Efeu - Die Kulturrundschau

Magier der Zirkularatmung

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13.06.2014. In der New Republic fragt sich Jed Perl, ob Sigmar Polke nicht der "Pompier" der heutigen Kunst ist. Die NZZ lauscht hingerissen Sarah Neufeld und Colin Stetson, und sie durchlebt mit Jens Harder vier Millionen Jahre Geschichte. In der SZ geißelt Luyanda Mpahlwa Rassismus in der Architektur. In der FAZ spricht Lars Henrik Gass von den Oberhausener Kurzfilmtage über das Kino nach dem Kino.

Kunst

Eine leidernschaftliche Debatte hätte Sigmar Polke verdient, dem eine große Retro im Moma gewidmet ist, aber sie wird zugedeckt von den Akademismen des Katalogs und dem Gerede des Kunstbetriebs, findet Jed Perl in der New Republic. Polke schneidet bei ihm am Ende nicht gut ab, Perl muss an die "Pompiers" denken, so nannten die Avangardisten um 1900 alle, die sie vorgestrig fanden: "An diese Pompiers musste ich denken, als ich in einem großen Raum am Ende der Moma-Schau saß, deren Kompositionen (viele mit Wachturm-Motiv, das einen sofort an Holocaust und Lager erinnert) einen perfid-schicken Look haben mit ihren Wolken aus lila Pigment und Schauern von schimmerndem Silber. Im Larousse wird das Werk von "Pompiers" mit "übertrieben" oder "prätenziös" gleichgesetzt. Gibt es eine besseren Begriff, um Sigmar Polke zu beschreiben?" Gerade die Avantgarde, so Perl, sei es, die bei Polke zu Pomp geronnen sei. (Das Bild zeigt Polkes "Hochsitz" aus dem Jahr 1984.)

Der südafrikanische Architekt Luyanda Mpahlwa prangert im SZ-Gespräch mit Laura Weißmüller den rassistischen Städtebau in seiner Heimat an, wo wohlhabende, mehrheitlich weiß bevölkerte Stadtzentren sich vor den schwarzen Townships abschirmen: "Alle Städte Südafrikas (...) sind so konstruiert, dass sie die Mächtigen schützen und ihnen Zugang zu den wichtigen Einrichtungen gewähren und alle anderen, die nicht zu dieser Gruppe gehören, ausschließen."

Für die SZ hat sich Alexander Menden in London mit dem Banksy-Galeristen Steve Lazarides getroffen. Kerstin Krupp unterhält sich für die Berliner Zeitung mit Christoph Tannert vom Berliner Künstlerhaus Bethanien.

Besprochen werden Peter Halleys Ausstellung "Prisons" im Alten Straßenbahndepot in Jena (FAZ) und die Ausstellung "Giving Contours to Shadows" im Neuen Berliner Kunstverein (ein "Korrektiv zur aktuellen Berlin Biennale", meint Claudia Wahjudi im Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Bühne

Für die FAZ ist Christian Wildhagen quer durch Deutschland gereist, um drei Händel-Aufführungen in Halle, Bad Lauchstädt und in Göttingen zu sehen. Was er dabei erblickte, waren vor allem einst kecke, heute üblich gewordene Inszenierungskniffe: "In kunsthistorischen Zusammenhängen nennt man das wohlfeile Herbeizitieren geläufig gewordener Stilmittel "Kitsch". Inzwischen gibt es einen Kitsch des modernen Musiktheaters."

Außerdem: In der SZ resümiert Jürgen Berger das Mannheimer Festival Theater der Welt, nach dem er sich von dessen Kurator Matthias Lilienthal einiges für dessen Intendanz bei den Münchner Kammerspielen verspricht. Für die Berliner Zeitung hat sich Michaela Schlagenwerth mit Vladimir Malakhov getroffen, der heute und morgen zum letzten Mal in Berlin tanzen wird. Für die NZZ besuchte Peter Hagmann das Holland Festival in Amsterdam. In der taz berichtet Katrin Bettina Müller von ihrem Rundgang um die Deutsche Oper in Berlin, wo Dorothea Schröder die begehbare Soundcollage "Das große Buh" installiert hat.

