Efeu - Die Kulturrundschau

Sonische Fragilität

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2014. Culturemag bewundert Robert Warshaws Kunst, die Schönheit eines Schauspielers zu beschreiben. Castorfs "Ring" versetzt die Kritiker immer noch in Wallungen - pro und contra. Die NZZ porträtiert den Autor Bodo Morshäuser, und sie stellt neue Designer aus Kapstadt vor. Die New York Times feuert eine neue Beethoven-Biografie in die Ecke (um sie dann gleich wieder aufzuheben). Der Freitag hört in den Stücken von bei FKA Twigs das Herz der Popmusik schlagen.

Film



Im Culturemag empfiehlt Alf Mayer einen Band mit Essays des amerikanischen Kulturjournalisten Robert Warshow über "Film, Comics, Theater und "andere Aspekte der Populärkultur", wie es im Untertitel heißt. Perlentaucherin Thekla Dannenberg, die den Band übersetzt hat, beschreibt einen ihrer stärksten Eindrücke bei der Lektüre: "Neu für mich war, wie aufmerksam ein Kritiker über die Körper und Schönheit von Schauspielern schreiben kann, vor allem über Männer. Es gibt wunderbare Passagen im Text über den Westerner, wenn sich Warshow mit Alan Ladds ätherischer Statur befasst oder mit dem Gesicht des älter werdenden Gary Cooper. Und gelernt habe ich, dass es jemandem wirklich körperliche Schmerzen bereiten kann, wenn intellektuelle Standards aufgegeben werden. Das korrumpiert seiner Meinung nach vielmehr die Moral als jedes Gangster-Epos und jede Stilisierung von Gewalt. Er liebt Comics und Cartoons, Humphrey Bogart und Greta Garbo, aber er krümmt sich vor Unbehagen bei pseudoaufklärerischen Filmen oder Romanen der Middlebrow-Kultur." (Bild: Alan Ladd)

Weitere Artikel: Das oskarprämierte japanische Trickstudio Ghibli soll vor dem Aus stehen, berichtet Gerd Midding in der Welt: "Studiochef Toshio Suzuki soll entsprechende Meldungen am Wochenende in einem Fernsehinterview bestätigt haben." Die neuen Filme "Freiland" und "Umsonst" befassen sich mit dem Scheitern alternativer Gesellschaftsentwürfe, erzählt Felix Stephan bei Zeit online. In der SZ gratuliert David Steinitz dem Filmkritiker Gunter Groll zum 100. Geburtstag. Und das Filmforum Bremen bietet wieder seinen wöchentlichen Überblick über Aktualitäten aus der deutschen Filmblogosphäre.

Besprochen werden Matt Reeves neuer "Planet der Affen"-Film (FAZ), die amerikanische Serie "Masters of Sex" (NZZ) und der Jubiläumsband zum 50jährigen Bestehen des Österreichischen Filmmuseums (taz).
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Bühne

Auch in diesem Jahr setzte es nach dem Ende von Frank Castorfs wiederaufgenommener "Ring"-Inszenierung in Bayreuth viele Buhs, berichtet Christian Wildhagen in der FAZ. Verdenken kann er es dem Publikum nicht wirklich: Castorfs nur lose an der Vorlage orientierte "Erzählung ist nämlich weder originell noch dicht genug, um es mit Wagners musiktheatralischer Weltschöpfung aufnehmen zu können." Reinhard J. Brembeck von der SZ beobachtete unterdessen auch einigen Applaus im Publikum - zu Recht, findet er, da Castorfs Inszenierung unter Kiril Petrenkos Dirigat "nicht weniger versucht, als im Einklang mit Wagner die Tristesse der heutigen Welt zu erklären. Petrenko bringt Wunder an Dezenz zustande, weil er jedem Moment der Partitur mit der gleichen Liebe und Sorgfalt begegnet."


Bild: Orpheus, Ballett von Xing Peng Wang, Internationale Gluckfestspiele, Stadttheater Fürth. Foto von Ludwig Olah

Manuel Brug besuchte für die Welt Veranstaltungen zum 300. Geburtstag des Opernkomponisten Willibald Gluck in Nürnberg, Franken und der Oberpfalz. Selbst die lokalen Geschäfte liefen zu Höchstform auf: "Beim Plastikentchenrennen auf dem Stadtbach Sulz, der auch am schmucken Gluck-Museum vorbeiführt, kann man beispielsweise von einem Reisebüro ausgelobte Kosmetiktaschen gewinnen. Das Friseurteam Krebs lockt mit einem liebevoll dekorierten Gluck-Schaufenster samt Glucklosen."

Besprochen werden Harry Kupfers begeistert aufgenommener Salzburger "Rosenkavalier" (SZ, Tagesspiegel, mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau) sowie Castorfs "Ring" und Hans Neuenfels" "Lohengrin" in Bayreuth (Tagesspiegel).
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Literatur

In der NZZ porträtiert Steffen Richter den Schriftsteller Bodo Morshäuser, dessen neues Buch ein Bericht über seine Krebserkrankung ist: "Nüchtern und versessen auf Genauigkeit schildert Bodo Morshäuser das Warten auf die Operation, die Morphinpumpe gegen die Schmerzen danach, die viermonatige Chemotherapie und schliesslich die regelmäßigen radiologischen Durchleuchtungen. Ja, sagt Morshäuser, ein Krebspatient wolle genau das: exakte Informationen."

Weitere Artikel: In der Jungle World erinnert Birgit Schmidt an die Feuilletonistin Milena Jesenská.

