9punkt - Die Debattenrundschau

Der Gorilla X im Zoo Y

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2014. Im Tagesspiegel fordert Roberto Saviano eine Legalisierung von Drogen, um der Mafia die Einnahmen abzuschneiden. In Politico  klagt Joseph Sitglitz über die immer weiter aufreißende Ungleichheit in den USA. In der FAZ erklärt Ian Buruma, warum er den europäischen Traum nicht träumt. Die Washington Post präsentiert neue Snowden-Dokumente. In der Welt artikuliert der Dokumentarfilmer Errol Morris seinen ganzen Horror über Donald Rumsfeld. Und wir betten eine Dokumentation über Aaron Swartz ein. 

Politik

Einen "Film über Eitelkeit und Ratlosigkeit" nennt Regisseur Errol Morris seine Dokumentation "The Unknown Known" über den früheren amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und den Irakkrieg. Echt frustrierend sei der Mann, erzählt Morris im Interview mit Matthias Greuling in der Welt: "Als ich ihn auf die Folter-Memos aus Abu Ghraib ansprach, meinte er nur, er hätte sie nie gelesen. Ich rief: "Wirklich?" Das war von mir nicht gespielt, das war echtes Entsetzen. Das ist einer der wirklichen Schandflecken der US-Geschichte, für die ich mich unglaublich schäme, und Rumsfeld hatte die Aufzeichnungen dazu nicht mal gelesen? Hallo?"

Micha Brumlik kennt seit Hegel die Diskussion über Moderne und Distanzwaffen und hält in der taz daher die Drohnen vor allem für eine Frage nach der globalen Ordnung: "So widersinnig es auch scheinen mag: "Krieg" ist neben vielem anderen auch ein definierter "Rechtszustand", in dem genau festgelegt ist, wer wem was antun darf. Lässt sich der Einsatz von Drohnen rechtlich regeln? Ist der Mann am Bildschirm "Kombattant" im Sinne der Genfer Konvention? Ist der Kämpfer einer Truppe, die nicht als staatliche oder doch nicht einmal als Bürgerkriegsarmee gelten kann, "Kombattant"?"

Im Interview mit dem Tagesspiegel macht Roberto Saviano deutlich, wie wenig sich seit seinem Mafia-Buch "Gomorrha" in Italien geändert hat: "Die Mafia ist weiter gewachsen, genauso wie das organisierte internationale Verbrechen gewachsen ist. Hauptsächlich liegt es daran, dass Polizei und Staatsanwaltschaft es nicht geschafft haben, diese Organisationen aufzuhalten, es gibt keine international vertretene Nationalpolitik, die in der Lage ist, eine Debatte über die Drogenlegalisierung zu eröffnen, die wahre Einnahmequelle der Organisationen, dank derer sie in jedem Bereich investieren können."
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Internet

(Via Open Culture) "The Internet"s Own Boy", Brian Knappenbergers Dokumentarfilm über den Internetaktivisten Aaron Swartz, der sich letztes Jahr das Leben nahm, steht nun in einer CC-Version online, meldet Cory Doctorow in Boingboing. Damit soll vor allem einem nicht amerikanischen Publikum Gelegenheit gegeben werden, sich mit Swartz" Ideen von einem freien Netz auseinanderzusetzen. Der Film kann gestreamt oder heruntergeladen werden. (Sage Ross" Aaron-Swartz-Porträt findet sich unter CC-Lizenz bei Flickr.)

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Gesellschaft

Verzweifelt und düster und teilweise biografisch gefärbt liest sich Joseph Stiglitz" in Politico geführte Klage über die immer weiter aufreißende Ungleichheit in den USA. Aus der Tendenz gibt es für ihn keinen Ausweg mehr. Dem gefeierten Ökonomen Thomas Pikletty gibt er in allen Punkten recht: "Am verstörendsten ist die Beobachtung, dass der amerikanische Traum - die Vorstellung, dass wir in einem Land der Chancen leben - ein Mythos ist. Die Lebenschancen eines jungen Amerikaners hängen stärker von Einkommen und Bildung der Eltern ab als in vielen anderen avancierten Ländern, inklusive des "alten Europa"."

In der Welt wirft Matthias Heine der Germanistin Heike Wiese blanken Rassismus vor, weil sie das Kiezdeutsch als neuen Dialekt betrachtet: "Wenn die Professorin erklärt, Sätze wie "Machst du rote Ampel?" stünden gleichwertig neben schulgrammatisch korrekten Formulierungen, dann verfolgt sie damit eine klassische linke Onkel-Tom-Strategie."