Besprochen wird Hans-Werner Kroesingers und Regine Duras am Berliner Hebbel am Ufer aufgeführtes Dokumentartheater-Stück "Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014" (Kirsten Riesselmann von der taz klagt über einen "brummenden Schädel" im Anschluss).
Archiv: Bühne

Musik

Begeistert kommt NZZ-Autor Stefan Hentz vom Jazzfestival Moers in neuer Halle zurück. Höhepunkt war für ihn das Duo der Violinistin Sarah Neufeld und des Saxofonisten Colin Stetson, "eines Magiers der Zirkularatmung, der seiner Sub-Kontrabass-Klarinette, seinem Bass- oder seinem Tenorsaxofon breitflächige Soundgebirge entlockt."

Hier kann man die beiden hören:



Christian Werthschulte gratuliert in der taz dem Londoner Label Hyperdub zum zehnjährigen Bestehen und lobt dabei ausdrücklich dessen kuratorische Funktion: Labels wie dieses stellen "eine Ästhetik und einen sozialen Zusammenhang" her. Für die Spex hat sich Remo Bitzi mit dessen Gründer und Betreiber Steve Goodman unterhalten.

In der SZ gratuliert Kristina Maidt-Zinke den Regensburger Tagen Alter Musik zum 30-jährigen Bestehen dazu, mir ihrer "aufführungspraktischen Neuorientierung (...) den gesamten Musikbetrieb umgekrempelt" zu haben. Für den Tagesspiegel lässt sich Andreas Hartmann von DJ Grace Kelly durch die Welt der brasilianischen Musik führen, die derzeit im Berliner Haus der Kulturen vorgestellt wird. Im Rolling-Stone-Poptagebuch schwärmt Eric Pfeil von Lee Clayton, für den er jedes WM-Spiel mit Freuden ausfallen lässt.

Besprochen werden das Album "Yellow Memories" der Neo-Soulmusikerin Fatima, die darauf laut Fatma Aydemir (taz) "virtuos experimentiert" (hier kann man es online anhören), das neue Album "Ultraviolence" von Lana del Rey (Tagesspiegel) und die CD "Whispers" des Straßenmusikers Mike Rosenberg ("Man hat das Gefühl die ganze Platte ist dunkelorange und warm. So orange wie der Sonnenuntergang in der Sylter Whiskystraße", schreibt Frédéric Schwilden in der Welt.)
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Archiv: Musik

Film

Für die FAZ hat Eleonor Benítez mit Lars Henrik Gass, dem Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage, über Film nach dem Kino gesprochen. Angesichts der zunehmenden Verdrängung des Kinos aus der Wertschöpfungskette audiovisueller Inhalte spricht sich Gass - wie schon in seinem Buch zum Thema - dafür aus, den spezifischen ästhetischen Modus des Kinos zu bewahren: "Heute halten es die Leute für Freiheit, durch eine Kunstausstellung zu rennen und dort auch einen kurzen Blick auf einen mehrstündigen Film zu werfen. Das Kino hingegen zwang mich für eine gewisse Dauer, anders zu denken und zu fühlen. Das ist nicht mehr so gefragt vielleicht, aber eine eigenständige Wahrnehmungsform, die auf eine geregelte Weise musealisiert werden sollte."

Bei Electronic Beats erinnert sich Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris ans subkulturelle Milieu im Westberlin der 80er und wie er dort den Experimentalfilm "Das Leben des Sid Vicious" drehte.

Besprochen werden die DVD der Dokumentation "I Am Divine" über die legendäre Drag Queen (critic.de), die umfangreiche Jubiläumspublikation zum 50-jährigen Bestehen des Österreichischen Filmmuseums (Freitag), der deutsche Gangsterfilm "Harms" mit Heiner Lauterbach (Zeit) und Luca Ragazzis und Gustav Hofers Dokumentarfilm "What is Left" über die italienische Polit-Landschaft (critic.de).
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Literatur



Ziemlich beeindruckt ist Christian Gasser in der NZZ von Jens Harders Unterfangen, die gesamte Weltgeschichte als Graphic Novel zu erzählen. Der erste Band umfasste die 14 Milliarden Jahre seit dem Urknall. Der zweite deckt schon eine kürzere Zeit ab: "Die auf zwei Bände angelegte Fortsetzung "Beta . . . Civilisations" setzt da nahtlos an - ihr erster Band deckt die rund vier Millionen Jahre vom Auftauchen der ersten Hominiden bis zum Beginn unserer Zeitrechnung ab."

Besprochen werden Christoph Peters" "Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln" (FR), Elizabeth Taylors bereits vor 65 Jahren erschienener Roman "Versteckspiel" (FR) und Bücher von Georges Perec (SZ).
Archiv: Literatur