Efeu - Die Kulturrundschau

Die Mauer ist zurück!

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30.06.2014. Schon wieder Faschouniformen, stöhnen NZZ und Welt in der Münchner Neuinszenierung von Rossinis "Guillaume Tell" durch Antú Romero Nunes. Nachtkritik und SZ fanden es ganz hintersinnig. Die taz beobachtet sorgenvoll russische Ressentiments gegen zeitgenössische Kunst bei der Manifesta. In der Jungle World fordert der Rapper Form/Prim mehr ästhetisches Bewusstsein von linken Rappern. Im Standard ätzt Marlene Streeruwitz gegen die alten Männer im Kulturbetrieb. Und in der NZZ verkörpert der Musiker und Autor Yali Sobol das ganze Dilemma eines israelischen Friedensaktivisten.

Bühne



Wilhelm Tell ein Faschist? "Wenn der Regie nicht viel einfällt, greift sie oftmals auf einen Aktionismus zurück", seufzt Marco Frei in der NZZ angesichts der Neuinszenierung von Rossinis "Guillaume Tell" durch Antú Romero Nunes bei den Operfestspielen München. "Die Fremdherrscher vertraten hier wiederum die EU, weshalb der Landvogt Gessler (Günther Groissböck) eine Stiermaske als Anspielung auf den antiken Europa-Mythos aufsetzte und seine Soldaten die EU-Flagge hissten. Damit wollte Nunes deutlich machen, dass er nicht nur nationalistischen Tendenzen in der Schweiz misstraut, sondern auch solchen in der EU. Weil Nunes aber seine Position nicht schärfte, konnte paradoxerweise die europäische Idee per se als Bedrohung erscheinen, was Rechtspopulisten hüben wie drüben faktisch in die Arme spielt - auch wenn sich Nunes eigentlich von ihnen distanzierte. Denn Nunes deutete viel an, dachte aber nichts konzis zu Ende."

In der Welt lobt Manuel Brug die "superbe Sängerschar", reagiert aber super genervt auf die Inszenierung: "Ob deutsche Opernintendanten manchmal wenigstens im Geiste ihre Premieren der letzten, sagen wir 15 Jahre Revue passieren lassen? Fällt da keinem auf, dass ständig alles ins Heute oder eine undefinierbare Kunstmoderne gezerrt wird, dass Faschistenuniformen, Humana-Trash oder Fifties-Mode als gern gebrauchter Denunziationsschick die oft erschreckend fantasiearmen Bühnenräume beherrschen?"

Reinhard J. Brembeck zeigt sich in der SZ dagegen sehr angetan. Dass sich die Opernfestspiele überhaupt an den Tell wagten, hat seine guten Gründe, meint er - im Gegensatz zum anwesenden Publikum: Denn "München kann, erstens, diese Rollen mehr als achtbar besetzen, und zweitens unterläuft der junge und im Sprechtheater längst durchgestartete Regisseur Antú Romero Nunes dieses Pathos mit Intelligenz, Können, Gelassenheit, Hintersinn und subtiler Komik. Dass er ausgebuht wird, gehört zur rätselhaften Folklore des Hauses." Positiv auch Georg Kasch von der Nachtkritik, der schwer ins Grübeln geriet: "Wem nutzen Revolutionen? Wer greift bei separatistischen Freiheitskämpfen eigentlich zu den Waffen und mit welchem Ziel? Sind Europaskeptiker wie die AfD die Schweizer von heute?"

Weitere Artikel: In der NZZ kann man die Rede lesen, die Peter von Matt zur Verleihung des Kunstpreises der Stadt Zürich an den Regisseur Werner Düggelin hielt.

Besprochen werden Yan Duyvendaks und Roger Bernats beim Berliner "Foreign Affairs"-Festival aufgeführte, auf echtes Justizpersonal zurückgreifende Hamlet-Variante "Please, Continue (Hamlet)" (Tagesspiegel), eine "Fidelio"-Aufführung im ehemaligen Stasi-Gefängnis Cottbus (Tagesspiegel), Manfred Kargs Brecht-Inszenierung "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" am Berliner Ensemble (Tagesspiegel), Boris Charmatz" in Berlin beim Sowjetischen Ehrenmal aufgeführte Choreografie "20 Dancers for the XX Century" (Tagesspiegel), Alexej Ratmanskys Ballettabend in Dresden zu Ehren von Richard Strauss (FAZ) und Johan Simons" Inszenierung des Jelinek-Stücks "FaustIn and Out" am Bayerischen Staatsschauspiel, dem es Kerstin Holm (FAZ) zufolge gut ansteht, einmal "nicht in keif-kabarettistischen Wortkaskaden" aufgeführt zu werden. Eine weitere Besprechung gibt es in der Welt.
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Kunst

Auch Regine Müller von der taz findet es auffällig, wie sehr die in der Eremitage in St. Petersburg gastierende Manifesta - während des russischen Tauwetters vor zwei Jahren ins Land geholt - gegängelt wird: "Womit [Leiter Kasper König] wohl so nicht gerechnet hat, sind die inneren Widerstände, die Ressentiments gegenüber zeitgenössischer Kunst und die Sturheit der Institutionen, die gerade an den beiden Preview-Tagen auf Schritt und Tritt spürbar sind. "Die Mauer ist zurück!", ruft König denn auch bei der Pressekonferenz, genervt und trotzig zugleich. Nähert man sich nun dem Winterpalast, weist kein einziges Zeichen auf die Manifesta hin."

