Efeu - Die Kulturrundschau

Ein bisschen erschlagen

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01.07.2014. FAZ und FR feiern hingebungsvoll die hinterlistige Jahrmarkts- und Filmmusik von Peter Eötvös' neuer Oper "Der goldene Drache" in Frankfurt. Der Perlentaucher bekommt beim Münchner Filmfest von Aleksei German eine Portion Stechapfeltee verabreicht. Die NZZ lernt im Wiener MAK, wie man eine Küche integral auf der Schulter trägt. Und The New Republic begutachtet die Mordopfer in den Krimis von J.K. Rowling: Alles Angehörige des Literaturbetriebs.

Bühne


(Szenenfoto "Der goldene Drache", © Monika Rittershaus)

So geht Moderne im 21. Jahrhundert, freut sich FR-Rezensent Hans-Klaus Jungheinrich bei der Uraufführung von Peter Eötvös" Oper "Der goldene Drache" in Frankfurt: Für die Ouvertüre schlugen Darsteller und Musiker auf Töpfe und Pfannen und was sonst noch so auf der Bühne herumlag. "Im weiteren Verlauf dachte man dann mehr an die drastische und groteske Klangsphäre von Ligetis "Grand Macabre", später an visionäre Bartók"sche Tongestalten, wenn die teilweise derbkomische Handlung ins Lyrische und auch Hymnische umschlägt. Eötvös geht immer von der konkreten dramatischen Situation aus, musikalisiert unmittelbar und illustrativ. Mit dem Schlussmonolog des (toten) kleinen Chinesen, einer überwältigend eindringlichen und auf merkwürdig immaterielle Art schönen Sopranarie, stößt er entschieden in die Zone "großer" Opernmusik vor."

Auch FAZ-Rezensentin Eleonore Büning war hin und weg: "Eine hinterlistige Jahrmarkts- und Filmmusik, die selbst noch blutigste Geschehnisse in handwerklich edelste Stoffe hüllt. Die Musik schmiegt sich dem ruhelosen Text an, folgt jeder nervösen Windung der Wortvolten, geschmeidig, weich, lustvoll und ironisch. Und zündet sogar ab und zu, wenn zum Beispiel jemand gerade ein wenig verblutet oder ein bisschen erschlagen wird, ein Belcanto- oder Arioso- oder sogar Koloraturfeuerwerk - so dass die jungen Sänger auf der Bühne, die dunkel-strahlende Sopranistin Kateryna Kasper, der hell-lyrische Tenor Simon Bode, zeigen dürfen, was sie können."

Weitere Artikel: Der letzte Jahrgang des Wiesbadener Festivals "Neue Stücke aus Europa" war "ingesamt gesehen stark", bescheinigt Shirn Sojitrawalla in ihrem Resümee in der taz. Judith von Sternburg spekuliert unterdessen in der FR, dass es mit dem Festival doch noch weitergehen könnte. Dorion Weickmann führt in der FAZ durch das Schaffen des Choreografen Boris Charmatz.

Besprochen werden John Neumeiers neue Choreografie "Tatjana" in Hamburg (Welt), Theresia Walsers und Karl-Heinz Otts am Theater Konstanz aufgeführtes Stück "Konstanz am Meer" (Nachtkritik, FAZ), Rüdiger Schapers Studie "Spektakel - Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos" (SZ).
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Film



Für den Perlentaucher ist Thomas Groh beim Filmfest München: Gesehen hat er dort neue Filme von Mathieu Amalric, David Gordon Green und Aleksei German, dessen nach dreizehn Jahren Produktion fertiggestellter Film "Hard to Be a God" beherzt im Schlamm einer mittelalterlichen Science-Fiction-Welt nach dem gleichnamigen Roman der Gebrüder Strugatzki wühlen lässt: "Ein bisschen ist das so, als hätten Terry Gilliam und Wenzel Storch Stechapfeltee getrunken und anschließend ein Gemälde von Pieter Brueghel dem Älteren mit Fischaugenkamera aus der Ameisenperspektive erkundet und dabei zuweilen auch mal einen Ausflug zu Hieronymus Bosch unternommen."

In der SZ freut sich David Steinitz über die beim Filmfest München gezeigten Filme der Sektion "Neues Deutsches Kino": Diese werde mit "gutem Zeitgeist-Gespür" kuratiert und "hat sich (...) in den letzten beiden Jahren zur wohl wichtigsten Plattform fürs aktuelle deutsche Kino gemausert." Besonders empfehlen kann er Sylke Enders "Schönefeld-Boulevard" und Philipp Leinemanns Thriller "Wir waren Könige", der ihn an die Filme von Dominik Graf erinnert.

