9punkt - Die Debattenrundschau

Dieser gemeineuropäische Fatalismus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2014. Empörung bei Techcrunch und vielen anderen Medien über den Versuch von Facebook, die Emotionen der Nutzer durch den Newsstream zu manipulieren. Die SZ beschreibt den Clinch zwischen Peking und den aufsässigen Hongkongern. In Zeit online empört sich Till Kreutzer darüber, wie die Zeitungsverlage das Leistungsschutzrecht per Bundeskartellamt durchsetzen wollen. In der FAZ stellt Peter Graf Kielmansegg die Schuldfrage mit Blick auf den ersten Weltkrieg.

Überwachung

Facebook hat bei einem Teil seiner Nutzer den Newsfeed verändert, um die "emotionale Ansteckung" zu testen, wie unter anderem Spiegel Online berichtet. Wer mehr positiv gefärbte Post bekam, reagierte positiver, wer mehr negative Post bekam, negativ.

Auf Techcrunch kann sich Josh Constine gut vorstellen, was an der Frage so interessant ist, er findet die Studie aber trotzdem unethisch: "Alle Marke, alle Politiker, alle Wohlfahrtsorganisationen oder soziale Bewegungen versuchen auf einem gewissen Level, Emotionen zu manipulieren, und führen A/B-Test durch, um den besten Weg dahin herauszubekommen. Sie alle wollen, dass wir mehr klicken, mehr ausgeben, mehr wählen, mehr spenden, oder eine Petition unterschreiben, indem sie uns besser gelaunt machen, unsicher, optimistisch, traurig oder wütend... Abgesehen davon, dass Facebook unser Nutzerverhalten ständig testet, was nun auch in eine grauere Zone rutschen könnte, versuchte dieses Experiment direkt, Einfluss auf unsere Emotionen zu nehmen. Eine Marke, die ihren Inhalt verändert, um die Gefühle von jemandem zu verändern und damit ein Geschäftsergebnis zu erzielen, ist einfacher und erwartbar. Ein Portal, das die Sichtbarkeit des Inhalts manipuliert, der von Freunden mitgeteilt wird, um uns der Wissenschaft wegen depressiv zu machen, ist etwas anderes."

Auf Slate.com stellt sich David Auerbachs Googles Masterplan vor, die Welt in Nutzerdaten umzuwandeln.
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Politik



In der SZ berichtet Kai Strittmatter, wie Hongkong mehr und mehr gegen die Schikanen aus Peking aufbegehrt - bei den beeindruckenden Demonstrationen zum Jahrestag von Tiananmen war es schon zu sehen: "Die Partei, so viel ist klar, hat langsam die Nase voll von den widerspenstigen Hongkongern. Was die Partei in dem Ausmaß so wohl nicht erfasst hatte, war die Tatsache, dass die Hongkonger wiederum die Nase voll haben vom herrischen Auftreten Pekings und seiner Statthalter in Hongkong, von gebrochenen Versprechen und von dem, was sie als Vorboten des Niedergangs eines großartigen Ortes empfinden." (Lam Thuy Vos Foto von der Demo zum Gedenken an das Tiananmen-Massaker in Hongkong ist unter CC-Lizenz bei flickr veröffentlicht.)

Weiteres: Für die SZ berichtet Kurt Kister von der europäischen Historiker-Diskussion beim Bundespräsidenten. Ebenfalls in der SZ berichtet Christiane Schlötzer von Debatten in der türkischen Linken zur Rolle der Religion.
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Stichwörter: Hongkong, Kai Strittmatter

Gesellschaft

In Kreuzberg besetzen Flüchtlinge Plätze und Häuser. Ines Kappert schimpft in der taz auf das alternative Milieu des Viertels: "Warum also herrscht angesichts von Flüchtlingen ein solches Unbehagen im alternativen Milieu? Weil das schlechte Gewissen nagt. Eigentlich müsste man helfen, aber man will es nicht. Eigentlich ist der Flüchtling eine positiv besetzte Figur - aber eben nicht, wenn er im Park mich mit meinen moralischen Maßstäben konfrontiert und im Park - wie die Touristen auch - Bierflaschen hinterlässt."
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Stichwörter: Berlin, Kreuzberg

Geschichte

Peter Graf Kielmansegg untersucht für die FAZ noch einmal die höchst komplexe Schuldfrage in Bezug auf den Ersten Weltkrieg, die nicht so eindeutig zu beantworten ist, wie manche sich wünschen. Und er macht eine eher kulturelle Beobachtung: "In diesen Strukturen handelten Menschen, die nicht nur davon überzeugt waren, dass es legitim sei, für die eigenen Interessen Krieg zu führen, sondern auch sicher zu wissen meinten, dass der Krieg zwischen den beiden Mächtegruppen irgendwann kommen werde. Nichts fällt beim Studium der Quellen mehr auf als dieser gemeineuropäische Fatalismus."

Weitere Artikel: Nils Minkmar begleitet für die FAZ Bernard-Henri Lévy nach Sarajewo zu den Gedenkfeiern des Attentats vor hundert Jahren. Urs Hafner verfolgte für die NZZ ein Zürcher Forum zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Auch in Schloss Bellevue wurde über den Ersten Weltkrieg diskutiert - Lorenz Jäger berichtet für die FAZ. In der Welt verweist Sven Felix Kellerhoff auf eine Channel 5-Dokumentation über Adolf Hitlers in eigener Sache offenbar höchst großzügiges Finanz- und Steuergebaren.
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Medien

Urheberrechtsexperte Till Kreutzer von irights.info kann in Zeit online seine Empörung über die Zeitungsverlage nicht verhehlen, die Google nun per Eingabe beim Bundeskartellamt zwingen wollen, ihre Inhalte zu listen und dafür zu bezahlen: "Politisch betrachtet wird das Ganze immer absurder. Schon die Einführung des LSR entbehrte jeglicher Begründung und Rechtfertigung. Der Versuch, zu dessen Durchsetzung auch noch das Kartellrecht ad absurdum zu führen, ist infam. Umso erstaunlicher und bedenklicher sind erste Anzeichen, dass sich die Politik erneut hinters Licht führen lässt. Justizminister Heiko Maas (SPD) hat jüngst verlauten lassen, dass man "prüfen werde", ob das LSR nicht ausgeweitet werden solle."

In der SZ rauft sich Fußball- und Krimiautor Rob Alef die Haare über die grottenschlechte Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen zur Fußball-WM: "Über manche Sachen mag man sich gar nicht mehr aufregen. In England gibt es schlechtes Wetter, hier gibt es Tom Bartels und Béla Réthy. Das ist so, man kann den Schirm mitnehmen beziehungsweise den Ton ausmachen und je nach Temperament und Spielpaarung Wagners "Walkürenritt" oder das "Lied der Schlümpfe" unterlegen. Das wahre Ärgernis aber ist: Die Öffentlich-Rechtlichen lassen mit großem Aufwand das Phänomen Fußball und das Gastgeberland Brasilien in Beliebigkeit versickern." Hätte man nicht zum Beispiel, fragt er etwa, all die in Brasilien versammelten deutschen Trainer - Hitzfeld, Finke, Löw und Klinsmann - "zu einem Gespräch einladen und zwei Stunden über Fußball reden lassen können?"

Weitere Artikel: Daniel Bouhs stellt für die taz fest, dass das "Netzwerk Recherche" nach internen Querelen in den letzten Jahren wieder blüht und gedeiht - in dieser Woche hält es seine Jahrstagung ab.
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