9punkt - Die Debattenrundschau

Alle Positionen ins eigene Blatt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2014. Gestern starb FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher an einem Herzinfarkt. Alle Zeitungen würdigen ihn als herausragenden Journalisten, eine als großen Mimetiker. Außerdem: Die taz erhofft sich vom neuen Start-Up-Zentrum "Factory" in Berlin jede Menge absurde Ideen. Der amerikanische Jurist Tom Bell erklärt uns, warum eine konsequente Durchsetzung des Urheberrechts nicht wünschenswert ist. Der Anne-Frank-Fonds sieht das ganz anders.

Medien



Gestern starb - mit 54 Jahren - der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher an einem Herzinfarkt. Die Zeitungen sind voll mit Nachrufen. Der Schock ist groß. (Das Bild zeigt Frank Schirrmacher anlässlich der Buchvorstellung von Anke Domscheit-Berg ("Mauern einreißen!") am 30. Januar 2014 in der Backfabrik in Berlin. Mike Herbst hat dieses Foto unter CC-Lizenz bei Flickr publiziert.)

In der FAZ würdigt ihn Edo Reents als "sprach- und wirkmächtigsten Kulturjournalisten, den Deutschland je hatte". Torsten Krauel stellt ihn in der Welt in die "Tradition der großen deutschen öffentlichen Intellektuellen; er war die Göttinger Sieben in einer Person vereint, er war ein Alfred Kerr, ein Theodor Wolff, ein Harry Graf Kessler." Jan Feddersen nennt ihn in der taz den "wichtigsten Blattmacher der Republik überhaupt". Weitere Nachrufe gibt es von Joachim Güntner in der NZZ, von Jan Fleischhauer (hier) und Georg Diez (hier) bei Spon, von Wolfgang Michal bei Carta (hier), von Alexander Kissler bei Cicero (hier).

Arno Widmann erzählt in der Berliner Zeitung, wie sehr er es liebte, Schirrmacher "bei seinen Capriolen" zu beobachten. Besonders imponiert hat ihm dabei dessen mimetisches Talent: "Er lernte, indem er die Haltung dessen einnahm, von dem er etwas lernen wollte. Man konnte das Anfang der Neunzigerjahre beobachten, wenn er in der Kantine des Berliner Ensembles Heiner Müller gegenüber saß und ihn so ansah, dass der sich in ihm erkannte. Saß Schirrmacher Reich-Ranicki gegenüber, geschah fast dasselbe. Weder Müller noch Reich-Ranicki waren von dem Spiegelbild, das ihnen Schirrmacher bot, entzückt. Sie spotteten gerne über ihn. In Wahrheit aber waren sie völlig wehrlos. Schirrmacher war offensichtlich so begeistert von ihnen, wie sonst nur sie selbst es waren."

Bei Zeit online erinnert sich Iris Radisch, wie sehr Schirrmacher schon als Literaturkritiker den Kulturbetrieb prägte: "Er brachte einen neuen Ton in diese Debatten, eine Direktheit und Deutlichkeit, eine Unspießigkeit und Lebendigkeit, die wirklich neu waren. Von Anfang an war darin die Leidenschaft eines Journalisten, der seine Zeit nicht nur in Zeilen fassen, sondern sie auch prägen, wenn nicht beherrschen wollte."

Franziska Augstein, Gustav Seibt (beide Ex-Fazler) und Andrian Kreye beschreiben Schirrmacher in der SZ in seiner Janusköpfigkeit. Hier der geniale Blattmacher: "Von Fests Fehlern lernend, zog Schirrmacher in allen großen Feuilletonkriegen, die er seither anfachte - dem Streit um die Vergangenheit von Paul de Man, dem Literaturstreit um Christa Wolf, der Walser-Bubis-Debatte, der naturwissenschaftlichen Neuorientierung des Feuilletons - grundsätzlich alle Positionen ins eigene Blatt: Lagerkämpfe sollte es nicht mehr geben, sondern nur das eine große Welttheater." Dort der Chef, der eine derart beklemmende Atmosphäre verbreitete, dass zwei Wellen von FAZ-Redakteuren das Blatt verließen: "Mitunter konnte man ihn sehen, wie er sich hinter Redakteuren, die am Computer saßen, postiert hatte und ihnen strenge Ratschläge gab, wie sie ihre Artikel zu intonieren oder auch wie sie die Texte en détail zu schreiben hätten."

Sehr kühl beerdigt Gregor Dotzauer Schirrmacher im Tagesspiegel: Das Maß, in dem er seine Redakteure "drangsalierte, demütigte, beschimpfte, maßregelte und kujonierte, wurde von vielen als dämonisch empfunden. Schirrmacher verfolgte eine Shock-and-Awe-Taktik, die arbeitsökonomisch gewiss unsinnig war, weil sie mehr Verschleiß als Produktivität erzeugte. So durften beispielsweise die Zimmertüren der Büros nicht geschlossen werden, damit jeder ständig den Blicken des Chefs zugänglich ist. Zugleich konnte sich Schirrmacher aber mit seiner ganzen Kraft und Autorität schützend vor die Mannschaft werfen, um sie vor weiteren Sparmaßnahmen zu schützen. Solange die FAZ prosperierte und die Ergebnisse die Tyrannei rechtfertigten, waren dies einfach die Verhältnisse. Nachdem die Zeitung nun aber dem Vernehmen nach am wirtschaftlichen Abgrund steht und verzweifelt einen Investor sucht, ist auch das Schirrmacher-Modell in eine Krise geraten."
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Internet