Und: Joachim Güntner nimmt in der NZZ die "Velo-Rüpel" der Großstädte aufs Korn, die an keiner roten Ampel mehr halten ("Schließlich sind die Verkehrszeichen für uns da, nicht wir für die Verkehrszeichen"!). Am Ende weiß er aber auch: "Noch dominieren Autos den Individualverkehr. Aber sie befinden sich längst im Bereich des rapide abnehmenden Grenznutzens. Das velofreundliche Kopenhagen hat ein üppiges Radwegnetz. Zivilisiert rollen die Velofahrer dahin. Die Zukunft grüßt."
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Europa

Der britisch-niederländische, jetzt in den USA lebende Autor Ian Buruma bezieht zur EU die britische Position. Die europäische Utopie war ihm immer zu katholisch geprägt, schreibt er in der FAZ: "Tatsächlich war der alte Traum von europäischer Einheit, den so unterschiedliche Gestalten wie Erasmus und Alphonse de Lamartine träumten, stets zutiefst christlich geprägt, eine Art religiöses Utopia des ewigen Friedens unter der Herrschaft Gottes." Buruma sagt auch ein Scheitern der EU voraus, falls die Deutschen nicht bereit sind zu zahlen.
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Medien

Ein ziemlich einmaliges Dokument präsentiert Libération auf ihrer Website. Nach ihrer großen Krise präsentiert sich erneut Laurent Joffrin mit einer Art Wahlkampfrede, um wieder Chefredakteur zu werden. "Wir müssen die Fahne der Linken wieder aufsammeln, die in den Staub gefallen ist", sagt er. Den Medienwandel sieht er trotz allem als großen Fortschritt wegen der freien Verfügbarkeit von Information. Ein großer Teil seiner Rede ist der "digitalen Kurve" gewidmet, die die Libération nehmen soll - damit meint er ein Metered Model à la New York Times. Die Belegschaft wird heute über seine Kandidatur abstimmen. Das Video ist leider von Werbeclips unterbrochen.


Laurent Joffrin, le grand oral von liberation
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Überwachung

(Via Techcrunch) Die Washington Post publiziert neue Dokumente aus dem Fundus Edward Snowdens, die nochmals die große Rolle der Five-Eyes-Allianz belegen. Die NSA durfte demnach in sämtlichen Ländern der Welt und in Institutionen wie der Weltbank spionieren, nicht aber in den Ländern der Partner-Allianz. Die Dokumente zeigen, dass die NSA "sehr viel elastischere Befugnisse hatte als bisher bekannt", schreiben Ellen Nakashima und Barton Gellman. "Befugnisse, die es der NSA erlaubten, durch US-Firmen die Kommunikation ihrer Übersee-Ziele und sämtliche Kommunikationen, die diese Ziele betrafen, abzuhören."

(Via Rue89) Der technische Fortschritt nimmt uns immer enger ins Visier. In den USA geben Firmen wie BP ihren Mitarbeitern bereits Geräte wie das Fitbit: Wer mehr als 3.000 Schritte pro Tag geht, dessen Versicherungsprämie wird reduziert, berichtet Parmy Olson in Forbes: "Verschiedene Startups haben versucht via Kickstarter und anderer Plattfomen Geräte zu erfinden, die die Zuckerwerte messen, ohne die Haut zu durchstechen, bisher ohne Erfolg. Aber Apple könnte diese Nuss knacken. Letztes Jahr hat der Konzern Wissenschaftler von der pleitegegangenen Diabetes-Firma C8 MediSensors angeheuert, die bereits eine behördliche Zulassung für solch einen non-invasiven Zuckertest hatte." Adrien Renaud berichtet in Rue89 über ähnliche Bestrebungen europäischer Versicherungen.
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Weitere Artikel: In der FAZ schildert Mark Siemons ausführlich den Traum der Chinesen von einer neuen Seidenstraße, worunter sie ein eurasisches Bündnis verstehen, mit dem sie gleichzeitig die unbeliebten "westlichen" Werte knacken wollen. Der langjährige Zoodirektor Gunther Nogge wehrt sich in der FAZ gegen Tierrechtler ("Natur- und Artenschutz aber interessiert die Tierrechtler nicht. Ihnen geht es nicht um den Erhalt von Arten wie etwa den Gorillas, sondern um das Wohlergehen einzelner Individuen, also etwa des Gorillas X im Zoo Y..."). Auf der Medienseite der FAZ wendet sich Reiner Burger gegen eine Stiftung, die Journalismus aus öffentlich-rechtlichen Geldern finanzieren will. Heute Online: Abdala Ausmans FAZ-Reportage über die Isis im Irak.

Eckhard Fuhr besucht für die Welt in Regensburg die Ausstellung "Ludwig der Bayer", der so verbissen um die Kaiserkrone gekämpft hatte. In der taz schreibt Klaus Hillenbrand über die Ausstellung. Außerdem besprochen werden die neue Dauerausstellung im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte (Berliner Zeitung) und die neue Dauerausstellung im Berliner Bendlerblock zum deutschen Widerstand während des Dritten Reiches: "Sie ist ein Buch zum Widerstand geblieben", klagt Stephan Speicher in der SZ, in der FAZ berichtet Regina Mönch.
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