Efeu - Die Kulturrundschau

Soll ich bei den Peschmerga Socken waschen?

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05.09.2014. In der taz gibt Jürgen Brocan dem Literaturbetrieb die Schuld an der sinkenden Bedeutung der Lyrik, nicht dem Publikum. In der Presse erklärt Burg-Schauspielerin Elisabeth Orth, wie gut spitze Knie für die Sprechtechnik sind. Die NZZ huldigt dem Licht und Pathos der amerikanischen Vormoderne. Und der Tagesspiegel enthüllt: Ikea hat keine überzeugende Aufbewahrungslösungen für die Probleme der Welt. Außerdem: Endspurt in Venedig.

Literatur

Autor Jürgen Brôcan mag in einem Essay in der taz über die Lage der Lyrik nicht daran glauben, dass die sinkende Beachtung durch das Lesepublikum der quantitativ und qualitativ allerdings prosperierenden Lyrik allein auf eine Infantilisierung und Ökonomisierung der Gesellschaft zurückzuführen ist. Er sieht die Vermittler in der Bringschuld: "Warum wagen Juroren so selten einmal unbequeme Entscheidungen, damit nicht immer wieder dieselben Namen im Gespräch sind? Warum orientieren sich die Feuilletons so häufig an Bekanntem? ... Die mediale Aufmerksamkeit müsste dezentralisiert werden, denn es ist nicht alles "Provinz", was sich außerhalb Berlins oder Leipzigs befindet, künstlerisches Potenzial kann man überall entdecken."
Auf den Geschmack gekommen? Unsere Rezensionsnotizen zu aktuellen Lyrikbänden finden Sie hier, außerdem schreibt Marie Luise Knott in ihrer Perlentaucher-Kolumne "Tagtigall" regelmäßig über Lyrik.

Weitere Artikel: Lars von Törne stellt im Tagesspiegel die Comicautorin Katharina Greve vor. In der SZ gratuliert Ralph Hammerthaler dem chilenischen Schriftsteller Nicanor Parra zum 100. Geburtstag. Zum 100. Todestag des französischen Autors Charles Péguy rät Joseph Hanimann in der SZ zu dessen Wiederentdeckung und würdigt ihn als "Eisbrecher des alternativen Denkens". In der Berliner Zeitung berichtet Birgit Walter ausführlich von der Insolvenz des Eulenspiegel Verlag.

Besprochen werden unter anderem Lutz Seilers DDR-Roman "Kruso" (Freitag, unsere Leseprobe hier), Nino Haratischwilis "Das achte Leben (Für Brilka)" (FAZ, mehr), Jonathan Lethems Buch über das Album "Fear of Music" der Talking Heads (SZ), die Neuauflage des frankobelgischen Comicklassikers "Bruno Brazil" (Tagesspiegel) und Thomas Melles Roman "3000 Euro" (Tagesspiegel).
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Bühne


Bild: Arnold Schönberg, Gurre-Lieder. De Nationale Opera, Amsterdam

Sasha Waltz" Choerografie zu Monteverdis "Orfeo" in Amsterdam fand Manuel Brug "edelschick", aber Pierre Audis dortige Inszenierung von Schönbergs leicht monströsen Gurre-Lieder fand er großartig: "Man kann das Werk als Oper inszenieren; die wunderbar licht, zurückhaltend, doch am Ende kraftvoll von dem souverän koordinierenden Marc Albrecht und dem Nederlands Philharmonisch Orkest entfalteten Instrumentalzwischenspiele haben hinreißend dramatische Qualität." Weitere Besprechungen in FAZ und SZ

Elisabeth Orth spielt ab heute in der Wiener Burg Karl Kraus" "Letzte Tage der menschheit". Mit Norbert Mayer spricht sie in der Presse über ihre politische Verzweiflung ("Soll ich bei den Peschmerga Socken waschen? Was tut man?") und ihre Dankbarkeit für ihren alten Lehrer in Sprechtechnik, Zdenko Kestranek: "Der stand am Anfang. Als ich zu ihm in die erste Stunde kam, dachte ich, es gehe nun mit den Monologen die große Kunst los. Dann kam aber die Arbeit. Ich musste mich flach auf den Rücken legen, er setzte sein Knie auf meinen Magen, ich sollte es wegdrücken. So begreift man eine Urform des Atmen-wissen-Lernens - durch das etwas spitze Knie eines älteren Herren."