In einem Gastbeitrag auf netzpolitik.org kritisiert Joe McNamee, der Direktor der Datenschutzorganisation EDRi, die seiner Ansicht nach falsche Darstellung des EuGH-Urteils gegen Google in vielen Medien: Keinesfalls gehe es darum, dass Google irgendwelche Daten löschen solle. "In Wirklichkeit, wie der Gerichtshof in seiner Presseerklärung und nicht weniger als fünfzehn Mal in seinem Urteil erklärte, beschränkt sich dieses nur auf Fälle, in denen Suchanfragen auf Basis des Namens des Klagenden ausgeführt werden. An keiner Stelle wird von dem Gerichtshof das Löschen von Inhalten vorgeschlagen. Der Gerichtshof urteilte, dass Google Situationen korrigieren sollte, in denen eine Suchanfrage mit dem Namen eines Individuums "inadäquate, irrelevante oder nicht länger relevante, oder übermäßige" Suchergebnisse hervorbringt."

Die Eröffnung des Start-Up-Zentrums "Factory" nährt die Hoffnungen, dass Berlin zu einem deutschen Silicon Valley werden könnte, berichtet Ulrich Gutmair in der taz: "Tatsächlich sind in Berlin die Voraussetzungen für Start-ups ideal. Die Stadt ist voller gut ausgebildeter junger Leute aus der ganzen Welt, die vergleichsweise günstig leben können und anders als in Oakland und San Francisco noch Zeit und Muße haben, sich eben jene absurden Ideen auszudenken, die Voraussetzung eines moderaten ökonomischen Wachstums seien, wie Eric Schmidt postuliert. Deutschland sei auf einem guten Weg: "Die Leute sind schon da in Deutschland, jetzt fehlt nur noch das Geld. Sie werden zur Start-up-Nation. Wer hätte das gedacht!""

Technologieunternehmen beginnen inzwischen finanziell zu spüren, wie sehr ihre Kunden das Vertrauen in sie verloren haben, freut sich Constanze Kurz in der FAZ: "Die gute Nachricht ist, dass sich in Zukunft kaum ein Hersteller noch kooperationswillig zeigen wird, wenn NSA, GCHQ oder der kleine Bruder BND an die Tür klopfen. Das geschäftliche Risiko ist unabsehbar groß geworden und nunmehr keineswegs nur theoretisch, sondern klar bezifferbar. Die Kollateralschäden kann man für manche Branchen bereits in blanken Zahlen ausdrücken: Forrester Research schätzt die Einbußen allein bei den amerikanischen Cloud-Anbietern auf 180 Milliarden Dollar in nur zwei Jahren."
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Europa

In der Ukraine wiederholt sich, was sich in den neunziger Jahren in Russland ereignete: die Wende zur korrupten Autokratie und willkürlichen Oligarchie, schreibt der Historiker Dimitrij Belkin in der FR: "Parallel zur brutalen militärischen Operation werden schon jetzt die Weichen für eine oligarchische Umverteilung des Landes gestellt. Der praktische Herrscher der Region Donbass, Oligarch Rinat Achmetow, wackelt heute massiv und erklärt sich schleunigst zum Anhänger der neuen Ukraine. Der viel "kleinere" Oligarch, Oleg Tsarev, der zur Zeit pro-russisch politisch und militärisch aktiv ist, wurde soeben enteignet und entmachtet. Er äußerte sich vor wenigen Tagen auf Facebook mit einer scherzhaften Bitte an seine oligarchischen Gegner, die Schweine in seiner Riesenfarm bitteschön weiter zu füttern. Als Antwort wurde ein Kopfgeld auf Tsarev gesetzt: Immerhin 500t. USD."
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Urheberrecht

Ende 2015 wird das Urheberrecht am Tagebuch der Anne Frank ablaufen, meldet Antonia Kleikamp in der Welt und schildert, wie sich die von Annes Vater Otto Frank gegründeten Nachlassverwalter, die Stiftung Anne-Frank-Haus in Amsterdam und der Anne-Frank-Fonds in Basel, dafür rüsten. "Schon heute ist sicher: Sobald das Urheberrecht erloschen ist, wird es eine Fülle von bislang nicht zulässigen Veröffentlichungen über Anne Frank geben. Während die Amsterdamer Stiftung mitteilt: "Das Anne-Frank-Haus begrüßt diese Vielfalt", hat der Basler Fonds diese Entwicklung kritisiert, ohne etwas dagegen tun zu können. Beide Institutionen fürchten aber, dass es eine "Kehrseite" geben wird, denn, so die Amsterdamer: "Anne Franks Geschichte kann ab 2016 auch zu kommerziellen und politischen Zwecken benutzt werden.""

(via techdirt) Wie schwierig es ist, auch nur einen Tag ohne Urheberrechtsverletzungen zu überstehen, zeigt der US-Professor Tom Bell in einem amüsanten Video. Viele dieser Verstöße, etwa das Singen von "Happy Birthday", werden üblicherweise nicht geahndet, was für Bell nur beweist, wie reformbedürftig das Urheberrecht eigentlich ist: "Alle sind sich einig, dass die konsequente Durchsetzung des Urheberrechts nicht wünschenswert und kontraproduktiv wäre."

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