9punkt - Die Debattenrundschau

Anschljus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2014. "Russland wiederholt 1968", schreibt Maria Aljochina von Pussy Riot in der New Republic. Trotzdem regt sich auch in Russland Protest gegen die Besetzung der Krim, berichtet die FAZ. Die taz erklärt, warum auf der Krim alles so ruhig erscheint: Medien werden lahmgelegt und angegriffen. Außerdem: HMEs Rat, das Handy wergzuwerfen. Und die FAZ studiert das Freihandelsabkommen zwischen EU und Kanada, das eine Blaupause für das Abkommen mit den USA sei - und der Musikindustrie eine Menge Sanktionsmöglichkeiten gibt. 

Europa

Die ukrainische Journalistin Tatjana Kumanowa kann in der taz erklären, warum auf der Krim alles so ruhig erscheint: Es gibt keine einzige Zeitung mehr, die auch nur halbwegs objektiv berichten könnte, unabhängige Medien werden angegriffen oder lahmgelegt, und ihr Gewerkschaftshaus wurde von Bewaffneten gestürmt: "Die Freischärler versuchten, die Türen einzuschlagen, allerdings ohne Erfolg. Fünf Mitarbeiter des Zentrums hatten sich in ihren Büros gut verschanzt. Trotzdem veranstalteten die Besetzer im Gewerkschaftsgebäude eine "Pressekonferenz" und erklärten, dass sie den Journalisten schon beibringen werden, "wie man richtig arbeitet". Die Journalisten haben mehrere Stunden in ihren Räumen ausgeharrt. Die Polizei, die sich kurz vor dem Gebäude blicken ließ, zog bald wieder ab. Die Rettung kam schließlich von TV-Kollegen. Im Schutze einer Livereportage konnten sie unbehelligt das Gebäude verlassen."

Klaus-Helge Donath porträtiert in der taz zudem Wladimir Putin als ewigen Sowjetbürger, den außer großrussisches Machtstreben nichts antreibt: "Für Zukunftsvisionen hat der Präsident keinen Blick. Er versteht gesellschaftliche und historische Zusammenhänge nicht in ihrer Dynamik."

Die New Republic bringt einen Text von Maria Aljochina von Pussy Riot: "Russia Is Repeating 1968": "Troops are marching through the streets of Crimea today, on Shrove Tuesday, as the patriarch declares "I hope Ukraine will not resist." Police forces stand on Manezhnaya Square in downtown Moscow, ready to grab and arrest those who have declared no to war... There won"t be a record of our resistance in the history books because we will be arrested before we even reach the square to voice our opinions."

Trotzdem regt sich in Russland einiger Widerstand gegen die Besetzung der Ukraine, schreibt die ehemalige Moskauer Kulturkorrespondentin Kerstin Holm in der FAZ: "Auch in den sozialen Netzen behalten die Putin-Gegner die Initiative. Das Staatsoberhaupt wird als "Putler", Adolf Putin oder russisch "Fjurer" apostrophiert, und sein Krim-Abenteuer als "Anschljus". Russische Popmusiker von Semfira bis Juri Schewtschuk stellen sich auf die Seite der Ukraine und gegen den Krieg."

Poynter
hat eine nützliche Liste von Leuten und Organisationen zusammengestellt, denen man auf Twitter zum Thema Ukraine folgen kann.

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Medien

Christiane Schlötzer nimmt in der SZ die Medienlandschaft in der Türkei unter die Lupe: "Viele Kommentatoren agieren wie Fans, die stets nur ihre Fußballmannschaft unterstützen. Dabei gibt es derzeit, grob gesprochen, nur noch zwei Lager: für oder gegen Erdoğan. Die Medien sind so polarisiert wie die türkische Gesellschaft."

Weiteres: Turi2 meldet, dass der Spiegel Umsatzeinbußen von vier Prozent verkraften muss. Im Tagesspiegel berichten Kurt Sagatz und Joachim Huber, wie Amazon und Watchever mit Kampfpreisen auf die drohende Konkurrenz des Homevideo-Anbieters Netflix vorbereiten.
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Überwachung

Dirk van Gehlen vergleicht in der SZ Hans Magnus Enzensbergers in der FAZ geäußerten Vorschlag, künftig das Handy wegzuschmeißen und ein Leben ohne Internet zu führen, mit dem Rat, "die Gefahren des Straßenverkehrs dadurch zu lösen, dass man sein Haus einfach nicht mehr verlässt", und findet die Konzentration des FAZ-Diskurses auf Internetunternehmen leicht verdächtig: "Nicht die Frage, ob jemand freiwillig Daten an Facebook gibt, sollte diskutiert werden, sondern die Frage, warum dieser Bürger eigentlich mit seinen Steuern dafür aufkommt, dass der Staat ihn überwacht."
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Urheberrecht

(Via Christoph Kappes) EU und Kanada sind sich über ein Freihandelsabkommen nahezu einig, berichtet Handrik Kafsack im Wirtschaftsteil der FAZ. Da das Abkommen als Blaupause für ein Abkommen mit den USA gilt, sollten die Passagen über das "geistige Eigentum" aufmerksam studiert werden: "Weit gefasst wird in dem internen Text die Definition des durch Verstöße gegen den Schutz des geistigen Eigentums entstandenen Schadens. Letztlich können Geschädigte jedwede legitime Referenzgröße zur Berechnung des Schadens heranziehen. Ein Musikkonzern könnte somit im Extremfall unter Berufung auf potenziell mit dem Verkauf einer CD zu erzielenden Gewinne auch von Privatpersonen hohe Schadenersatzzahlungen fordern."
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