Efeu - Die Kulturrundschau

Man sieht in den Spiegel und sagt: Das bin ich!

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13.03.2014. Sybille Lewitscharoff betreibt die Ausweitung von Facebook ins Analoge, meint Eva Menasse in der Zeit. Zeit und Presse sind empört über das Bauernopfer Matthias Hartmanns am Wiener Burgtheater. Nichts ist objektiv, nichts dokumentarisch, erklärt der amerikanische Fotograf Roger Ballen in Lensculture. Und Fandor bringt Reaktionen zum Tod der großen tschechischen Regisseurin Věra Chytilová.

Literatur

Warum sind Menschen wie Sybille Lewitscharoff oder Matthias Matussek so erpicht darauf, ihre Privatmeinung über künstliche Befruchtung oder Homosexualität öffentlich zu statuieren, fragt sich die Schriftstellerin Eva Menasse in der Zeit. Man muss offenbar nicht zu Facebook gehen, um die Auflösung zwischen öffentlicher und privater Sphäre zu beobachten: "Am Ende ist das das Beklemmendste an Sibylle Lewitscharoffs Entgleisung: nicht die faktische Ahnungslosigkeit und Wortwahl, nicht die predigerartige Selbstermächtigung [...] Nein, es ist das Hochmoderne dieser Rede, dieser Sprachmacht gewordene Like-it-dislike-it-Daumen, wie in den virtuellen Daten-Schlaraffenländern, der keine Grenzen mehr zwischen dem eigenen Meinen und der Privatsphäre, Sexualität, also der Würde anderer Menschen wahrnimmt."

Kathrin Passig führt für das Deutschlandradio Kultur ein Blog über die Leipziger Buchmesse: "Wenn wir schon alle etwas abwesender als früher sind, weil wir beim Anhören von Lesungen und Überqueren von Straßen ständig in unsere Handys sehen müssen, dann sind wir doch zum Ausgleich auch immer etwas anwesender als früher, nur eben anderswo. Zum Beispiel auf der Buchmesse. Die Schweizer Klanginstallation in der Straßenbahn zum Beispiel könnte man sich auch hier anhören, ohne jemals zum Messegelände hinauszufahren."

Klaus Wagenbach und Susanne Schüssler plaudern zum 50. des Verlags mit der Welt über Vergangenheit und Zukunft des Wagenbach Verlags. Zu letzterem meint Schüssler, sie wolle mehr Ebooks in der Belletristik machen, denn dass E-Book-Leser Sachbuchleser sind, mehr Männer als Frauen, eher jünger als älter: "Das stimmt überhaupt nicht. E-Book-Leser sind Damen über fünfzig, die langsam - wie ich selbst - altersweitsichtig werden und sich das schön groß einstellen können".

Außerdem: Lewitscharoff macht beim Hausbesuch (zahlt das die Kasse?) von Adam Soboczynski gut Wetter: "Ich habe immer Martin Walser und Günter Grass kritisiert, weil sie die Deutschen von oben herab belehren wollten. Jetzt bin ich in dieselbe Falle getappt". Ursula März liest mit Interesse Bücher der Auswanderinnen, Katja Eichinger (mehr) und Franka Potente (mehr), die beide in L.A. leben. Außerdem gibt's heute in der Zeit eine Literaturbeilage. Christoph Schröder porträtiert in der taz Thomas Böhm, den langjährigen Programmleiter des Kölner Literaturhauses. Für den Freitag unterhält sich Juliane Löffler mit der Autorin Nadifa Mohammed. In der SZ stellt Felix Stephan neue Digitalverlage vor - Mikrotext von Nikola Richter, Frisch & Co. von Edward J. Van Lanen, Shelff von Wolfgang Farkas - und notiert: "Wer heute was mit E-Publishing macht, will weniger den Literaturbetrieb beeindrucken, als Pionier in einem neuen Literaturbetrieb sein, der so jung ist, dass er noch kaum etwas über sich selbst weiß."