Außerdem: In der Presse erklärt der Fotograf Elliott Erwitt, warum er beim Fotografieren nie um Erlaubnis fragt.

Besprochen werden eine Ausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv über Wassily Kandinskys Lehre am Bauhaus (Tagesspiegel), ein Fotoband mit Aufnahmen von Eberhard Püscher (FR), Walter Grasskamps Buch "André Malraux und das imaginäre Weltmuseum. Die Weltkunst im Salon" (SZ) und eine Ausstellung von Helen Berggruens Malereien in der Berliner Galerie Deschler (Berliner Zeitung).
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Musik

Jonas Engelmann hat sich für die Jungle World mit dem Rapper Form/Prim unter anderem über die Jugend auf dem Dorf, Politisierung in der Provinz und nicht zuletzt über Hiphop aus Deutschland unterhalten. Am dezidiert linken Hiphop hat Form/Prim bei aller Solidarität zumindest ästhetische Bedenken: "Der explizit linke Rap war mir oft nicht gut genug. Ich mochte die Vernachlässigung der Ästhetik nicht, die totale Fixierung auf Inhalte bei Vernachlässigung anderer Aspekte wie der Frage, ob das eigentlich gut gerappt ist. Abgesehen davon ist HipHop besser als sein Ruf, gerade in Deutschland wird er immer noch sträflich unterschätzt, von bildungsbürgerlichen Rassisten abgewertet, von vermeintlich politisch Denkenden in aller Regel missachtet und insgesamt nicht verstanden."

Im Standard träumt der Künstler Tex Rubinowitz davon, die Musik abzuschaffen: "Wir hätten keine Angst mehr, bräuchten keine Fahrstuhlmusik, weil niemand mehr Angst im Fahrstuhl hat, keine Kaufhausmusik, weil wir so klar und wach sind, dass wir nur das kaufen, was wir wirklich brauchen, und keine Musik im Lokal, die immer lauter wird, je lauter wir reden, bis wir am Ende schreien müssen, gegen die Musik anschreien, bis wir heiser sind".

Außerdem: Für die Zeit hat Rabea Weihser Klavierstunden bei Chilly Gonzales belegt. Nachrufe auf Bobby Womack schreiben Nadine Lange (Tagesspiegel), Julian Weber (taz), Michael Pilz (Welt) und Jens-Christian Rabe (SZ).

Besprochen werden ein Konzert von Steven Seagal (Berliner Zeitung), ein Konzert der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne (Berliner Zeitung), ein Bob-Dylan-Konzert in Wien (Presse, Standard), ein Konzert der Wiener Philharmoniker in Sarajewo zum Weltkriegsgedenken (Presse) und das Debütalbum "Soon" von Malky (Tagesspiegel).
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Archiv: Musik

Film

Für die FAZ berichtet Jörg Michael Seewald von der Eröffnung des Filmfests München, dem er bescheinigt, sich nach der Berlinale als wichtigstes Filmfestival Deutschlands positioniert zu haben.

Besprochen werden zwei Filme, die beim Filmfest in München gezeigt wurden: Wim Wenders" Doku "Das Salz der Erde" (SZ) und Christian Schwochows "Bornholmer Straße" (Welt).
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Literatur

Der israelische Rockmusiker und Romanautor Yali Sobol spricht im Interview mit Carmen Eller für die NZZ über seinen neuen Roman "Die Hände des Pianisten" und offenbart dabei das ganze Dilemma eines linken Friedensaktivisten, der die eigene, rechte Regierung für ihr Demokratiedefizit tadelt und ihr doch Punkte zugestehen muss: "Als Mitglied der Friedensbewegung habe ich an vielen Demonstrationen teilgenommen. Ich hielt Banner hoch mit der Aufforderung, die Golanhöhen zurückzugeben. Wenn man aber sieht, was in den letzten zwei Jahren in Syrien passierte, muss man sich fragen: Was wäre geschehen, wenn wir den Golan tatsächlich an Syrien zurückgegeben hätten? Dann würde al-Kaida jetzt über Galiläa sitzen und nach Belieben auf die Kibbuzim und Städte schießen. Da muss man in den Spiegel sehen und sagen: Es wäre ein schrecklicher Fehler gewesen, wenn wir die Golanhöhen zurückgegeben hätten."

Im Standard ätzt Marlene Streeruwitz gegen die alten Männer im Kulturbetrieb: "Wenn wir zum Beispiel in die Literatur gehen, dann hat uns Marcel Reich-Ranicki nur Thomas Mann hinterlassen, und das ist auch schon 100 Jahre her. Sonst nichts. Nichts. Kein Hinweis, der aus der Erfahrung einen Vektor in die Zukunft bilden würde. Immer nur Vergangenheit."

Außerdem: Johan Schloemann berichtet in der SZ vom Festakt im Berliner Maxim Gorki Theater zum 50-jährigen Geburtstag des Wagenbach Verlags.
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