Außerdem: Kaspar Heinrich begeistert sich in der Zeit für die von Roberto Saviano konzipierte italienische Mafia-Serie "Gomorra". Im Freitag philosophiert Georg Seeßlen über den Körper von Angelina Jolie. Marco Koch bringt im Filmforum Bremen seinen wöchentlichen Überblick über die deutsche Filmblogosphäre. Besprochen wird Sébastien Betbeders "3 Herbste, 2 Winter" (Zeit).
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Musik

Christiane Peitz schreibt im Tagesspiegel zur Halbzeit des Berliner Festivals Young Euro Classic. George Szpiro besucht für die NZZ eine "Amateur Night" im wiedereröffneten Apollo Theater in Harlem.

Besprochen werden Damon Albarns Soloalbum "Everyday Robots" (FR), Auftritte von How to Dress Well (FAZ) und Pearl Jam (Freitag) sowie eine von Tugan Sokhiev dirigierte Aufnahme von Sergej Prokofjews "Iwan der Schreckliche" (Tagesspiegel).
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Literatur

Niemand hat bemerkt, wie J.K. Rowling in ihren Kriminalromanen um den Privatdetektiv Cormoran Strike den Literaturbetrieb aufs Korn nimmt, amüsiert sich Elizabeth Winkler in The New Republic. "The line-up of murder suspects gives us a few hints: a boozy editor; a powerful though closeted publisher who retreats to the countryside to paint naked youths; a jealous literary agent whose own writing is "deplorably derivative"; a much-revered but pompous and sexist novelist; a writer of "bloody awful erotic fantasy"; and the victim"s wife, who ignores his books until they have "proper covers." ... To judge by this cast, it seems that Rowling has a few bones to pick with the literary world. And that"s putting it delicately."

Besprochen werden die Neuauflage von Christian Geisslers Roman "Wird Zeit, dass wir leben" aus dem Jahr 1976 (SZ), Lee Smolins "Im Universum der Zeit" (FAZ), Peter Sloterdijks "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (SZ), Jean Echenoz" Roman "14" (Tagesspiegel), Ed Piskors Comic "Hip-Hop Family Tree" (Tagesspiegel) und Bücher von Rupert Neudeck (taz).
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Kunst



Frisch und anregend findet Samuel Herzog die Neupräsentation der Designobjekte im Wiener MAK. Statt nach Materialien werden die Dinge jetzt nach Themenbereichen angeordnet, erzählt er in der NZZ: "In der Abteilung "Kochen" etwa geschieht dies dadurch, dass verschiedene Modelle von Küchen nebeneinander aufgestellt werden. Da gibt es eine Rekonstruktion der berühmten Frankfurter Küche, entworfen 1926 von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky - und damit verbunden die Frage nach dem Stellenwert des Kochens im Alltag der modernen Frau. Daneben zeigt eine schnittige Designer-Küche aus jüngster Zeit, wie die Kochumgebung durchaus zu einem Ort der Statusbildung werden kann. Und dazwischen ist ein Restaurant aus Vietnam inszeniert, das integral auf der Schulter durch die Welt getragen werden kann - und also die Frage aufwirft, wie viel Platz die Dinge brauchen."

Nicola Kuhn vom Tagesspiegel ist sich nicht sicher, ob die von Putins Regierung gegängelte Manifesta in St. Petersburg wirklich als gescheitert angesehen werden kann: "Noch ist nicht ausgemacht, ob die Manifesta zu spät, zu früh oder im letzten Moment kommt, in dem die Tür noch einen Spalt offen steht und kritische Äußerungen möglich sind. Das macht sie zur spannendsten Ausstellung des Sommers. Immer wieder gab es Boykott-Aufrufe aus Sorge vor einer Instrumentalisierung der Kunst (...) Die in der Eremitage und dem Generalstabsgebäude präsentierte Ausstellung geht, überfrachtet von all diesen Fragen, fast in die Knie. Sie ist ordentlich abgelieferte Kuratorenarbeit."

Weitere Artikel: Anna Pataczek gratuliert im Tagesspiegel dem Berliner Künstlerhaus Bethanien zum 40-jährigen Bestehen. Daniel Kortschak informiert in der FR ausführlich über Pläne, den brachliegenden Güterbahnhof Prag-Žižkov zu einem Kulturzentrum auszubauen.

Besprochen werden eine dem Architekt Bernard Zehrfuss gewidmete Ausstellung in der Cité de l"Architecture et du Patrimoine in Paris (SZ) und die große Jeff-Koons-Ausstellung im New Yorker Whitney Museum, die "in geradezu jämmerlicher Manier harmlos" bleibt, kritisiert Patrick Bahners in der FAZ.
Archiv: Kunst