Besprochen werden ein neues Buch über Micky Maus (Tagesspiegel), Saša Stanišićs Roman "Vor dem Fest" (NZZ) und Heideggers "Schwarze Hefte" (FAZ).
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Musik

Die Zeit hat heute eine Musikbeilage, den Aufmacher widmet Thomas Gross dem neuen "erstaunlichen" Album "Glück und Benzin" der rumänisch-deutschen Popsängerin Miss Platnum. Hier eine Kostprobe:

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Besprochen werden ein Album von Talkmaster Reinhold Beckmann (FAZ), dänischer Sample-Pop von Den Sorte Skole (SZ) und das neue Album von Pharrell Williams (FR).
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Bühne

In der Presse sind die Anwälte des geschassten Burgtheaterdirektors Matthias Hartmann empört, dass dieser als Bauernopfer herhalten muss für Vorgänge, die lange vor seinem Amtsantritt von Georg Springer, dem Chef der Bundestheater-Holding, eingeleitet wurden: "Bei der Ausschreibung zur kaufmännischen Geschäftsführung 2008, Hartmann war noch gar nicht in Wien, gab es eine ausdrückliche Empfehlung der beigezogenen Personalberatung, Stantejsky nicht zu nehmen. Ihre Schwächen wurden genau dargestellt. Die Auswahlentscheidung hat Springer gefällt. Er hat sich gegen die objektive Empfehlung der Fachleute entschieden, obwohl er ihre Arbeitsweise gekannt hat. Er hat ja jahrelang mit ihrem schlampigen System gelebt, das mitunter auch gar nicht so unerwünscht war."

Peter Kümmel weist in der Zeit darauf hin, dass Hartmann im Oktober 2013 öffentlich gewarnt hatte: "Der Zeitpunkt, an dem das alles nicht mehr finanzierbar ist, der Zeitpunkt, auf den wir immer gewartet haben, ist nicht nur da, er ist unerkannterweise überschritten worden, und es gibt kein Schönreden, kein Aufschieben und keine Tricks, um diesen Zeitpunkt zu kaschieren."

Außerdem: Anlässlich des ungarischen Theaterfestivals im Berliner Hebbel am Ufer führt Thomas Irmer im Freitag durch die ungarische Theaterszene im Kulturkampf von oben durch die Fidesz-Regierung. Susanne Lenz porträtiert in der Berliner Zeitung die israelische Regisseurin Yael Ronen, die derzeit am Maxim Gorki Theater arbeitet.

Besprochen wird Elfriede Jelineks Opernparaphrase "Rein Gold" an der Staatsoper Berlin ("Oi, oi, oi, oi!", ruft Jan Brachmann in der FAZ).
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Film

In der taz empiehlt Lukas Foerster die Filmreihe "Filmemacherinnen" im Berliner Regenbogenkino, die Filme von Regisseurinnen aus der BRD und DDR zeigt, darunter auch welche von Ula Stöckl: Deren "Debüt etwa kann man als eine Art Unabhängigkeitserklärung einer Filmemacherin verstehen, die sich nicht nur vom männlichen Blick befreien wollte, sondern auch von einem deutschen Kino, das gerade in seinen avancierteren Spielarten stark literarisch überformt war."

Ebenfalls in der taz: Cristina Nord flaniert durch die Berliner Ausstellung "Echte Gefühle: Denken im Film. "Eine wesentliche These der Kuratoren ist, dass Filme, je näher sie dem Mainstream kommen, auf umso konventionellere Weise mit Gefühlen umgehen, während das experimentelle Kino und die Videokunst die Chance bergen, Gefühle auf ungewohnte Weise zu artikulieren und so zum Nachdenken anregen." So ganz überzeugen kann sie diese These bei "The Texas Chain Saw Massacre" und "Herbstsonate" allerdings nicht.

Weitere Artikel: In der Zeit gibt es ein wunderschönes zweiseitiges Interview mit dem Kameramann Michael Ballhaus: Er spricht über seine Filme - wie man eine schöne Frau filmt, wie einen Mafioso und wie Augen - über Regisseure - vor allem Fassbinder und Scorsese - und den langsamen Verlust seines Augenlichts.

