Efeu - Die Kulturrundschau

Die Ferse in einem Suppenlöffel

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25.08.2014. Die NZZ beobachtet nur halb erfreut, dass mit dem Chauvinismus auch Fjodor Dostojewski in Russland wieder in Mode kommt. Die taz verteidigt den proletarischen HipHop gegen das Röhrenjeans-Raptum der Mittelklasse. Die Welt berichtet, dass Chinas wichtigstes unabhängiges Filmfestival geschlossen wurde. Beim Tanz im August lassen sich die Kritiker widerstandslos von Anne Teresa De Keersmaeker und Marcos Moreaus in ein Netz der Blicke einhüllen. Außerdem trauern alle um Richard Attenbourough.

Film

Richard Attenborough ist tot. Im Guardian schreibt Ronald Bergan den Nachruf auf den Schauspieler und Regisseur von "Gandhi" oder "Die Brücke von Arnheim": "Attenborough, who has died aged 90, had three distinct personas for those who followed his career in the entertainment world: The baby-faced, pint-sized actor, at turns, cocky and cowardly, later rotund in mostly creepy character roles; the film director of epics such as Gandhi, and Chaplin; and Lord "Dickie", ubiquitous, ebullient and lachrymose, presiding over a host of charitable organisations." David Hudson sammelt weitere Links zu ersten Nachrufen. (Foto: Attenborough in Brighton Rock, 1947)

Während sich Hollywood gerade dem chinesischen Markt andient, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt, dass in China selbst das wichtigste Forum für unabhängige und kritische Filme verboten wurde: "Wang Hongwei und Fan Rong, Organisatoren des 11. Beijing Independent Film Festival, werden von Polizeibeamten mitgenommen und müssen unterschreiben, das Festival abzusagen. Ihr Büro wird durchsucht und Materialien beschlagnahmt, die das erste Jahrzehnt der Veranstaltung dokumentieren."

Am Donnerstag kommt der neue Marvel-Film "Guardians of the Galaxy" ins Kino: In der FAZ bespricht ein prächtig amüsierter Dietmar Dath das knallbunte Weltallspektakel, im Tagesspiegel stellt Leonhard Hillmann die zugrunde liegende, lange Zeit wenig populäre Comic-Serie vor und auf Filmosophie macht sich eine Comicverfilmungen zusehends überdrüssige Sophie Charlotte Rieger Gedanken über die im Film geforderten Millionen von Todesopfer.

Weitere Artikel: In der aktuellen Lieferung aus der Interviewreihe "Reden über Schreiben über Film(e)" auf dem Blog Hard Sensations unterhalten sich Marco Siedelmann und Oliver Nöding mit dem für seine kontroversen und konsequent Position beziehenden Besprechungen berüchtigten Filmkritiker Armond White. Nadine Lange berichtet für den Tagesspiegel vom Filmfestival in Sarajevo.
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Bühne


(Bild: Siena von La Veronal. Foto: Jesús Robisco)

Halbzeit beim Berliner Festival "Tanz im August": Die Kritikerinnen wählen in selten gesehener Eintracht ihre Favoriten: Nach einem etwas mürben Start stellen Anne Teresa De Keersmaekers "Vortex Temporum" und Marcos Moreaus "Siena" für sie glasklar die Highlights dar. Berauscht taumelt etwa Dorion Weickmann (SZ) aus Moreaus Choreografie, nachdem sie sich zuvor noch sehr über das bis dahin arg nostalgisch auf frühere Formen von Subversion und Widerstand versteifende Festivalprogramm geärgert hat: "Moraus von Masaccio über Hitchcock bis Beuys aus Premium-Versatzstücken zusammengeschachtelte und genialisch komponierte Tableaus schwelgen in Trauer, ohne je ins Sentimentale zu rutschen. Trauer über den Verlust der Unschuld, die Funktionalisierung, die den Alltag regiert."

Moreaus "Reise in die Kunstgeschichte entwickelt sich zum surrealen Trip", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel und bescheinigt dem Choreografen weiterhin "eine raffinierte Choreografie der Blicke. Zudem zeigt er, wie sich die Wahrnehmung des Körpers im Laufe der Jahrhunderte verändert hat." Von einem "Netz der Blicke und Assoziationen" spricht auch Michaela Schlagenwerth, die für die Berliner Zeitung in derselben. Viel Lob erntet Moreau auch bei Katrin Bettina Müller in der taz, die sich allerdings auch von De Keersmaekers die Sinne schärfender Choreografie enorm begeistern ließ.

Besprochen werden die "Golem"-Auffühung der Gruppe 1927 bei den Salzburger Festspielen (Standard, SZ, Foto: Bernhard Müller), eine Open-Air-Inszenierung der "Zauberflöte" in Berlin (Berliner Zeitung) und Boris Nikitins bei der Ruhrtriennale uraufgeführter "Sänger ohne Schatten" (Nachtkritik, FAZ).
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Literatur

Felix Philipp Ingold bemerkt, dass die russischen Autoritäten ihre neue Liebe zu Fjodor Dostojewski entdecken, sozusagen als ihren Vordenker einer großrussischen Ideologie: "Wenn kommunistische Funktionäre dem als "reaktionär" rubrizierten Autor einst Nationalchauvinismus, Rassismus, Kriegshetzerei, religiösen Obskurantismus und pauschale Vernunftkritik vorgeworfen haben, so werden diese Kritikpunkte heute mehrheitlich ins Positive gewendet, neu ausformuliert und durchweg als produktiv veranschlagt."

