Efeu - Die Kulturrundschau

Problemfilm is over

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03.07.2014. Alle feiern Monty Python in London, nur der Welt ist's zu viel Hochglanz. Freitag und Welt klagen: Die Deutschen können keine Integrationskomödien - nicht mal importieren. Die FAZ fragt: War Alfred Andersch wirklich Deserteur? Und die Zeit feiert auf den Männermodewochen den Spornosexual.

Film


(Bild: Szene aus Man Rays Film "Emak Bakia", 1926)

Beim Besuch der Schau "Bewusste Halluzinationen" zum filmischen Surrealismus im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt befallen Ulf Erdmann Ziegler von der taz arge Schwindelgefühle, als er sich die kleinteiligen Verwinklungen dessen näher ansieht, was man alles unter Surrealismus fassen könnte: "All diese Männer! Ihre Freundschaften, Rivalitäten, Kooperationen, Missionsreisen, begeisterte Aufnahmen in die Gruppe, gefolgt von Ausschlüssen, dieser entnervende Briefmarkensammlerkomplex künstlerischer Vereinigungen im Allgemeinen und speziell der Surrealisten, deren Kämpfe und Bissigkeiten denen der psychoanalytischen Vereinigungen ähnelten."

Ekkehard Knörer rauft sich im Freitag schier die Haare vor Grauen: Das deutsche Kino hat die Themen Integration und Migration als Komödienmaterial für sich entdeckt! "Dreimal heiteres Deutschländerkino mit Hängen und Würgen. Schlimm und bieder mit Fernsehfilmfördergeldambitionen. Schlimmer und dümmer mit Kommerzabsicht im Herzen. Hätte nie gedacht, dass ich mal sage: Ich will den verquälten Problemfilm zurück."

Auch beim Einkauf französischer Integrations-Komödien haben die Deutschen ein schlechtes Händchen, klagt Gerhard Midding mit Blick auf den Depardieu-Film "Eine ganz ruhige Kugel" in der Welt.

Weitere Artikel: Im Freitag beobachtet Andreas Busche, wie sich der Fall des Serienmörders Fritz Haarmann in Literatur, Theater und vor allem auch im Film niederschlug. Trash-Surrealist und Undergroundfilm-Poet Wenzel Storch steht im Freitag den Fragen von Felix-Emeric Tota über LSD, katholische Kirche und Film Rede und Antwort. Matthias Dell empfiehlt in der taz eine dem Darsteller Charles Regnier gewidmete Reihe im Berliner Kino Arsenal. Das Kino entdeckt die Senioren, berichtet Silvia Hallensleben im Tagesspiegel. In der SZ würdigt Catrin Lorch Udo Kier, dem das Filmfest München eine kleine Hommage widmet. Kerstin Holm unternimmt für die FAZ einen Streifzug durch drei Filmhochschulen. Nachrufe auf Paul Masurzky und seine "Renoirsche Größzügigkeit" (Welt) bringen der Tagesspiegel, die FR, und die SZ.

Besprochen werden Errol Morris" neuen Film "The Unknown Known" (Perlentaucher, taz, Welt, Zeit), Alexander Kluges auf DVD erscheinender Essayfilm "Bilderwelten vom Großen Krieg" (Tagesspiegel), Melissa McCarthys und Ben Falcones Komödie "Tammy - Voll abgefahren" (Berliner Zeitung), ein Sammelband über die Filme von Dario Argento (Junge Welt) und Richard Raymonds "Wüstentänzer" über den iranischen Tänzer Afshin Ghaffarian, der 2009 aus seinem Land fliehen musste (taz).
Archiv: Film

Literatur

Jörg Döring und Rolf Seubert berichten in der FAZ auf einer ganzen Seite von Archivforschungen darüber, ob Alfred Andersch, wie in einigen seiner Texte beschrieben, am Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich als einsamer Deserteur zu den Amerikanern übergelaufen ist: "Zu Obersoldat Andersch jedenfalls findet sich kein Dokument in den amerikanischen Akten, aus dem hervorgeht, ob er sich bei der Gefangennahme als Deserteur zu erkennen gab oder nicht."

Außerdem: Volker Breidecker berichtet in der SZ von Daniel Kehlmanns Frankfurter Poetikvorlesungen, der dabei - zur Überraschung aller Anwesenden - die Auschwitzprozesse von 1969 mit den eskapistischen Filmerfolgen Peter Alexanders aus dem selben Jahr kontextualisierte: Damit "traf Kehlmann ins Schwarze - und ins verdrängte Braune". Lothar Müller liest sich in der zweiten Folge der SZ-Reihe über literarische Schausplätze des Ersten Weltkriegs durch Bücher von unter anderem Uwe Nettelbeck, Robert Musil und Ernst Hemingway.