Besprochen werden Thomas Dirnhofers Bergdoku "Cerro Torre" (SZ), der chinesische Film "Shanghai, Shimen Road" (taz), der durch eine Aufsehen erregend erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne finanzierte Spielfilm zur Serie "Veronica Mars" (Berliner Zeitung), die Adaption von Markus Zusaks Bestseller "Die Bücherdiebin" (Tagesspiegel), Thomas Dinshofers Dokumentarfilm über den Cerro Torre (Tagesspiegel) und Yves Yersins Dokumentarfilm über eine Dorfschule im Val-de-Ruz "Tableau noir" (NZZ).

Und: Die große tschechische Regisseurin Věra Chytilová ist im Alter von 85 Jahren gestorben. David Hudson bringt bei Fandor erste internationale Reaktionen - sowie einen Clip aus ihrem anarchischen Meisterwerk "Tausendschönchen".


Archiv: Film

Kunst

.Lensculture hat einige ziemlich eindrucksvolle Arbeiten des amerikanischen Fotografen Roger Ballen zusammengestellt. Für die Serie "Asylum of the Birds" ist er mit seiner Kamera zu einem seltsamen Ort außerhalb von Johnnesburg gezogen: auf ein Gelände, wo Flüchtlinge aus Somalia und dem Kongo, aus der Psychiatrie und dem Gefängnis zusammen mit Ratten und Vögeln leben. Mit Dokumentation oder irgendeiner Form von Objektivität hat das allerdings nichts zu tun, erklärt er im Interview mit dem Vice Magazine: "Es gibt nichts Dokumentarisches über irgendetwas. Alles an der Art, wie wir leben, ist subjektiv. Je länger man lebt und über die Dinge nachdenkt, desto mehr fällt einem auf, dass es wirklich kaum etwas Objektives gibt. Man sieht in den Spiegel und sagt: Das bin ich! Aber es ist Spiegelrealität. Sie zeigt nicht notwendigerweise, wie man aussieht; sie zeigt, wie man sich in einem Spiegel sieht und darin begreift. Wer sagt, dass seien Sie? Also muss man sich wirklich mit dem auseinandersetzen, was man vor sich hat. Was man in meinen Fotografien sieht, sind zwei Dinge: Man sieht die Kamerarealität, und dann sieht man die sogenannte Realität, die durch mein Hirn transformiert wurde. Das ist alles, was man sieht. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist eine Dokumentation Roger Ballens. Über Roger Ballens Beziehung zu der Welt dort draußen." (Foto: Roger Ballen, Malicious. From the series "Asylum of the Birds" © Roger Ballen)

Kerstin Stremmel berichtet in der NZZ von der 5. Kunstbiennale in Marrakesch, die unter anderem einen von Sultan Ahmed el-Mansour im 16. Jahrhundert gebauten Palast nutzt: "In einem schmalen Gang im Freien hat Asim Waqif hier den 'Pavillon de Débris', eine familienkompatible, begehbare Klanginstallation aus Fundstücken und Trümmern eingerichtet, die der Besucher zum Schwingen, Summen und Scheppern bringt. Blickt man nach oben, wird klar, woher ein Teil der Inspiration kommt: Allein auf der Mauer am Ende des Gangs befinden sich drei Storchennester, in denen geklappert wird, was das Zeug hält, und wenn die Tiere sich majestätisch erheben, scheint das Rauschen der Schwingen in der Installation zu vibrieren." (Bild: Mark Sheerin, Asim Waqifs Installation mit Storch)

Außerdem: Dankwart Guratzsch hofft in der Welt, dass die Bauakademie von Schinkel in Berlin wiederaufgebaut werden kann: "Was noch aussteht, ist die politische Entscheidung. Die Berliner Lokalpresse glaubt sie in greifbarer Nähe."

Besprochen werden die Ausstellung "Playtime" im Münchner Lenbachhaus (Zeit), die Architekturausstellung "Show and Tell" in der Münchner Pinakothek der Moderne (SZ), eine Jawlensky-Ausstellung im Museum Wiesbaden (SZ) und die Hamburger Ausstellung "Gute Aussichten" mit junger deutscher Fotografie (taz).
Archiv: Kunst