) und Eric Schmidts "How Google Works" (FAZ).
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Bühne


Der schwarze Hecht", musikalisches Lustspiel in drei Akten nach einer Komödie von Emil Sautter. Inszenierung: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr

Am Morgen danach hatte NZZ-Kritikerin Barbara Villiger Heilig einen Kater. Aber die "Orgie aus Farben und Formen" der Zürcher Aufführung des Musicals "Der schwarze Hecht" war es wert. Es inszenierte Herbert Fritsch: "Anschnallen, liebe Fritsch-Fans, sonst heben Sie ab mit Iduna, die auf dem Trapez ihre Verrenkungen vollführt, netzbestrumpfte Beine streckt, nackte Arme reckt und ein Décolleté exhibiert, wie es die versammelten Verwandten ihrer Lebtag lang noch nie zu Gesicht bekamen: Weiß und weich bettet es sich in eine textile Symphonie aus Scharlachrot und Pink, die am Körper herabfließt und in eine endlose Schleppe mündet. Alles ist Geschmeidigkeit an dieser exotischen Dame (Ruth Rosenfeld), selbst die Stimme, wenn sie sich in schwindelnde Höhen schwingt: "Ich hab ein kleines, siises Pony . . .""

Wiebke Hüster von der FAZ ärgert sich nach dem Besuch von Boris Charmatz" in Bochum dargebotenem Tanzstück "Manger", das die Zuschauer mit konsequenter Tanzverweigerung Publikum und Gattung brüskiert, über den hohlen Avantgarde-Gestus solcher Aktionen: "Wann hört das endlich auf, dieses Blabla pseudophilosophischer Betisen, das wie Mayonnaise auf faden Speisen komplette theatralische Einfallslosigkeit zumatscht."

Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Mirko Weber die Mezzosopranistin Tara Erraught. Das Theater Bochum greift in seinen aktuellen Inszenierungen den Umstand auf, dass mit Opels Schließung demnächst auch die letzte Bastion der traditionellen Stadtindustrie gefallen sein wird, berichtet Cornelia Fiedler in der SZ: "Zum Auftakt wird dort mit Anton Tschechow die zerstörerische Kraft des Stillstands verhandelt und mit Peter Handke die eines weltverdrossenen Unternehmers."

Besprochen wird der Spielzeitauftakt am Staatstheater Darmstadt (FR).
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Kunst

In der SZ ärgert sich Kia Vahland in der SZ über die große Rubens-Ausstellung im Brüsseler Bozar Museum, weil sie sich mit ihren Texten und Tarantino-Vergleichen ans Publikum ranschmeiße: "Die Gegenwart schiebt sich vor die Geschichte und verdunkelt sie wie bei einer Mondfinsternis. Statt von den Alten zu lernen, um das Heute zu verstehen, gilt nur noch die Jetztzeit, und das Vergangene hat sich ihr zu fügen. Rubens ist bloß etwas wert, wenn er wie Tarantino ist, und auch der hat so gesehen keine Chance auf Erinnerung, sollte sich nicht zufällig einmal ein Kreativer des 24. Jahrhunderts mit ihm identifizieren."

Weitere Artikel: In Shanghai wird derzeit ein Museum nach dem anderen eröffnet, aber nicht, um sich in der Öffentlichkeit der Stadt zu verankern, sondern um einzelne Viertel aufzuwerten, berichtet Mark Siemons in der FAZ: "Für dieses Upgrading ist die Kunst das von allen offiziellen Stellen anerkannte Medium - das macht ihre Omnipräsenz, aber auch ihre Zersplitterung aus." Christian Thomas sieht sich in der FR die Pläne für das Romantikmuseum in Frankfurt durch. Für den Tagesspiegel unterhält sich Eva Karcher mit den Kunstsammlern Anna und Wolfgang Titze.

