9punkt - Die Debattenrundschau

Optimierung des Herstellungsprozesses

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.03.2014. Die NZZ bringt einen unbekannten Text Hans Blumenbergs, der scharfe Kritik an Hannah Arendts Eichmann-Buch übt. Die taz bringt ein Tagebuch zur Ukraine. Dort droht russische Bruderhilfe, meldet Spiegel Online. Die FAZ eröffnet eine Serie, in der sich Geisteswissenschaftler mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Als erster schreibt Hans Magnus Enzensberger: "Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg." Aber Hilfe, wer hat die FAZ so geschrumpft? Dafür ist der Kokainhandel ein prächtiges Geschäft, erklärt Roberto Svaiano der Berliner Zeitung. Und nature.com erzählt, warum der wissenschaftliche Springer Verlag Dutzende von Texten aus seiner Datenbank löschte.

Ideen

Die NZZ bringt eine offenbar bisher nicht veröffentlichte, sehr tiefgründige Auseinandersetzung Hans Blumenbergs mit Hannah Arendts Buch "Eichmann in Jerusalem". Scharf kritisiert er ihre Kritik an den Judenräten: "Hannah Arendt verlangt, das Unglaubliche gedacht zu haben, die Möglichkeit des Widerstands gegen eine Maschinerie, mit der eine ganze Welt jahrelang nicht hatte fertig werden können und die gerade für dieses Unterfangen mehr Findigkeit und Phantasie aufbot, jeden Nachteil an den schon bedrängten Fronten in Kauf nahm, um anstatt alles anderen wenigstens dieses eine zu Ende zu führen." Und zugleich erkennt Blumenberg in ihrer Kritik an den Judenräten die Grundlage für ihre Skepsis gegen Israel: "Dies bis zur Konsequenz gedacht, bedeutet eben, dass der Politologin noch der Staat suspekt ist, der so etwas wie die Fortsetzung des Dranges der Verfolgten zur Selbstorganisation war."

Alrich Meyer liest diese Auseinandersetzung als einen Schlüsseltext Blumenbergs und erläutert: "Die beiden großen Denker sind einander anscheinend nur einmal kurz begegnet, ein Briefwechsel ist nicht überliefert, ihre Schriften tragen jeweils nur wenige Spuren einer Beschäftigung mit dem Werk des anderen." Und dabei, so Ahlrich, sei Blumenbergs Kritik an Arendt an Schärfe nur der Gershom Scholems gleichzustellen.
Archiv: Ideen

Internet

Habermas hatte alles schon vorausgesehen, verkündet Frank Schirrmacher in der FAZ und greift auf alte Texte zurück, in denen der Philosoph die Computerisierung und mit ihr verknüpfte Diskurse kritisiert: "Soziales Verhalten, so Habermas in 'Theorie und Praxis', würde 'sich eigentümlich aufspalten: nämlich in das zweckrationale Handeln der Wenigen, die die geregelten Systeme einrichten und technische Störungen beheben, einerseits; in das adaptive Verhalten der Vielen, die in den Routinen der geregelten Systeme eingeplant sind, andererseits'." Um dem entgegenzusteuern, kündigt Schirrmacher eine neue Serie an, in der sich nun auch Geisteswissenschaftler einmal mit den Folgen der digitalen Revolution auseinandersetzen sollen.

Daneben fordert Hans Magnus Enzensberger in manifesthaft-dichterischer Form auf: "Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg." Und kauft nicht mehr bei Amazon, kein Onlinebanking mehr und nie wieder Politiker wählen, die sich nicht ausdrücklich gegen Überwachung einsetzen.

(Via Gawker) Der wissenschaftliche Springer Verlag hat 120 Texte aus seinen Datenbanken zurückgezogen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie kompletter Nonsens waren. Herausgefunden hatte das der Computerwissenschaftler Cyril Labbé aus Grenoble, berichtet Richard Van Noorden auf nature.com: "Labbé hat ein Programm entwickelt, das Manuskripte findet, welche mit eine Software namens SCIgen, erstellt wurden. Diese Software kombiniert Wortgruppen, um gefälschte Computer-Wissenschaft-Texte zu erstellen. SCIgen wurde 2005 von Forschern am MIT entwickelt, die zeigen wollten, dass wissenschaftliche Konferenzen absolut sinnlose Texte akzeptieren."
Archiv: Internet

