9punkt - Die Debattenrundschau

Dreitausend Typen von Bakterien

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.04.2014. Tim Judah ist im NYRBlog  entsetzt über das Ausmaß des Hasses in der Ostukraine. Klaus von Dohnanyi rät in der FAZ: Einfach machen lassen. Astolphe de Custine analysiert in der SZ Russlands Strategie. Und Robert Littell malt bei nonfiction.fr Russlands Schwäche aus. Die NZZ protestiert gegen die Abschaffung des Bargelds. Stefan Niggemeier und Wolfgang Michal machen sich in ihren Blogs Gedanken über lokale Berichterstattung.

Europa

Im Blog der New York Review of Books beobachtet Tim Judah wie im Osten der Ukraine, in Charkiw und Samjansk, ein völlig irrationaler Hass gefördert wird: "Nach einem oder zwei Tagen sagen einem alle mehr oder weniger dasselbe: 'Wir wollen gehört werden', sagen die Leute. Die Regierung in Kiew, die dort nach dem proeuropäischen Umsturz die Macht übernommen hat, sei eine 'faschistische Junta', unterstützt von Europa und den USA. Als ob die russischen Medien - die hier größtenteils gelesen und gesehen werden - diese Botschaften irgendwie in die Köpfe der Menschen gepflanzt hätten und sie die Fähigkeit verloren hätten, selber zu denken. Sie sprechen mit so viel Zorn, als gehörten sie zu einer lange verfolgten Minderheit, als hätten sie vergessen, dass die Ostukrainer unter dem früheren Präsidenten Viktor Janukowitsch bis Februar das Land regiert hatten."

Klaus von Dohnanyi
erinnert in der FAZ daran, dass die Amerikaner mit starken Worten gegen Moskau noch nie viel Erfolg hatten: "So haben sie zwar die Aufständischen in der DDR (1953), in Ungarn (1956), in der ČSSR (1968) und 1980 in Polen propagandistisch ermutigt, mussten aber am Ende jedes Mal hilflos zusehen, wie diese niedergewalzt wurden." Dohnanyi rät darum auch mit Blick auf die Ukraine im Sinne der Entspannungspolitik fürs bewährte Gewährenlassen. Gerhard Schröder ist sicher derselben Meinung. Unter anderen meldet der Tagesspiegel, dass  Schröder gestern mit Putin in St. Petersburg seinen 70. Geburtstag nachgefeiert hat.

Für alle Kritiker der amerikanischen Kriegsrhetorik hier noch das "Star Spangled Banner" in Moll (via Mashable):



"Alles was Putin tut, zeigt die Schwäche Russlands", sagt der Schriftsteller Robert Littell (Autor von "The Revolutionist") im Interview mit dem französischen Blog nonfiction.fr, "und er muss Krisen inszenieren, um von dieser finsteren Realität im Lande abzulenken. Russland ist ein Land im Niedergang, seine Wirtschaft stagniert, und es wird von mafiösen Oligarchen regiert, die weithin Korruption verbreiten. Es gibt keinen Russen, der nicht weiß, dass die 37 Milliarden Dollar, die für Sotschi ausgegeben wurden, in die Taschen ebenjener Oligarchen gewandert sind."

Hans-Christoph Buch erinnert in der SZ an das wunderbare Russland-Buch Astolphe de Custines (der übrigens der erste bekennende Homosexuelle Frankreichs war). Und bringt ein herrliches Zitat, in dem man nur das Wort Polen durch Ukraine ersetzen muss: "Russland sieht in Europa eine reiche Beute, die ihm früher oder später aufgrund innerer Zwistigkeiten zufallen wird. Es schürt die Anarchie in der Hoffnung, von der Korruption zu profitieren, die Russland begünstigt und seinen Absichten entgegenkommt. Europa, sagt man in Petersburg, geht den Weg Polens, denn es ist durch seinen Liberalismus geschwächt, während Russland stark bleibt, weil es nicht frei ist und andere dafür büßen lässt, dass es geduldig sein Joch trägt."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Der flotte Musikmanager Tim Renner hat sein Amt als Kulturstaatssekretär in Berlin angetreten. Allzu viele Hoffnungen sollte man daran nicht knüpfen, meint Jens Bisky in der SZ: "In der Brunnenstraße mag sitzen wer will, das Kulturressort der Stadt leitet der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Er tut dies seit 2006, für Augenblicke engagiert und dann gleichgültig, oft wurstig, vielfach glücklos. Bis zu den nächsten Abgeordnetenhauswahlen 2016 dürfte sich daran kaum etwas ändern." Für die Welt begrüßt Stefan Kirschner Renner im Amt.
Stichwörter: Tim Renner, Klaus Wowereit

