9punkt - Die Debattenrundschau

Der letzte Witz großen Formats

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2014. Hundert Jahre später gewinnen die Briten den Ersten Weltkrieg zum zweiten Mal. Simon Jenkins ist es im Guardian allerdings ein bisschen peinlich. Der Tagesspiegel ist begeistert vom bleibenden Widerstandsgeist der Polen. Google streicht im Namen des "Rechts auf Vergessen" zum ersten Mal einen Link auf Wikipedia, berichtet der Guardian. Techdirt findet das absurd. Die FAZ staunt über den Pazifismus des Handelsblatts.

Geschichte

Beeindruckt berichtet Jan Schulz-Ojala für den Tagesspiegel aus Warschau, wo die Polen an den Warschauer Aufstand vor siebzig Jahren erinnern. Die Feiern sind für ihn weder Pop noch Folklore, auch wenn solche Elemente durchaus vorkommen: "Nein, hier artikuliert sich das wache Selbstverständnis eines immer wieder von seinen Nachbarn überrannten Volks, das sich aus einem Widerstandsgeist begreift, den es bis in die jüngste Zeit immer wieder bewies. Positiv ausgedrückt: das Selbstbewusstsein einer Nation - mochte sie noch so sehr für viele Jahrzehnte von der historischen Landkarte Europas getilgt gewesen sein."

Die Briten im Weltkriegserinnerungstaumel: Simon Jenkins kann im Guardian all die Gedenkveranstaltungen, Fernsehfilme und Filmdokus nicht mehr sehen, die - angesiedelt zwischen Downton Abbey und Preußenhorror - von allen Seiten auf ihn niederprasseln: "When in January I apologised to German friends for the impending avalanche of anti-German memorabilia, I little realised how great that avalanche would be. A Martian might think Britain was a country of demented warmongers, not able to get through a day without a dose of appalling battle scenes from past national victories. On Monday the fact that Britain went to war with Germany in 1914 actually led the morning news. Was this on government instruction? Were this North Korea or Maoist China we would ridicule such craven chauvinism."

Micha Brumlik erklärt in der taz mit Blick auf die Geschichte des rabbinischen Judentums, warum einige sehr spezielle Ultraorthodoxe auf den Al-Quds-Demonstrationen gegen den Staat Israel protestierten.
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Gesellschaft

Aldo Keel erzählt in der NZZ, dass Island mit einer Freigabe des Alkoholverkaufs liebäugelt, der bisher ein Monopol der staatlichen Akoholläden war. Schnaps ist überhaupt erst seit der Volksabstimmung 1933 zugelassen: "Es begann die Epoche des Staatsbranntweins, der den Namen "Schwarzer Tod" erhielt. Das Etikett zeigte einen Totenkopf - laut dem Schriftsteller Halldor Laxness "der letzte Witz großen Formats, auf den die Isländer verfielen". Später hätten humorlose Bürokraten das "Memento mori" durch ein Blumenbukett ersetzt." (Abbildung: Islandeinkauf.de)
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Politik

Glenn Greenwald hat Verdienste bei der Aufdeckung der NSA-Affäre, bezieht nebenbei aber auch strikt antiisraelische Positionen. Nun versucht er mittels neuer Snowden-Dokumente nachzuweisen, dass die USA ein Schlüsselalliierter der "israelischen Aggression gegen seine Nachbarn" sei. Laut Anna Biselli in Netzpolitik besagen die Papiere aber noch etwas anderes: "Israel wird in Berichten der Geheimdienstbehörde an mehreren Stellen als Gefahr aufgeführt und steht auf deren Überwachungsprioritäten-Liste weit oben. Auch GCHQ nennt das Land eine Gefährdung für eine friedliche Übereinkunft mit dem Iran."