Weitere Artikel: Von der Trauerfeier für Gert Voss" in Wien berichten Wolfgang Kralicek (SZ) und Gerhard Stadelmaier (FAZ). Und im Standard schreibt Andrea Schurian sehr schön: "Oft hatte Gert Voss recht, auf der Bühne immer."

Besprochen werden Hakan Savas Micans im Ballhaus Naunynstraße in Berlin aufgeführtes Stück "On My Way Home" (Tagesspiegel) und Hans-Thies Lehmanns Studie "Tragödie und dramatisches Theater" (Nachtkritik.de).
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Film

In der taz empfiehlt Lukas Foerster eine Albert Serra gewidmete Werkschau im Berliner Kino Arsenal. In dessen im vergangenen Jahr in Locarno ausgezeichneten "Història de la Meva Mort", in dem Casanova auf Dracula trifft, hat er sich glatt verliebt: "Serra inszeniert seine Filme mit einer Seelenruhe, die im Kino der Gegenwart ihresgleichen sucht. Die Körperlichkeit seiner - größtenteils nichtprofessionellen - Darsteller ist Serra allemal wichtiger als die stets nur angedeutete Erzählung. Wenn Casanova einen Granatapfel isst, zieht sich die entsprechende Szene samt des genießerischen Schmatzens des Lebemanns locker über zehn Minuten." Bei critic.de fühlt sich Lukas Stern von dem Film an die schwarzen Gemälde Goyas erinnert: "Eine Schönheit des Horrors ist im Begriff, einen Horror der Schönheit, einen wahnsinnig gewordenen, sich selbst im Spiegel noch verfehlenden, greisen Casanova abzulösen."

Auf den letzten Metern geht in Venedig nicht nur dem Wettbewerb, sondern auch den Kritikern spürbar die Puste aus. Abel Ferraras Film über Pasolini mit Willem Dafoe in der Hauptrolle wollte offenbar kaum jemanden so recht überzeugen. David Rooney vom Hollywood Reporter meint, dass der Film "in der Theorie besser klingt als in seiner Umsetzung." Auch in der taz schreibt Cristina Nord merklich verhalten über den Film. Dietmar Dath donnert ihn in der FAZ mit viel Wut im Bauch in die Ecke: "Ferraras Film ist wohl der unpolitischste, der sich über Pasolini überhaupt machen ließ ... Jeder Gedanke des Mannes, den Ferrara liebt, wird hier mit solcher Kaltschnäuzigkeit dementiert, dass man ins Jammern geraten will." Daniel Kothenschulte in der Welt sieht in dem Film dagegen einen Löwen-Anwärter und ein "erstaunlich stimmiges und zugleich ästhetisch überhöhtes Zeitbild des politischen Klimas im Italien jener Jahre".

In diesem Zusammenhang ein Hinweis: Das Blog zur kommenden Ausstellung "Pasolini Roma" im Martin-Gropius-Bau ist nun online und bringt jetzt schon viele schöne Postings und Fundstücke. Wir erinnern aus diesem Anlass gerne an einen im Perlentaucher veröffentlichten Brief, in dem Pasolini unter anderem über die Dreharbeiten zu "Accatone" schreibt.

Weitere Artikel: Esther Buss von der Jungle World seziert David Cronenbergs neuen Film "Maps to the Stars" und dringt damit ganz in den Kern des Films vor, einen "metastierenden Mega-Inzest", "dem nur mit Gewalt und Zerstörung beizukommen ist." Auf ZeitOnline schreibt Julia Dettke über Christian Petzolds neuen Film "Phoenix", der heute beim Filmfestival in Toronto Weltpremiere feiert.

