Efeu - Die Kulturrundschau

Mit oder ohne Halbweltbegleitung

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01.03.2014. Die NZZ bewundert die böse Kraft und subversive Schärfe, mit der Volker Lösch in Basel Frischs "Biedermann und die Brandstifter" inszeniert. SZ, Welt und taz fragen Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh, warum Philipp Oswalt nicht mehr Bauhausdirektor in Dessau sein darf. Charles Simic stellt sich in der NYRB vor, sein Grabstein wäre eine Jukebox. Die Berliner Zeitung gerät dank Sellars, Rattle und den Berliner Philharmonikern mit Bachs Johannes-Passion in einen spirituellen Taumel. Die taz tanzt zu Pharrell Williams' "G I R L".

Bühne

Am Theater Basel bringt Volker Lösch Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" auf die Bühne. Alfred Schlienger von der NZZ erlebt einen vor dem Hintergrund gegenwärtiger Einwanderungsdebatten in der Schweiz stark aktuell aufgeladenen Theaterabend. Er sieht "eine agile, geschniegelte Truppe (...), die sich ihre Texte aus den Untiefen des politischen Schlagabtauschs der letzten Wochen und Monate fischt. Akribisch werden Statistiken ins Publikum gebrüllt, wie viele Fremde allein schon in diesem Theaterhaus arbeiten - und wie viele das in zehn, zwanzig, sechzig Jahren sein werden! Wer keinen Dialekt redet, wird verprügelt. Slogans, Stammtischsprüche, Untergangsszenarien: geschüttelt und gerappt. Das hat böse Kraft und subversive Schärfe." Und wenn das Publikum am Ende begeistert applaudiert, atmet der Kritiker erleichtert auf: Neben den Grenzschließern gibt es auch "die andere Schweiz".

Besprochen werden Puccinis "Manon Lescaut" mit Riccardo Muti am Pult und Anna Netrebko auf der Bühne in Rom (SZ), Händels "Riccardo Primo" in Karlsruhe mit dem Countertenor Franco Fagioli in der Hauptrolle (von Manuel Brug in der Welt enthusiastisch gefeiert) , Volker Löschs Baseler Inszenierung von Frischs "Biedermann und die Brandstifter" (FAZ), Krzysztof Warlikowskis Inszenierung der Gluck-Oper "Alceste" am Teatro Real in Madrid (FAZ)
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Film

Ugandas Präsident Yoweri Museveni, wegen Korruptions- und Mordvorwürfen unter Beschuss, hat diese Woche ein harsches, lebenslange Haftstrafen androhendes Anti-Homosexuellengesetz unterzeichnet. "At times like this, a dictator"s thoughts often turn to the moral behavior of others", notiert kühl Helen Epstein im Blog der NYRB. In der Welt erinnern Inga Pylypchuk diese Vorgänge an den Dokumentarfilm "Call Me Kuchu" von 2012, der die Situation vor Ort aus Perspektive der Homosexuellen darstellt. Ein Interview mit den beiden Regisseurinnen Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall gibt es auf critic.de.

Außerdem: Bei critic.de schreibt Michael Kienzl zur heute in Berlin beginnenden Kathryn-BIgelow-Retrospektive im Kino Arsenal. Der für den Oscar nominierte, ägyptische Dokumentarfilm "Al Midan" über die Revolution vom Tahrirplatz ist in seiner Heimat verboten, berichtet Karin El Minawi in der Zeit. In der taz verweist Tilman Baumgärtel auf eine kambodschanische Filmwoche in Berlin. Die SZ widmet zwei Seiten den Oscars. In der Welt unterhält sich Marion Meier-Rietdorf kurz mit dem Grüffelo-Zeichner Axel Scheffler, der auf einen Oscar hofft (Der Film ist wirklich perfekt geworden).

Und eine tolle Strecke: Fotografien von Stanley Kubrick, präsentiert von Everyday I Show.
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Kunst

SZ, Welt und taz wüssten gern, warum eigentlich der Vertrag des angesehenen Baushaus-Direktors in Dessau, Philipp Oswalt, nicht verlängert wurde. Der dafür verantwortliche Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh (SPD), hat sich dazu nie geäußert. "Oswalt selbst ist sich keiner Schuld bewusst", schreibt Ronald Berg in der taz. "Auch deshalb habe er sich wieder beworben. "Es geht um die Auffassung vom Amtsverständnis des Bauhaus-Direktors", sagte Oswalt am Donnertag bei einem gut besuchten Presselunch zum Abschied aus seiner Amtszeit. Tatsächlich scheint der Kultusminister den Direktor am Bauhaus als Untergebenen seiner landesherrlichen Gewalt zu verstehen." In der Welt hofft Eckhard Fuhr derweil, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters die in Dessaus Bauhaus-Stiftung entscheiden mitredet, dafür sorgt, dass Oswalt wieder eingesetzt wird.