Medien

Wir halten die wahrscheinlich dünnste (aber mit einem Preis von 2,50 Euro auch teuerste) Samstags-FAZ seit 50 Jahren in den Händen. "FAZ mit neuer Blattstruktur", kündigt ein kleiner Kasten auf Seite 1 ein. Dabei fällt vor allem eines auf: Die Wirtschaft ist degradiert. Das diskursführende Feuilleton rückt um einen Platz nach vorne, wurde aber gerupft. Statt der fünf oder sechs Literaturkritiken, die die Samstags-FAZ bis vor kurzem zierten und die ein Erbe der untergegangenen sechsseitigen Beilage Bilder und Zeiten waren, gibt es heute nur eine unter der Rubrik Literatur und Sachbuch. Das Feuilleton hat heute netto vier Seiten, die restlichen drei Seiten teilen sich Kunstmarkt, Medien und das auf eine Seite zusammengeschnurrte Fernsehprogramm fürs Wochenende. "Grund für die Neuordnung ist eine Optimierung des Herstellungsprozesses in der Druckerei", heißt es in dem Kasten auf Seite 1. Entlastet wird die Druckerei sicher auch durch den zur Unkenntlichkeit geschrumpften Stellenteil.
Anzeige
Archiv: Medien

Religion

In der FR liest sich Dirk Pilz durch aktuelle Bucherscheinungen, die sich mit der Diffundierung der Religion in den säkularen Gesellschaften befassen. Zwar lobt er durchaus die Vorzüge, die es mit sich bringt, dass man in religiös entspannten Zeiten lebt, aber so richtig will ihm das dann doch nicht schmecken: "Die eingeübten Zuschreibungen von Konfessionen greifen nicht länger: Es gibt immer weniger, die sich unter eindeutige Begriffe sperren lassen. Die mentale, religiöse Landschaft erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel: Die einflussreichste Gruppe werden künftig die Religionslosen stellen. Die Folgen sind noch nicht absehbar." Der notorisch religionsskeptische Perlentaucher ist sich sicher: Es werden gute sein.
Archiv: Religion
Stichwörter: Säkularismus

Gesellschaft

Italien ist in den letzten Jahrzehnten nicht nur von Berlusconi gründlich korrumpiert worden - es wird gerade auf der Seite der Berlusconi-Gegner auch von alten Männern dominiert, die niemanden durchlassen. Der junge neue Premierminister Matteo Renzi ist darum eine Hoffnung für das Land, schreibt Franz Haas in der NZZ: Symptomatisch für diesen Trend sei auch "das vieldiskutierte Buch "Intellettuali del Piffero" (Verlag Marsilio, Venedig 2013, 18 Euro) von Luca Mastrantonio (33), einem aufsteigenden Kolumnisten des Corriere della Sera. Darin wird mit viel Energie und reichlich Spott hergezogen über die "intellektuellen Pfeifen" vor allem älteren Semesters, über Umberto Eco, Dario Fo, Andrea Camilleri, Gianni Vattimo und viele andere, die ihren ranzigen Senf zu allem abgeben, in altersstarren Kolumnen und Talkshows, ohne einen Funken Hoffnung für die Jungen."
Archiv: Gesellschaft

Europa

Die taz bringt ein sehr schönes Tagebuch vier ukrainischer Autoren aus unterschiedlichen Regionen des Landes. Der letzte Eintrag ist von Pavlo Voytovych aus Lemberg: "Ich erinnere mich noch sehr gut an die Orange Revolution 2004. Ich war damals Student und protestierte in Kiew mit. Was die Regierung damals aus der Revolution gemacht hat, war grauenvoll. Ich dachte, das hätte die Ukrainerinnen und Ukrainer zu sehr erschöpft, um noch einmal aufzustehen. Glücklicherweise habe ich mich geirrt."

"Krim-Regierung ruft Putin um Hilfe an", meldet unterdessen Spiegel Online. Verwiesen sei auf das Liveblog zur Ukraine in der FAZ. Hier die sehr informative Ukraine-Seite des Guardian.
Archiv: Europa
Stichwörter: Krim, Lemberg, Ukraine

Politik

Kaum zu glauben, dass es ein noch mächtigere Wesen gibt als den digital-militärischen Komplex. Roberto Saviano rechnet es in einem zweiseitigen Interview mit Arno Widman (FR) über die Drogenmafia vor: "Als 2012 das iPhone 5 und das iPad mini auf den Markt kamen, wurde Apple zum Unternehmen mit dem höchsten Börsenwert aller Zeiten. Die Apple-Aktien stiegen in einem einzigen Jahr um siebenundsechzig Prozent. Hätte man Anfang 2012 1000 Euro in Apple-Aktien investiert, hätte man heute 1670 Euro. Nicht schlecht, sagen Sie? Nun, hätte man das Geld in Kokain gesteckt, wären es jetzt 182 000 Euro! Diese Profite machen die Unternehmen, die sie einfahren, stark."

Mehr zur Festnahme des mexikanischen Drogenbosses Joaquín Guzmán Loera in einem ausführlichen Blogeintrag Alma Guillermoprietos in der NYRB.
Archiv: Politik

Weiteres

In der NZZ-Beilage Literatur und Kunst erzählt Aldo Keel, was es mit dem finnischen Nationalepos "Kalevala" auf sich hat, das im 19. Jahrhundert kompiliert wurde, um eine nationale Identität zu schaffen - und bis heute in dieser Jahreszeit gefeiert wird.
Archiv: Weiteres