Jason Stanley, Nachfahre jüdischer Deutscher, antwortet in der FAZ auf die antisemitschen Proteste in Berlin und zählt sich zu den "demokratischen Israelis, die von einer stärkeren Trennung von Religion und Staat träumen", so dass auch Staatsangehörige anderer Religionen besser integriert werden können.
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Internet

Zum ersten Mal hat Google nach einer "Recht auf Vergessen"-Anfrage den Verweis auf eine Wikipedia-Seite tilgen müssen, berichtet Juliette Garside im Guardian. Mike Masnick kann diese weitere Konsequenz des "lächerlichen EuGH-Urteils" in Techdirt kaum fassen: "Wikipedia-Seiten sind offen und jederzeit zu verändern, darum erscheint es absurd, die Seite komplett aus dem Suchindex entfernen zu lassen, wenn man sie stattdessen redigieren könnte. Und falls die Änderung rückgängig gemacht wird, tja, dann liegt"s vielleicht daran, dass die Fakten stimmten und verdienen, sowohl bei Wikipedia als auch bei Google vorzukommen."

In der SZ erklären Johannes Boie und Pascal Paukner, warum Google einen Nutzer von Google Mail angezeigt hat, der Kinderpornografie auf den Firmenservern speicherte. In seinem Lawblog meint Udo Vetter, dass Google das hierzulande nicht dürfte. Nach deutschem Recht darf es "nur auf Nutzerinhalte zugreifen, die das Unternehmen für die Erbringung seiner Telekommunikationsdienste (dazu gehört auch die Erzielung von Werbeeinnahmen) und den Schutz seiner technischen Systeme benötigt. Alles, was darüber hinausgeht, ist der Firma nach deutschem Recht aber untersagt, denn das Telekommunikationsgeheimnis soll nicht ausgehöhlt werden.

Weiteres: Auf Zeit Online berichtet Patrick Beuth von den Konferenzen Black Hat und Def Con in Las Vegas, wo sich Tausende von Hackern und Sicherheitsbehörden ihre Spielzeuge vorführen. Außerdem besingt der Mathematiker und Unternehmer Ulrich Trottenberg in der SZ die Nützlichkeit von Algorithmen bei der Bekämpfung von Hunger, Krankheiten und militärischen Gegnern.
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Europa

Sind die Geschäfte mit Russland gefährdet, bemüht man im Handelsblatt schon mal die Lehren aus der Geschichte. Handelsblatt-Chef Gabor Steingart entfacht einen Sturm im Wasserglas und wirft in seiner gestrigen Leitkolumne der FAZ Kriegstreiberei vor: "Der Westen müsse seine "militärische Abwehrbereitschaft stärken und auch demonstrieren". Die Sätze lesen sich wie geistige Einberufungsbescheide." Steingart bezieht sich damit auf einen Leitartikel Reinhard Vesers, der eine deutliche Position des Westens zu Putins Aggressionen forderte. Heute antwortet im FAZ-Feuilleton Chrstian Geyer auf Steingarts Attacke: "Die Lehre Nummer 1, die man in dieser Situation der Vergangenheit entnimmt, kann natürlich nur lauten: Stärke zeigen!"
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Religion

Die Bundestagsabgeordnete Cemile Giousouf (CDU) erhofft sich im Gespräch mit Swantje Karich in der FAZ einen milderen Islam durch deutsche Universitäten: "Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen islamische Theologie an Hochschulen gelehrt wird. Damit können hier zum Beispiel die Weichen für die islamische Koranexegese, also die Auslegung des Islams in Europa, gestellt werden." Im Gespräch äußert sie sich sehr kritisch zu Tayyip Erdogans politischer Radikalisierung. 
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Weiteres

Knall auf Fall hat der Magistrat von Bad Hersfeld den Intendanten der Festspiele entlassen. Für Jürgen Berger in der SZ zeigt der Fall, wie in den Kommunen die Nerven blankliegen angesichts der klammen Kassen und einer beschlossenen Schuldenbremse.
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Stichwörter: Bad Hersfeld, Kommune