9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Schneebällen gefüllt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.02.2014. Die NZZ fragt sich nach dem Schweizer Votum gegen "Masseneinwanderung", ob sie einem "Dimanche noir" beigewohnt hat. Woody Allen wehrt sich in der New York Times gegen  Vorwürfe, er habe Dylan Farrow missbraucht. Die FAS regt an, auch mal über die Steuermoral des Staates und nicht nur seiner Bürger nachzudenken. Die taz zeigt Google die Grenzen des mitdenkenden Kühlschranks auf. Und The Intercept geht an den Start: das Magazin, mit dem Laura Poitras, Glenn Greenwald  und andere die Überwacher überwachen wollen.

Medien

Pierre Omidyars stark erwartetes Medienkonglomerat First Look Media startet mit dem ersten Magazin The Intercept - hier wollen Glenn Greenwald, Laura Poitras über staatliche Überwachung und der Kooperation großer Unternehmen berichten, schreiben sie im Editorial. "Unsere kurzfristitige Mission ist begrenzt aber wichtig: Wir wollen eine Plattform und redaktionelle Struktur bieten um über Enthüllungenunserer Quelle, dem Whistleblower Edward Snowden, mit Nachdruck zu berichten. Wir haben uns entschlossen, jetzt schon zu starten, weil wir dieser Geschichte gegenüber eine dringende Verpflichtung spüren - im Interesse der Dokumente und des Publikums." Die erste Geschichte schildert, wie die NSA mit ungenauen Ermittlungsmethoden zu Drohnenangriffen - und deren Kollateralschäden! - beiträgt. Und der Fotograf Trevor Paglen präsentiert neue Bilder von NSA-Einrichtungen.

Auf Rue89 interviewt Pierre Haski die Journalistin Florence Hartmann, die sich in ihrem Buch "Lanceur d'alerte" mit der Rolle und Bedeutung von Whistleblowern beschäftigt. Dabei plädiert sie gar nicht für grenzenlose Transparenz, aber einen rechtlichen Schutz der Whistleblower: Wir müssen "anerkennen, dass der Bürger das Recht hat, sich Fragen zu stellen, wenn er eine Kluft sieht zwischen dem, was gesagt, und dem, was getan wird."
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Europa

"Wer Blocher nach dessen Abwahl aus dem Bundesrat abgeschrieben hatte, lag falsch", stellt René Zeller nach der erfolgreichen Abstimmung in der Schweiz "gegen Masseneinwanderung" fest und muss dem SVP-Mann einen politischen Sieg einräumen: "Die Geschichte wiederholt sich. Als das Schweizervolk am 6. Dezember 1992 den EWR-Vertrag verwarf, verfiel die unterlegene Seite in eine Schockstarre. Der damalige Wirtschaftsminister Delamuraz sprach von einem 'dimanche noir'. Jetzt hat der Souverän ein Ausrufezeichen von vergleichbarer Wucht gesetzt. Unabhängig vom Fotofinish erschüttert das Ja zur Volksinitiative 'gegen Masseneinwanderung' die zweigeteilte Schweiz. Nicht alles wird anders. Aber vieles."

In der SZ resümiert Volker Breidecker einen Diskussionsabend mit ukrainischen Autoren in Frankfurt: "Für den Machthaber selbst forderte Juri Andruchowytsch als einfachste Lösung: 'Ein Flugzeug nach Nordkorea!'"
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Gesellschaft

Nicholas Kristof hat in seinem NewYork Times-Blog einen Brief von Mia Farrows Tochter Dylan veröffentlicht, die Woody Allen vorwirft, sie als Kind missbraucht zu haben (Kristof ist mit Mia Farrow befreundet, was er in seinem Blog auch kundgetan hat). Nun hat die New York Times Woody Allen Gelegenheit zur Antwort gegeben. Er erinnert daran, dass die Vorwürfe seinerzeit von eine Spezialtruppe der Polizei eingehend untersucht worden sind: "This group of impartial, experienced men and women whom the district attorney looked to for guidance as to whether to prosecute, spent months doing a meticulous investigation, interviewing everyone concerned, and checking every piece of evidence. Finally they wrote their conclusion which I quote here: 'It is our expert opinion that Dylan was not sexually abused by Mr. Allen.'"

In Spiegel Online schreibt Frank Patalong in einem Kommentar zu diesem Streit: "Wir sind die letzte Instanz in einem Verfahren, das mit unserem Urteil endet."

Man kann beim Thema Staat und Steuern nicht nur die Moral der Alice Schwarzer, sondern auch die des Staates in Frage stellen, finden die Wirtschaftsredakteure Rainer Hank und Winand von Petersdorff in der FAS: "Die mindestens neun illegal beschafften Steuer-CDs, die Deutschland von dubiosen Quellen gekauft hat, belegen eine neue Skrupellosigkeit des Staats gegenüber den Bürgern, die System hat. Das ist kein Ausrutscher. Der Staat, dessen vornehmste Aufgabe der Schutz der Bürger ist, wertet seine fiskalischen Interessen an Steuer-CDs höher als mögliche Verletzungen von Strafrecht, Völkerrecht und nicht zuletzt Bürgerrecht."
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Kulturpolitik

Neuerdings wird auch grundsätzlich über Theater diskutiert (siehe jenen aufsehenerregenden Vortrag von Ulf Schmidt bei Nachtkritik, den wir neulich resümierten). Sibylle Berg greift in ihrer Kolumne bei Spiegel Online das Thema der schlecht bezahlten Schauspleier auf: "Versuchen sich Künstler gegen Lohndumping und Bezahlungen, die meist weit unter dem Existenzminimum liegen, zu wehren, stehen ein paar Dutzend Unbeschäftigter schon in Warteposition. So sieht es aus. Mit der Freiheit der Kunst. Die viele der Leser hier nicht wirklich berührt, denn uns geht es ja allen nicht gold."

Politik

Beat Stauffer schildert in der NZZ die Situation in Tunesien, wo der Verfassungskonsens die verfeindeten Lager aus Säkularisten und Islamisten nur kurzfristig zusammengebracht hat: "Die Rückkehr der lange aus dem kulturellen Leben wie auch aus der öffentlichen Debatte verbannten religiös-konservativen Kreise ist selbstverständlich legitim, und säkulare Intellektuelle müssen sich damit abfinden, dass sie nicht mehr alleine den Ton angeben können. Doch vieles weist darauf hin, dass es nicht um eine öffentliche Debatte geht, wie Tunesien in Zukunft aussehen soll, sondern um einen harten Machtkampf. Klare Indizien für eine 'Rückeroberung' der gesellschaftlichen Räume durch islamisch-konservative Kreise gibt es zuhauf. 
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Stichwörter: Islamisierung, Tunesien

Internet

In der taz setzt Maik Söhler gegen Googles Plan, die Kontrolle über unsere Haushalte übernehmen, ganz auf die nächste Generation - das heißt auf chaotische Kinder: "Da ist ein Sohn, der die Heizung ausmacht, wenn er im Zimmer ist, weil er dann 'so schön friert'. Verlässt er die Wohnung, dreht er den Regler schnell noch auf die höchste Stufe. Jeder selbst nachbestellende Kühlschrank kommt da an seine Grenzen, wo Kinder etwas herausnehmen, es nicht vollständig verbrauchen und dann vergessen, es wieder hereinzustellen. Oder etwas reinstellen, was nicht so einfach nachbestellt werden kann. Unser Tiefkühlschrank wurde, als es schneite, mit Schneebällen gefüllt, damit 'auch im Sommer noch welche da sind'. So, Google, dann bestell mal bitte im Juli nach!"
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Stichwörter: Google