Besprochen werden ein Band mit frühen Erzählungen von Alice Munro (NZZ), Gerhard Henschels "Bildungsroman" (Zeit, mehr), Silke Scheuermanns Gedichtband "Skizze vom Gras" (FAZ), Hans Herbert Grimms wiederveröffentlichter Weltkriegsroman "Schlump" (FR, mehr) und Simone Lapperts "Wurfschatten" (SZ).
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Musik

In der New York Times stellt der Pianist Jeremy Denk eine neue Beethoven-Biografie von Jan Swafford vor - mit sehr gemischten Gefühlen: "This book is two books: a biography and a series of journeys through the music, a travelogue with an excitable professor. Readers will want to have a recording playing, so they can match metaphors to sounds. I found myself engaged by his imagery, sometimes delighted and surprised, often bewildered, and occasionally furious. The descriptions include the clinical, but trend Romantic: A climax of the "Waldstein" Sonata is like "a gust of wind that shocks the listener into a sense of the joyous effervescence of life." There is silliness: The last movement of a sonata "begins with a couple of can"t-get-started stutters followed by sort of a sneeze." When Swafford described the middle movement of the "Appassionata" as "somber," I threw the book on the floor, Beethoven-style. The piece is the opposite of gloomy; its gesture, its reason for being, is to reach up in a gradual arc toward elation."

Auch Oliver Tepel vom Freitag kann sich der Faszinationskraft von FKA Twigs" Musik (hier das Album im Stream) nicht entziehen, deren erste Songs im vergangenen Jahr per "Stille-Post-Prinzip" weitergereicht wurden. Ganz gebannt kreist der Kritiker nun "um diese sonische Fragilität, um das, was sie andeutet und nicht explizit sagen mag. Es wäre ein Leichtes, sie in ihrem Nichtentsprechen anzugreifen, ihr die Ambivalenz der Videos oder die Passivität in manchen Texten vorzuhalten. Doch genau das ist Pop: Er überwindet dogmatische Zuschreibungen, rüttelt an Identitäten und versetzt Grenzen. Lange jedenfalls keine Musik mehr gehört, die so wenig passt, sich Genres entzieht und so das Herz der Popmusik schlagen lässt."

How"s that?



Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung huldigt Jens Balzer dem Berghain, das sein zehnjähriges Bestehen mit einer Jubiläumsausstellung feiert und immer noch "die Nasenflügel zum Flattern" bringt. Dirk Schneider hat für die taz das abgelegene Musikfestival auf den Faroer Inseln besucht, wo sich die vielfältige faröische Musikszene präsentiert. Mit finstersten Metal-Shirts auf dem Leib geht Frank Schäfer von der taz im Tante-Emma-Laden von Wacken einkaufen, nur um endgültig den Glauben an den üblen Leumund der Metalszene zu verlieren. Aus Wacken bringt die Zeit zudem eine Fotostrecke mit Instagram-Aufnahmen vom Metalfestival.

Besprochen werden Shabazz Palaces" Album "Lese Majesty" (taz), Spoons Album "They Want my Soul" (ZeitOnline, Pitchfork), Auftritte von Christian Gerhaher und Gerold Huber (FR) und Daniil Trifonov beim Rheingau Musik Festival (FR) sowie die neue CD des Hornisten Saar Berger (FR).
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Kunst


Foto: Martin Klimas, Untitled, 2006

Eckhard Fuhr besucht für die Welt eine Ausstellung mit Tierfotografie in der Berliner Galerie der Alfred-Ehrhardt-Stiftung. Hier geht es nicht um ökologische Botschaften, sondern um das "fast möchte man sagen schamanische Bild vom Tier. Klar, es geht auch um den Tod und das Aussterben vor Tierarten. Aber das von Marc Volk fotografierte ausgestopfte Quagga, eine im 19. Jahrhundert ausgerottete südafrikanischen Unterart des Zebras, schaut mit seinem Glasauge den Betrachter eben nicht nur anklagend an, sondern auch so, als enthalte es einen uralten Zauber."

In der Berliner Zeitung denkt Stadtplaner Robert Kaltenbrunner über Kunstinstallationen in der Stadtöffentlichkeit nach: "Künstlerische und experimentelle Einlassungen in den urbanen Alltag können zwar nicht vom Anspruch ausgehen, für alle schlechthin verständlich und wichtig zu sein. Aber selbst wenn sie einem nicht gefallen, sie einem "nichts zu sagen haben" mögen: Sie weisen uns unmissverständlich auf das hin, was wir alle auch sind: Nämlich Subjekte und Akteure im Prozess der Stadtbildung."

Weitere Artikel: In der NZZ freut sich Hans Jörg Jans sehr, dass das neue Kulturzentrum in Lugano allen Widerständen zum Trotz vor seiner Vollendung steht. Besprochen wird Göran Gnaudschuns Bildband "Alexanderplatz" (NZZ)
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Design

Kapstadt ist "World Design Capital 2014" - verdientermaßen, meint Daghild Bartels in der NZZ, denn es hat nicht nur hervorragende Architekten, sondern eine tausendjährige Tradition des Kunsthandwerks. Die neuen Designer müssen keinen Vergleich scheuen: "Auf erfrischende Weise sprechen ihre Arbeiten eine nichtwestliche, kraftvolle Sprache, zitieren Traditionelles, ohne ins Folkloristische abzugleiten, und beeindrucken durch originelle Materialkombinationen. "Afrikanisches Design", versucht [Trevyn McGowan, Gründer der ersten Designmesse in Kapstadt] eine Definition, "zeichnet sich dadurch aus, dass Tradition und Erdverbundenheit eine große Rolle spielen. Elegante Produkte wie jene italienischer Gestalter findet man bei uns weniger. Unsere Designer bevorzugen Stein, Eisen und Holz als Material, so dass alles eher einen robusten, rohen, urtümlichen Appeal hat."" (Bild: Dibi Chair von Cheick Diallo, mehr hier)
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