Hanns-Georg Rodek freut sich außerdem in der Welt, dass die Crowdfunding-Aktion für den Stromberg-Film so erfolgreich verlaufen ist und alle Spender ihr Geld sogar plus Bonus zurückbekommen: "Das bedeutet einen Jahreszins von fast sechs Prozent, besser als bei den meisten Hedgefonds."

Besprochen werden Tobe Hoopers wiederaufgeführtes Horror-Spektakel "Texas Chain Saw Massacre" (critic.de), Brett Ratners "Hercules" (Tagesspiegel, SZ, unsere Kritik hier) und Athanasios Karanikolas" "Sto Spiti" (Tagesspiegel).
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Design

Ein Blick in den Ikea-Katalog reicht Gunda Bartels im Tagesspiegel, um bezüglich der Conditio Humana auf dem Laufenden zu bleiben: Diese alljährliche Lieferung "ist der topaktuelle Spiegel der unordentlichen, rückwärtsgewandten Welt. Einer Welt, die Eskapismus praktiziert, wo sie politische Korrektheit predigt. Die Individualisierung fördert, wo sie Gemeinsinn behauptet. Einer Welt, die keinerlei überzeugende Aufbewahrungslösungen hervorbringt. Die Perfektionierung heuchelt, das Chaos füttert und mit der Lethargie paktiert."
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Kunst


Bild: Fitz Hugh Lane, Boston Harbor, 1850-1855 (CC)

Wer die amerikanische Moderne verstehen will, muss sich die große Schau "Peindre l"Amérique" mit der Malerei des 19. Jahrhunderts in der Fondation de l"Hermitage in Lausanne ansehen, meint Maria Becker in der NZZ: "Wer kennt hier die Namen von Thomas Cole, Levi Wells Prentice, Henry Fitz Lane oder John Frederick Kensett? In kaum einem der hiesigen Museen vertreten, ist die frühe Malerei Amerikas noch immer eine Unbekannte. Dabei sind in ihr die Wurzeln für die amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts zu finden, die in keinem europäischen Museum der Moderne fehlt. Die Lichtmalerei eines Hafenbilds von Lane, das religiöse Pathos einer Landschaft von Kensett zeigen den Weg zum abstrakten Expressionismus eines Rothko und Newman."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung spricht Kerstin Krupp mit Peter Schäfer, dem neuen Leiter des Jüdischen Museums in Berlin. In der SZ schwärmt Gottfried Knapp von der berauschenden architektonischen Schönheit der Kirchen Kölns. Kerstin Holm bringt in der FAZ Hintergründe zu dem von Krim-Museen entliehenen Skythen-Gold, das die Niederlande derzeit wegen der politisch unsicheren Lage auf der Krim zurückhalten (mehr). Für die FAZ irrt Andreas Rossmann durch Gregor Schneiders im Kunstmuseum Bochum eingerichtete Installation "Kunstmuseum".
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Musik

Jens Balzer war für die Berliner Zeitung bei der Eröffnung der Berlin Music Week. Jens Uthoff hat sich dort für die taz die ersten Diskussionen unter anderem über Streaming-Dienste angehört: Dieter Meier von der Band Yello hofft, dass die Künstler sich "verbünden und ihr eigenes Spotify kreieren". Der Webcomic The Oatmeal bringt Entwicklung und Ausblick der Musikindustrie unterdessen in gerade mal vier Panels schlagend auf den Punkt.

Wolfgang Schreiber (SZ) und Jan Brachmann (FAZ) berichten von der Eröffnung des Musikfests Berlin mit Daniel Barenboim und Gustavo Dudamel. Eric Pfeil denkt in seinem Poptagebuch beim Rolling Stone über Goths und den Sommer nach. Und in der FAZ kriegt Harald Schmidt nach der Lektüre von Johann Hinrich Claussens Buch "Gottes Klänge" richtig "Lust auf Kirchenmusik", auch wenn der "beflissene Streber aus der schwäbischen Diaspora" darin doch manchen ihm lieben Namen vermisst. Electronic Beats kürt die besten Musikvideos des Monats. Auf der Spitzenposition: "Reason" von Spooky Black.



Besprochen werden das neue Album von Ty Segall (ZeitOnline) und das neue Album von YOB (Pitchfork).
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