Besprochen wird die Florine-Stettheimer-Ausstellung im Lenbachhaus in München (FAZ).
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Film

In der NZZ freut sich Geri Krebs beim Filmfestival in San Sebastián über die "ungemein starke Präsenz des spanischen Kinos" bei dem Festival. In der taz freut sich Thomas Abeltshauser, ebenfalls aus San Sebastián, dass sich der spanische Film zusehends mit der "ökonomisch-politisch-moralische Misere" nach der Krise auseinandersetzt. Für die Berliner Zeitung trifft sich Christina Bylow mit dem Schauspieler Ronald Zehrfeld, der aktuell in Christian Petzolds "Phoenix" (unsere Kritik) zu sehen ist. Daland Segler schreibt in der FR über das Kinderfilmfestival Lucas in Frankfurt. Antje Hildebrandt porträtiert in der Welt den Komiker Matthias Matschke, der derzeit einen Fernsehkommissar in Matti Geschonnecks Serie "Helen Dorn" spielt. Tobias Kniebe unterhält sich für die SZ mit David Fincher über dessen neuen Thriller "Gone Girl" (siehe auch dieses interessante Interview mit dem Regisseur im Film Comment). In der SZ schreibt Willi Winkler einen glühenden Komi-Liebesbrief an Sophia Loren und Brigitte Bardot, die beide dieser Tage 80 Jahre alt werden. In Hollywood dürfen künftig Drohnen beim Dreh zum Einsatz kommen, meldet Tobias Kreutzer online bei der FAZ.

Besprochen wird Hirokazu Kore-Edas Film "Like Father, Like Son" (Zeit).
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Stichwörter: Drohnen, Christian Petzold

Musik

Mit gleich zwei neuen Alben sowie einem neuen Major-Vertrag kehrt Prince ins Rampenlicht zurück. Insbesondere Nostalgikern legt Jan Freitag von ZeitOnline die Scheiben ans Herz: "Textlich serviert das aktuelle Zwillingswerk zwar abermals bloß dampfenden Körpersaft. Stilistisch jedoch öffnen sich kleine Fenster ins Frühwerk, wo sein metrosexuelles Falsett fast revolutionär mit kreischenden Gitarrensoli kontrastierte. Wo selbst süffige Schnulzen wie Appelle an den zivilen Ungehorsam klangen. Wo Testosteron und Östrogen verschwitzt um Deutungshoheit rangen."

Früher spielte er sich als The Whitest Boy Alive in alle Herzen, heute firmiert er nur noch unter seinem bürgerlichen Namen Erlend Øye und begeistert sich und die Musikkritik für die Lust an einer neuen Langsamkeit. So auch Julian Weber von der taz, der einfach tiefenentspannt mitgroovt: "Egal, ob man sich Erlend Øyes Songs im Bett anhört, im Auto oder beim Abspülen, man bleibt immer an ihrer radikalen Entschleunigung hängen und kommt ins Träumen." Laura Ewert bittet Erlend Øye für die Welt zu Tisch.

Weiteres: In der taz plauscht Thomas Winkler mit Kraftklub. Besprochen wird ein Auftritt von Ja Panik (Tagesspiegel).
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Design

Großer Gott, das lebt! Vanity Fairs Rachel Tashjian ist total hin und weg von den neuen, zoomorphen Schuhen:


Fellbesetzte Schlappen von Rochas, Adam Lippes und Simone Rocha

Denzel Washington spielt in "The Equalizer" den ersten Normcore-Helden, erklärt Bruce Handy in Vanity Fair. Also kleidete ihn der Kostümbildner des Films, David C. Robinson, total langweilig ein. Er selbst trage nur Kilts, erklärt Robinson im Interview: "Ich trage Kilts den ganzen Tag lang, nie Hosen. Hosen habe ich vor acht Jahren aufgegeben. ... Ich hatte einen Job, da gab es einen Dudelsackbläser (eine Filmfigur) der Marine und ich habe Kilts für ihn besorgt, weil man die dort trägt. Als wir fertig waren, schickte mir die Crew einen davon und es war genau meine Größe. Ich probierte ihn an und dachte: Oh, das ist ja so bequem und praktisch. Warum trage ich nicht einfach Kilts? Also besorgte ich mir ein paar und warf meine Hosen weg."
Archiv: Design
Stichwörter: Kilts, Kostümbildner, Normcore