Besprochen werden unter anderem neue Bücher von Pierre Bourdieu (FAZ) und Marlene Streeruwitz" Roman "Nachkommen" (FR, Zeit), Joseph Hanimanns Biografie "Antoine de Saint-Exupéry. Der melancholische Weltenbummler" (NZZ) und Martin Pollacks "Kontaminierte Landschaften" (NZZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Ein schwer begeisterter Alexander Menden berichtet in der SZ von der Monty-Python-Reunion-Show in London, wo zwar ausschließlich sattsam bekanntes, aber immer noch bestens funktionierendes Material zum Besten gegeben wird: "Mögen sie selbst faltig geworden sein, ihre Art von Komik aber ist zeitlos."

Jan Küveler ist in der Welt nach Altbekanntem wie dem "Fish Slapping Dance" beschwingt, bemerkt aber: "Vielleicht hätten sie auf den abgestandenen Revue-Hochglanz besser verzichtet und sich mehr Freiheiten erlaubt. Ganz am Ende blitzt etwas davon durch, als John Cleese nebenbei bemerkt, er sei enttäuscht darüber,dass die Schweiz gegen Argentinien verloren habe. Das ist die einzige nicht einstudierte Bemerkung des Abends."

Für die Berliner Zeitung berichtet Teresa Dapp, für die FAZ Gina Thomas. Und René Walter von Nerdcore hat von dem Auftritt ein erstes Video ausfindig gemacht.

Außerdem: Annett Jaensch von der taz zeigt sich sehr angetan von der ersten Tanzinstallation "20 Dancers for the XX Century" aus Boris Charmatz" "Musée de la danse", das am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin einen begehbaren Kurs in Sachen Tanzgeschichte bietet. Im Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina den Choreografen Hofesh Shechter, dessen neue Arbeit "Sun" das Berliner Festival Foreign Affairs präsentiert.
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Archiv: Bühne

Musik

Wolfgang Sofsky hat dran gedacht und feiert sie in seinem Blog: Die großartige Annie Fischer wäre in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden. Hier spielt sie mit viel Mut und Konzentration Beethovens Opus 13 (die "Pathétique").



Besprochen werden das Album "Liminal" von The Acid (Zeit), das neue Album von Brian Eno und Karl Hyde ("Eno"s best vocal album in 25 years", jubelt Mark Richardson von Pitchfork), Bob Dylans Auftritt in München (SZ) und Roddy Frames Album "Seven Dials" ("Gespickt mit üppigen Arrangements, zeigt sich ein Songwriting in Vollendung", schreibt Alex Bechberger in der taz).
Archiv: Musik

Kunst

Kurator Kaspar König vorzuwerfen, er knicke in Petersburg mit seiner Manifesta vor Putin ein, ist Unsinn, meint Hanno Rauterberg in der Zeit. König habe seine ganz eigenen Strategien: "Lieber verlegte er sich auf eine gera­dezu russisch-gewiefte Strategie der Dissidenz. ... Denn auch das gehört zur Strategie des Kurators König: die Kunst weniger auszustellen als einzuschmuggeln. Es gibt keine Hinweisschilder, keine Erklärungstafeln, nichts, was die Besucher vorbereiten, gar warnen würde. Die Kunst der Gegenwart ist einfach da, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit."

Im SZ-Gespräch mit Laura Weissmüller wendet sich die Architektin Anna Lacaton ganz entschieden dagegen, dass derzeit reihum die Moderne der 60er und 70er Jahre per Gebäudeabriss aus dem Stadtbild getilgt wird: "Überall [wird] versucht, die Moderne auszulöschen, dabei war diese Epoche sehr wichtig für die Architektur. Ihre größte Qualität ist die Freiheit, die sie den Bewohnern bietet."

Besprochen werden die Ausstellung "Stanze/Rooms" im Berliner Me Collectors Room (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Design

Frauke Fentloh hat für die Zeit die Männermodeschauen von Paris bis New York besucht und zählt die neuesten Trends auf: vom Blaumann bis zur Mode für den "Spornosexual" (freizügig, meist auf Selfies posierende Männer mit Sport-Porno-Torsi), von Riemchensandalen bis zur Farbenexplosion: "Calvin Klein schneidert Pullover aus gelbem, rotem und orangefarbenem PVC. Costume National macht Anzüge in Violett und Himmelblau, bei Kenzo stehen Rosa und Mintgrün im Mittelpunkt." (Bei Moschino, Foto, kam glatt alles zusammen, notierten Tom und Lorenzo in ihrem Blog)
Archiv: Design
Stichwörter: Männermode, Porno, Selfies