9punkt - Die Debattenrundschau

Selbstgemachtes Luxusproblem einer saturierten Gesellschaft

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.03.2014. Im Kampf gegen die ukrainischen Faschisten ruft Russland die rechtsextremen Parteien Europas um Hilfe, meldet Spiegel Online. Die taz warnt die Bewohner der Krim im Falle einer Abspaltung von der Ukraine vor steigenden Telefonkosten. FAZ und Zeit schließen die Antisemitismus-Debatte um Martin Heidegger mit einem Schuldspruch ab. Und Tim Berners-Lee gratuliert seinem Internet zum 25. Geburtstag.

Europa

Die Russen behaupten zwar, dass die ukrainischen Aufständigen Faschisten seien, aber zur Wahlbeobachtung beim Referendum auf der Krim laden sie rechtsexstreme Parteien aus Europa ein, meldet Spiegel online: "Unter anderem gingen Einladungen beim französischen Front National (FN), der österreichischen FPÖ, der italienischen Lega Nord sowie der belgischen Partei Vlaams Belang ein." Und dann wird noch Andreas Mölzer von der FPÖ zitiert: "Wir vertreten nicht die EU, sondern die Parteienfamilie der patriotischen, rechten Parteien. Wir sind einige der wenigen, die versuchen, Russland zu verstehen."

Eins verbindet alle Ukrainer egal welcher Herkunft, schreibt die Osteuropa-Historikerin Anna Veronika Wendland in der FAZ - der feste Glaube an den Segen der Atomkraft: "Unsere stotternde Energiewende gilt als selbstgemachtes Luxusproblem einer saturierten Gesellschaft."

Eine Junge Frau aus Kiew namens Irina Korotych appelliert in der taz an die Bewohner der Krim, sich über die Konsequenzen einer Abspaltung der Krim von der Ukraine bewusst zu werden: "Meine lieben Freunde auf der Krim, bald wird die Grenze zwischen euch und euren Kindern verlaufen, die in Kiew, Charkiw oder Dnipropetrowsk studieren. Bald könnt ihr sie nicht mehr günstig mit dem inländischen Telefontarif "Meine Familie" erreichen. Ihr müsst dann schon ins Ausland anrufen. Ist euch das klar?"

Ebenfalls in der taz erörtern die Politiker Rebecca Harms (Grüne) und Stefan Liebich (Linkspartei) Sanktionen gegen Russland.

Die Zeit bringt ein vierseitiges Dossier über die Krim vor der Annexion und dem Krieg: Tschetniks aus Serbien und Islamisten von überall her freuen sich schon. Der Historiker Jörg Baberowski will ebendort die Ukraine nicht als Nation anerkennen. Tatsächlich kam die Idee einer ukrainischen Identität und Nation erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, referiert Ulrich M. Schmid in der NZZ.
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Internet

Zum 25. Geburtstag des Internets (gerechnet ab Tim Berners-Lees Vorschlag für ein freien Informationsmanagement-System am 12. März 1989) bringt Zeit digital eine hübsche Bilderstrecke zur grafischen Weiterentwicklung des Webs. Im googleblog plädiert Berners-Lee dafür, die ursprünglichen Werte des Internets zu bewahren: "Let's keep it free and open." Und auf vimeo gratuliert er zum Geburtstag:



Und wo ist das Lenkrad? Designboom stellt ein "driverless concept car" vor, das auf der Automesse in Genf gezeigt wird.


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Überwachung

Netzpolitik verweist heute allein auf drei neue Geschichten über illegale Aktivitäten von Geheimdiensten: "Militärgeheimdienst der Niederlande der illegalen Datenweitergabe überführt" (hier), "FISA-Gericht hilft der NSA beim rechtmäßigen Abhören" (hier) und "NSA bastelt an der Automatisierung von Unsicherheit - Malware in industriellem Maßstab" (hier).

Die gestrige große FAZ-Geschichte über Brüssel und den Datenschutz steht jetzt online.
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Ideen

"War Martin Heidegger Antisemit? Die Antwort lautet spätestens von heute an: ja", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ nach Lektüre von Heideggers abgrundtief "Schwarzen Heften", die jetzt vorliegen: "Wer einer ganzen 'Rasse' nicht nur Eigenschaften wie 'Bodenlosigkeit', 'Weltlosigkeit' und 'rechenhafte Begabung' zuschreibt, sondern das 'Weltjudentum' auch als handlungsfähiges Kollektiv wahrnimmt, das 'nach dem Rasseprinzip' lebe, eine 'zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens' zeige und im Kampf mit den Deutschen dem Handlungszweck 'Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein' folge - der erfüllt hinreichend viele Kriterien für Antisemitismus." Zentral sei das Motiv für Heidegger allerdings nicht gewesen, so Kaube weiter, aber dafür muss er für unsere Zwecke allzu weit ausholen.

Thomas Assheuer meint dagegen in der Zeit: "Die Judenfeindschaft in den Schwarzen Heften ist kein Beiwerk; sie bildet das Fundament der philosophischen Diagnose."
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Gesellschaft

Viel wurde im vergangenen Jahr über die pädophilen Wurzeln bei den frühen Grünen debattiert. Aktivisten, die für die Legalisierung von "einvernehmlichem" Sex zwischen Kindern und Erwachsenen kämpfen, gibt es noch heute. Einer ihrer Meinungsführer ist der ehemalige Bundesgrenzschutzbeamter Dieter Gieseking, den Nina Apin in der taz porträtiert: "Jetzt, wo ihr Lebensthema wieder im Fokus steht, suchen Gieseking und seine Mitstreiter vermehrt die Öffentlichkeit. Sie spülten seitenweise Kommentare in die Onlineforen der taz, der Zeit, des Spiegels und anderer Medien. Während sich die meisten hinter Pseudonymen verstecken, tritt Gieseking stets namentlich, meist sogar mit Foto auf. Gegen Sperrung seines Accounts, wenn er wieder allzu offensiv Sex mit Kindern verherrlicht oder Missbrauchsopfern die Glaubwürdigkeit abgesprochen hatte, wehrte sich Gieseking mit lauten Zensurvorwürfen und Beschwerdebriefen. Zu Weihnachten schickte er der taz überraschend 'pädophile Weihnachtsgrüße'."
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Stichwörter: Pädophilie

Weiteres

Weiteres: Dirk Schümer hofft auf einer ganzen Seite in der FAZ, dass der Mezzogiorno wieder aufersteht, fürchtet aber auch, dass er ganz Italien in den Abgrund zieht. Und Oliver Jungen weist ebendort daraufhin, dass heute die letzte aller Harald-Schmidt-Shows kostenlos aus Youtube läuft. "Damit endet eine Ära; vielleicht endet so das alte Fernsehen überhaupt." Ab 22.15 Uhr hier.

Matthias Nass trifft für die Zeit Überlebende aus dem nordkoreanischen Gulag. 500.000 Menschen sollen dort seit 1950 verreckt sein. Kinder lässt man dort aufwachsen - und sie werden systematisch gefoltert. Marc Wieses äußerst beeindruckende Dokumentation "Camp 14", auf die wir neulich in der "Spätaffäre" hinwiesen, ist in der Arte Mediathek noch zu sehen.
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