Weiteres: Dana Buchzik erzählt in der Welt, wie sie vergeblich versuchte, Bejamin Lebert von einer weniger perfekten Seite zu erwischen. Wolfgang Schneider berichtet in der FAZ vom Eröffnungsabend des Potsdamer Literaturfestivals mit Hans Magnus Enzensberger und Denis Scheck. In der SZ schreibt Volker Breidecker einen Nachruf auf den serbischen Dichter Miodrag Pavlović.

Besprochen werden Michael Kleebergs "Vaterjahre" (Tagesspiegel, mehr), Antoine Ozanams und Mikkel Sommers Comic "Burn Out" (Tagesspiegel), Bruno Latours "Existenzweisen" (Zeit), Kristof Magnussons "Arztroman" (Tagesspiegel, mehr), Georges Perecs Essaysammlung "Denken/Ordnen" (Tagesspiegel) und Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" (SZ, mehr).
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Kunst

Für die taz hat sich Renata Stih die Pläne von Sauerbruch Hutton für das M9-Museumsprojekt angesehen, die demnächst in Mestre bei Venedig umgesetzt werden sollen (mehr hier): "Das Ganze hat etwas von sakralen Prunkbauten der italienischen Renaissance, weil es so kostbar und überraschend mitten in der düsteren Altstadt erscheint, als würde ein Lichtschalter angeknipst. Die rotgetönte Keramik legt sich wie ein gemusterter Missoni Pullover um die Gebäude; durch die farblich changierende Glasur entsteht ein Schimmer, der der Fassade eine Art lebendige Haut gibt, eine pointillistische Oberfläche, die sich wie eine mediale LED- Wand durch Lichteinfluss verändert."

Gabriele Detterer erinnert in der NZZ an die Blüte der Architektur in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, an die nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr anzuschließen war: "Die Wirtschaftskrise und die Wohnungsnot der 1920er Jahre zwangen die Architekten und mit ihnen das Bauhaus zu militärisch anmutenden An- und Einsätzen, den Wohnraummangel mit kostengünstigem Massenwohnungsbau zu bekämpfen."

Besprochen wird die Ausstellung über den Bischof Thilo von Trotha im Schloss Merseburg (FAZ).
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Musik

Fatma Aydemir reagiert in der taz auf Nicklas Bascheks Kritik am verweißbroteten Hiphop aus Deutschland, der sich seiner Ansicht nach bloß noch Abiturienten und Wohlfühl-Menschen andiene. Aydemir sieht es dialektisch, im Fahrtwasser prosperieren nämlich auch die proletarisch-drastischen Rap-Formen in den migrantischen Szenen: "In Zeiten des großen Röhrenjeans-Raptums bedarf es nichts so sehr wie eines Gegenstandpunkts. So werden die Codes eben zugespitzt. ... Zum Glück hat das Feuilleton noch keine Deutungshoheit darüber, was die "Community" bewegt. Die hat nämlich endlich eine eigene Stimme gefunden, die doppelt und dreifach marginalisiert sein mag. Ja, aber überhören lässt sie sich nicht mehr."

Außerdem: Vom Kölner Festival c/o pop berichten Christian Werthschulte in der taz und Markus Schneider in der Berliner Zeitung. Für Pitchfork hat sich Larry Fitzmaurice mit dem britischen Dubstep-Produzenten Rustie unterhalten, dessen neues Album "Green Language" (mehr) gerade erschienen ist.

Besprochen werden ein nicht ganz glückliches Chopin-Konzert mit Maurizio Pollini und Andris Nelsons beim Lucerne Festival, ein Auftritt von Vestard Shimkus (FR) und die sechs Platten umfassende Box "Exclusively for my Friends" von Oscar Peterson ("So gut klang der Pianist noch nie", schwärmt Rolf Thomas in der FAZ).
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Design

Schuhe, in denen man nur konzeptionell ins Straucheln kommt, verspricht Roman Gerold im Standard mit der Ausstellung "Shoeting Star" im Kunsthaus Wien: "Da gibt es etwa die halsbrecherischen Plateauschuhe des Texaners Omar Angel Perez, die mit Riemen aus gebogenen Sägeblättern versehen sind. Bei anderen, die aus Besteck gebaut sind, sitzt die Ferse in einem Suppenlöffel. Harmloser sind da schon Schuhe, deren Absätze aus Würfelchen bestehen und deshalb verpixelt erscheinen. Für ein Schmunzeln sorgen Vampirjäger-Sandalen, deren Riemchen aus Knoblauch bestehen, während der Absatz Kruzifix und Holzpflock vereint." (© Sol Alonso, Foto: David_Collart)
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Stichwörter: Schuhe