Gesellschaft

Das Bargeld soll durch Funkchips, QR-Codes und andere smarte Technologien ersetzt werden. Joachim Güntner beobachtet in der NZZ eine quasi konzertierte Anstrengung, das - so schlecht zu überwachende - Geld als Zahlungsmittel zu dämoniseren: "Vom 'Blut in den Adern der Kriminalität' sprach im Frühjahr 2010 die Polizeipräsidentin Stockholms. Und nun hat die Kripo auch noch die Gesundheitspolizei auf ihrer Seite. Schon länger war klar, dass sich auf Banknoten alle möglichen Keime tummeln. Aber mit dreitausend Typen von Bakterien, wie sie New Yorker Forscher laut dem Wall Street Journal auf Dollarscheinen identifizieren konnten, hat wohl kaum jemand gerechnet. Neben den üblichen Kolibakterien, Grippeviren und Salmonellen fanden sie Erreger für Akne, Lungenentzündungen, Magengeschwüre, Diphtherie und anderes mehr." Na dann steht dem totalüberwachten bargeldlosen Zahlungsverkehr ja nichts mehr im Wege!

In einer von Flüchtlingen besetzten Schule in Kreuzberg hat ein Flüchtling einen anderen massakriert. Götz Aly macht dafür in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung die linke Szene in Kreuzberg und die in Kreuzberg regierenden Grünen verantwortlich. "Sie alle hatten unter der Parole 'Selbstbestimmung' ein makabres Flüchtlingsghetto errichtet oder geduldet. Sie setzten die zivilisatorische Errungenschaft des staatlichen Gewaltmonopols außer Kraft; sie tolerierten Selbstjustiz und Gewalt im Inneren, Drogenhandel und Diebstähle im Umkreis; sie schufen und beschützten einen rechtsfreien Raum..." Aly hatte schon im Februar vor diesen Zuständen gewarnt.
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Geschichte

Begeistert, geradezu als Fernsehrevolution, kündigt Lorenz Jäger auf der Medienseite der FAZ Jan Peters heute beginnende Arte-Serie (Trailer) mit Tagebüchern des Ersten Weltkriegs an: "Was dem Autor und Regisseur Jan Peter vielleicht erst im Laufe der Arbeit an dem Projekt klar wurde und was die Filmfolge nun überzeugend einlöst, ist die Ähnlichkeit, ja fast der Gleichklang all dieser Stimmen. Jede der Szenen findet eine Parallele im Feindesland." Auch Claudia Tieschky bespricht die Serie in der SZ wohlwollend.
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Medien

Stefan Niggemeier hat im Tagesspiegel drei Jubelarien über Easyjet gefunden, darunter eine, die die Menge des Biers ausrechnet, das an Bord verkauft wird, und schreibt: "Ich weiß nicht, ob der Tagesspiegel für diese Werbe-Geschichte zum Berlin-Anflieg-Jubiläum von Easyjet bezahlt wurde, aber ehrlich gesagt: Ich hoffe es. Einen solchen durch und durch bekloppten Artikel ohne eine entsprechende Entschädigung zu veröffentlichen, wäre ja noch schlimmer."

Passend dazu schreibt Wolfgang Michal auf Carta zum Rückzug der Lokalzeitungen und dem (naja, relativen) Aufstieg der Lokalblogs, die die von den Zeitungen gelassenen Lücken füllen: "Weil die Anzeigen wegbrechen und die verbliebenen Kunden unbedingt gehalten werden müssen, wird die Lokalberichterstattung immer vorsichtiger und zahmer. Viele Zeitungen veröffentlichen inzwischen gekaufte PR-Beiträge auch im redaktionellen Teil."

Wirkliche Träume entwickelt Joseph von Westphalen in seiner Abendzeitung-Kolummne mit Blick auf den Münchner Prozess gegen Bernie Ecclestone und seine eigene Zeitung: "Mal angenommen, Mr. Ecclestone wird in München freigesprochen, nimmt vor lauter Dankbarkeit über die Wahrheitsfindung der hiesigen Justiz ein paar lumpige Milliönchen und investiert sie in diese bekanntlich finanziell etwas notleidende Zeitung."

Weiteres: David Haglund beschwert sich auf Slate, dass David Simon, der Schöpfer von "The Wire", eine Serie zur Geschichte der CIA drehen möchte, aber von HBO nicht das nötige Geld bekommt: "It's 70 years of period-piece filming, it's all over the world, there's a lot of CGI." Die Presse berichtet über rigide Kürzungen beim Wiener Konkurrenzblatt Standard.
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