Gar nicht wohl fühlt sich Kito Nedo in der Berliner Zeitung mit der allerorten grassierenden Zukunftsangst. Wie erfrischend ist da doch ein Zukunftsenthusiast wie Simon Denny, den die Galerie Buchholz in "einer der schönsten Berliner Ausstellungen dieses Frühjahrs" präsentiert. Dessen "Essenz (...) besteht in der Gewissheit, dass kulturell nichts bleibt, wie es ist. Warum also am Alten kleben? Denny liebt die ultraflachen Bildschirme von Samsung. Er liebt die jungen Leute, die aus aller Welt nach Berlin strömen, um hier mit Risiko-Kapital Internet-Startup-Firmen zu gründen. Er hat etwas übrig für Nerd-Subkulturen, die ihre getunten PC-Towergehäuse so fetischisieren, wie ihre Eltern einst ihre aufgepimpten Bonanzaräder." Das Magazin 032c hat sich mit Simon Denny unterhalten.

Für die FR spürt Judith von Sternburg in der Mannheimer Ausstellung "Dix/Beckmann - Mythos Welt" den Gemeinsamkeiten und Unterschieden beider Künstler nach: "Beide interessieren sich für Alte Meister, undogmatisch, aber intensiv. Beide schauen sich nächtlich dunkle Straßen an und lassen uns daran teilhaben. Beide tummeln sich interessiert da, wo die Gesellschaft mit oder ohne Halbweltbegleitung tanzt. Wo leichtbekleidete Frauen ausruhen und/oder auf ihren nächsten Freier warten. Beckmann kühler und intimer, Dix drastischer und indiskreter."

Außerdem: Berlin macht weiter dicht, erfahren wir von Nicola Kuhn im Tagesspiegel: Wegen Sanierungsbedarfs reiht sich nun auch die Berlinische Galerie in die Reihe jener Berliner Kunstinstitutionen, die - in diesem Fall: ab Sommer - erstmal geschlossen bleiben. In der taz unterhält sich Friederike Gräff mit dem Hamburger Street-Art-Kollektiv "We are Visual", das seine Arbeiten als politische Interventionen im öffentlichen Raum versteht.

Besprochen werden eine Ausstellung zum Bild der Stadt im Palazzo Correr in Venedig (SZ), die Karl-Lagerfeld-Schau in Essen (NZZ), die Ausstellung "From Samoa with Love" in München (Welt) und die Ausstellung "made in austria" im Essl Museum (Standard).
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Literatur

Im Blog der NYRB macht sich Charles Simic Gedanken über seinen Tod. Was bleibt von all dem, was er gelesen und gedacht hat? Nichts. Sein Freund, der Dichter Mark Strand hatte allerdings vor vielen Jahren schon eine wunderbare Idee, was man dagegen tun könnte: Grabsteine die wie Jukeboxes funktionieren. Ein Münzeinwurf und schon spielt der Stein die Lieblingssongs des Verstorbenen, erzählt die Lieblingswitze, liest Passagen aus Briefen und Texten etc.: "Visitors to the cemetery would insert as many coins as required to play the recording (credit cards not yet being widely used) and the accumulated earnings would be divided equally between the keepers of the cemetery and the family of the deceased. This being the United States of America, small billboards advertising the exciting programs awaiting visitors to various cemeteries would be allowed along the highway, saying things like: "Give Your Misery A Little Class, Listen to a Poet" or "Die Laughing Listening to Stories of a Famous Brain Surgeon." One of the benefits of this invention, as he saw it, is that it would transform these notoriously gloomy and desolate places by attracting big crowds - not just of the relatives and acquaintances of the deceased, but also complete strangers seeking entertainment and the pearls of wisdom and musical selections of hundreds and hundreds of unknown men and women."

Mit seinem Plädoyer für eine "wilde", migrantische Strömung innerhalb der deutschen Gegenwartsliteratur hat Maxim Biller Roman Bucheli von der NZZ mächtig verärgert. Billers Befund, dass mit dem Ende der deutsch-jüdischen Literatur die ganze deutschsprachige Literatur verödet sei, hält Bucheli glatt für "Mumpitz": "Maxim Biller ist mit dieser Analyse seinerseits ein Symptom des Problems, das er darzustellen behauptet. Er befördert mit seinem Ruf nach "bis ins Mark ethnischen" Texten eine Folklorisierung der Literatur, die gerade das Gegenteil bedeutet der von ihm treuherzig beschworenen Authentizität."

