9punkt - Die Debattenrundschau

Diesen rattengroßen Zauberapparate

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2014. In der Zeit sagt Hamed Abdel-Samad: Es ist nicht so einfach, zwischen richtigem und falschem Islam zu unterscheiden.  Mashable fragt: Wurde die Facebook-Studie zur Manipulation seiner Nutzer vom Militär bezahlt? Sascha Lobo erklärt die komplizierten, aber wenig performativen Theorien, denen Überwachung folgt. Österreichische Zeitungen möchten auch News-Aggregatoren beim Leistungsschutzrecht kein Schlupfloch lassen.

Ideen

Computer können erst dann wirklich intelligent werden, wenn wir aufhören, sie nach unserem Vorbild formen zu wollen, meint der Schriftsteller Clemens Setz im Aufmacher des Zeit-Feuilletons. Zwei Beispiele nennt er, wie so eine emanzipierte Computerintelligenz funktionieren könnte: Google Brain (mehr dazu in der NYT hier und hier) und iRats. Letztere sind Lingodroids, die auf Rädern durch Labyrinthe kurven, dabei andere iRats erkennen und mit ihnen sprechen - in einer Sprache, die mit der Aborigines-Sprache Kuuk Thaayorre verwandt ist. "Wie sieht die Welt aus, in der die iRats sich bewegen? Sie sind keine isoliert agierenden Wesen, sondern bilden eine genuine Kultur. Ihre Sprache ist generativ und imaginativ, so wie unsere. Sie haben Wörter für Orte, die sie niemals erreichen können, also für Utopien. Sie sprechen über Ereignisse in der Vergangenheit, als es sie noch nicht gab. Sie stellen Vermutungen an, sie erfinden neue und jonglieren mit alten Wörtern wie Kinder auf dem Spielplatz. Es ist schwer, nicht ein Gefühl von tiefer Verbundenheit zu empfinden zu diesen rattengroßen Zauberapparaten."

Hier bekommt man einen Eindruck, wie Lingodroids funktionieren. Das Video ist ohne Ton, man kann es also auch am Arbeitsplatz ansehen.



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Religion

Hamed Abdel-Samad erklärt im Interview mit der Zeit, welchen Hintergrund die Isis hat und warum wir nicht zwischen einem richtigen und falschen Islam unterscheiden sollten: "Al-Kaida, Boko Haram, IS, die Muslimbrüder, die Mullahs und auch Erdoğan. Wer hat den Islam denn richtig verstanden? Ein paar taz-Redakteure? ... Außerdem gibt es muslimische Intellektuelle, die ein gutes Bild vom Islam abgeben wollen. Navid Kermani wurde mal gefragt, was der Sinn des Lebens für ihn sei, und er hat geantwortet: Gott zu dienen. Angesichts der Katastrophen, die wir erleben, wünsche ich mir dringend intelligente Muslime, die das Kind beim Namen nennen. Denn wir steuern auf eine fundamentalistische Katastrophe zu. Also, lieber Navid Kermani, helfen Sie uns - statt in die Poesie zu flüchten!"
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Politik

Im Interview mit Spon macht sich der Theaterregisseur Matthias von Hartz wenig Sorgen, das geplante Freihandelsabkommen mit den USA könnte seine Arbeit konkret einschränken. Dennoch lehnt er es grundsätzlich ab: "Die Idee eines Handelsabkommens, das Kultur mit einschließt, verneint explizit die Existenz gesellschaftlicher Räume jenseits ökonomischer Verwertungslogik. Das ist eine neue Dimension ideeller Ökonomisierung. Besonders absurd finde ich, dass sich diesmal jeder gesellschaftliche Prozess per Negativliste vom Warencharakter distanzieren muss, statt durch eine Positivliste zum Handelsgut zu werden, so wie das bei früheren Handelsabkommen der Fall war."
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Überwachung

Es gibt Gerüchte, dass die berühmte Facebook-Studie zur Manipulation der Emotionen seiner Nutzer vom amerikanischen Militär mit finanziert wurde. Zwar gibt es hierfür noch keine Beweise, berichtet Lorenzo Francesco-Bicchierai in Mashable, aber "dann meldeten einige Berichte am Mittwoch (hier und hier), dass einer der Autoren der Studie, Jeffrey Hancock von der Cornell University, 2009 Geld vom Verteidigungsministerium erhalten hatte, um ein anderes Papier mit dem Titel "Modeling Discourse and Social Dynamics in Authoritarian Regimes" zu erstellen, und dass andere Cornell-Forscher ebenfalls Gelder für eine Studie mit dem Titel "Tracking Critical-Mass Outbreaks in Social Contagions" bekommen hatten."

Sascha Lobo hat in seiner Spiegel-Online-Kolumne eine Vermutung über die Glaubenssätze, die die massenhafte Überwachung motivieren: Man hofft auf eine Voraussagbarkeit von Ereignissen nach kybernetischen Analysemethoden. Die Folgen sind absurd: "Mein Facebook-Chat wird ausgelesen, und trotzdem scheint die gesamte Welt inklusive amerikanischer Sicherheitsbehörden völlig überrascht, dass eine Armee von 10.000 Mann den Nordirak erobert und ein Kalifat ausruft. Leider sind weite Teile der Politik und Verwaltung überzeugt davon, dass sowohl Erfolg wie auch Misserfolg die Anwendbarkeit der kybernetischen Gesellschaftssteuerung beweisen. Im Erfolgsfall funktioniert die Methode, im Misserfolgsfall hatte man leider zu wenig Daten."

Außerdem: Sieben Internetprovider haben Klage gegen den britischen Geheimdienst GCHQ erhoben, darunter der Chaos Computer Club, meldet André Meister in Netzpolitik. Die FAZ druckt eine Rede, die die britisch-kenianische Autorin Priya Basil im April auf der Re:publica gegen den britischen Überwachungsstaat hielt. Hier kann man sie auf Englisch hören:


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Medien

In der NZZ berichtet Auslandskorrespondent Rudolf Hermann über eine Diskussion in der Ukraine, wie man die russische Propaganda eindämmen kann, ohne gleichzeitig die Meinungsfreiheit zu beschneiden: "Ein Beispiel von Agitation statt Information war Anfang Juni zu verzeichnen, als bei der Stadt Luhansk etwa 500 Separatisten aus einer Wohnsiedlung heraus eine Basis der ukrainischen Grenzwache beschossen. Es handelte sich um einen der größten Angriffe im Verlauf der bisherigen Kämpfe in der Ostukraine. In der Darstellung der russischen Fernsehstation Life-News wurden die Rollen von Angreifern und Angegriffenen vertauscht, und vom Korrespondenten kam in der Live-Einschaltung die (Falsch-)Information, aufseiten der Ukrainer kämpften Angehörige des "Rechten Sektors"."

Weitere Artikel: Leonard Novy erklärt bei Carta, warum sich die heute show, auf die das ZDF so stolz ist, zu ihrem Vorbild The Daily Show mit Jon Stewart verhält wie der Harz zu den Rocky Mountains. Es liegt daran, dass Stewart tatsächlich Meinungen hat! Die österreichische Regierung bereitet ein Leistungsschutzrecht für Zeitungsverleger vor, der Regierungsentwurf scheint geleakt worden zu sein, berichtet Fabian Schmid im Standard. Vorgestern präsentierten wir die Wahlkampfrede Laurent Joffrins für den Posten des Chefredakteurs bei Libération. Heute meldet Le Monde, dass Joffrin von der Redaktion mit knapper Mehrheit gewählt wurde.
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