Außerdem: In der NZZ-Beilage Literatur und Kunst erzählt Aldo Keel, was es mit dem finnischen Nationalepos "Kalevala" auf sich hat, das im 19. Jahrhundert kompiliert wurde, um eine nationale Identität zu schaffen - und das bis heute in dieser Jahreszeit gefeiert wird. Thomas Leuchtenmüller erinnert amerikanischen Schriftstellers Ralph Ellison, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Für die Welt bittet Iris Alanyali die temperamentvolle Thomas-Bernhard-Übersetzerin Sezer Duru zu Tisch. Die Literarische Welt druckt Auszüge aus Fritz J. Raddatz" Tagebuchband 2002 bis 2012 und Paul Jandl trifft die Schriftstellerin Verena Roßbacher. Andreas Platthaus besucht Frank Schätzing, dessen neuer Thriller "Breaking News" demnächst erscheint. Für die taz besucht Dirk Knipphals den Wagenbach Verlag, der sein 50-jähriges Bestehen feiert.

Besprochen werden unter anderem Gregor Sanders "Was gewesen wäre" (taz), die Hermann-Burger-Werkausgabe (Welt), Angelika Klüssendorfs Roman "Angelika" (Welt), Marianne Birthlers Erinnerungsbuch "Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben" (Welt), eine Biografie des Illustrators Walter Trier (Welt), Ann Cottens Erzählband "Der schaudernde Fächer" (NZZ), Zadie Smiths Roman "London N-W" (Standard) und Marci Shores Band "Der Geschmack von Asche. Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa" (Standard).

In der neuen "Frankfurter Anthologie" schreibt Friederike Mayröcker über ein eigenes Gedicht:

DIESES ECKCHEN NÄMLICH VON ARZT DU WEISZT DIESE
 ZIRREN (ZIRBEN)
von Weisz die der Maler ausspart diese Eckchen von
Maiglöckchenblume...
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Musik

Geradezu Epiphanien erlebte Martin Wilkening bei der Aufführung von Peter Sellars" und Simon Rattles Aufführung von Bachs Johannes-Passion der Berliner Philharmoniker. Üblicherweise verstehen sich eine solche Aufführung als bloße Illustrationen, schreibt er in der Berliner Zeitung. "Worauf [sie] jedoch nicht zielt, ist ein spiritueller Taumel, der den ganzen Saal erfasst, eine Art gemeinsames Erweckungserlebnis aus dem Gefühl heraus, zusammen Zeugen eines unerhörten Vorgangs gewesen zu sein. Nichts weniger sucht der Regisseur Peter Sellars (...) Das wirkt unwiderstehlich, weil es so genau dem Geist gerade dieser Passion folgt, weil es den Konzertsaal als solchen mit einer unglaublichen spirituellen Energie auflädt, und weil man gegen den Kitsch, der dieser zeitlosen Aktualisierung auch eignet, kaum Abstand entwickeln kann." Anhand eines ziemlich mitreißenden Auszugs aus den Generalproben kann man das durchaus nachvollziehen.

Auf seinem neuen Album "G I R L" bringt Pharrell Williams die Geschlechterbilder zwar wahrlich nichts in Wanken, aber er bedient sich auch keiner allzu naheliegender Bilder, meint Fatma Aydemir in der taz. "Die große Kunst von Williams" Songs liegt in der Bewältigung der Ideenmasse. Unzählige Soundschichten stapeln sich, und doch wirkt es nie überladen. ... Textlich besticht Williams gerade dadurch, dass er sich auf alltägliche Freuden beschränkt. Das Leben ist eine aufregende Angelegenheit, wenn jedes Zusammentreffen zum Date, jedes Date zur großen Party wird." Begeisterung auch beim Tagesspiegel: "Ein kurzweiliges, optimistisches Album", schreibt dort Nadine Lange.

Außerdem: "Die neunziger Jahre sind zurück. Jetzt aber so richtig", staunt Fatma Aydemir in der taz nach dem Berliner Konzert des Rappers Drake. Nadine Lange vom Tagesspiegel war ebenfalls dort, für sie ließe es der Abend aber eindeutig an "Power" mangeln. Enrico Ippolito liest sich für die taz in die 20-jährige Geschichte des Berliner KitKat Clubs ein. In der Welt gratuliert Michael Pilz Justin Bieber zum Zwanzigsten.

Besprochen werden das neue Album von Neneh Cherry (Zeit), das neue Album von Laibach ("überraschend zart", aber auch "musikalisch (...) nur noch mäßig interessant", meint Sonja Vogel in der Jungle World)
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