Efeu - Die Kulturrundschau

Wieder eine graue Maus

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10.02.2014. Fast alles Berlinale heute in den Feuilletons. Dominik Grafs Wettbewerbsbeitrag "Die Geliebten Schwestern" wird allgemein gelobt, George Clooney "Monument's Men" verrissen und Lars von Triers "Nymph()maniac" landet erwartungsgemäß zwischen den Lagern. Die Welt steht in Brüssel andächtig vor Francisco de Zurbaráns "Agnus Dei". In der NZZ erzählt der Schriftsteller Thomas Hürlimann von seiner Krebserkrankung und einem rasanten Identitätswechsel.

Film

Die Berlinale hat die Feuilletons - und natürlich auch den Perlentaucher - weiterhin fest im Griff. Eine Auswahl:

Mit Dominik Grafs Wettbewerbsbeitrag "Die Geliebten Schwestern" haben die Kritiker ihren großen Liebling schon frühzeitig im Festival gefunden. "Ein Traum ist dieser schöne Film" sowie "zum Niederknien und Küssen", schwelgt Anke Westphal in der Berliner Zeitung. Auch Elena Meilicke hat einen großartigen Film gesehen. Sie schreibt im Perlentaucher: "Grafs Bilder strahlen eine Sinnlichkeit und Körperlichkeit aus, die im deutschen Kino selten zu sehen ist." Elmar Krekeler atmet in der Welt auf: "Die geliebten Schwestern" ist keine "Jane-Austen-Ähnlichkeitsverfilmung", sondern "etwas ganz anderes geworden." Außerdem hat sich Barbara Wurm für die taz mit dem Regisseur unterhalten.

"Das deutsche Kino liegt sehr gut im Rennen", freut sich David Steinitz, der in der SZ Graf und Dieter Brüggemanns "Kreuzweg" zusammen bespricht. In der FAZ zieht Peter Körte den Graf-Film vor. In der taz quält sich Ekkehard Knörer durch einen von einem "halbgaren Einfall" getragenen "Kreuzweg", Anke Westphal erblickt in der Berliner Zeitung "eine scharfe, aber nicht apodiktische Studie nationaler Psychopathologie im Kleinen".

Großer Andrang auch bei der Welturaufführung der ungeschnittenen Langfassung von Lars von Triers erstem Teil seines Zweiteilers "Nymph()maniac". Den findet Cristina Nord in der taz "erstaunlich aus vielen Gründen". Etwa weil er "einen heiteren Ton anschlägt und zugleich vollkommen aufrichtig erforscht, was die Protagonistin an- und umtreibt. "Nymph()maniac" ist eine durch und durch ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit Sexualität." Im Perlentaucher meint Elena Meilicke: "Alle reden über die Sexszenen. Dabei zelebriert Lars von Triers "Nymphomaniac Volume I" das uneigentliche und metaphorische Sprechen über Sex mindestens so sehr wie den eigentlichen und explizit gezeigten Sex." Der Film ist ein "Moralexerzitium", schreibt in der FAZ Dietmar Dath und meint es als Kompliment. Im Tagesspiegel gibt es unterdessen eine ziemlich griesgrämige Kritik von Jan Schulz-Ojala. Außerdem hat die Welt Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg für ein Interview vor das Mikrofon bekommen.

"Monuments Men", George Clooneys Film über amerikanische Kunstschützer im Zweiten Weltkrieg, wurde allgemein verrissen. Diederich Diederichsen hält den Film in der taz für "so unbezweifelbar legitim und heiter-knarzig wie ein nervtötender Großvater." Peter Uehlings lapidares Urteil in der Berliner Zeitung: Dieser Film "ist langweilig". In der Welt schließt sich Jan Küveler beiden an. Frédéric Jaeger nimmt den Film bei critic.de ideologiekritisch aufs Korn. In der Berliner Zeitung finden wir ein Interview mit dem Regisseur. Verrisse auch bei FAZ und SZ.

Das Forum zeigt "Ich will mich nicht künstlich aufregen", den Debüt-Langfilm von Perlentaucher-Autor Max Linz. In der taz freut sich Andreas Busche, wie sich der von "Godard, Kluge, Straub-Huillet" informierte Film als "Update eines genuin politischen Kinos unter gegenwärtigen Produktionsbedingungen, die selbst kritische Außenpositionen bereits institutionalisiert haben", positioniert. Ingeborg Ruthe mag zwar die Selbstironie des Films, findet aber nicht, dass es sich bei dem Film um "eine ätzende Analyse der Situation der Kunstförderung in der Berliner Republik" handelt. Und Tim Caspar Boehme berichtet in der taz kurz und knapp vom restaurierten Caligari.
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Musik

Besprochen wird eine von Claudio Abbado dirigierte Mozart-Aufnahme (Welt).
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Bühne

In der taz resümiert Klaus Irler das Hamburger KRASS Festival.

Besprochen werden Lothar Kittsteins in Frankfurt aufgeführtes Stück "Der weiße Wolf" (Welt), die Zürcher Aufführung von Marin Schläpfers "Forellenquintett" (NZZ), Hans Neuenfels' Inszenierung von Heiner Müllers "Quartett" in der Wiener Josefstadt (Standard, Presse, SZ), Sebastian Baumgartens Inszenierung der "Ballade vom Fliegenden Holländer" am Deutschen Schauspielhaus (nachtkritik, FAZ) und die Uraufführung von Lothar Kittsteins NSU-Stück "Der weiße Wolf" in Frankfurt (nachtkritik, FAZ).
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Archiv: Bühne

Kunst

In Brüssel ist derzeit eine Ausstellung der Bilder von Francisco de Zurbarán zu sehen. In der Welt schreibt Hans-Joachim Müller ihm und seinen Bildern einen wahren Liebesbrief. Vor allem de Zurbaráns "Agnus Dei" (hier groß) zieht ihn in den Bann: "Man steht vor dem Bild und kann es nicht fassen, wie stark der Zwang ist, durch die flauschigen Büschel des Fells zu streichen. Immer möchte man diese Bilder anfassen, die Gewänder spüren, die kühle Seide, die die heilige Casilda von Toledo wie einen Schild am Rücken trägt, den samtenen Brokat ihres Kleides, die aufgenähten Applikationen der Bordüren. Spüren, wie man über eine Blindenschrift tastet."


















Besprochen wird Harun Farockis in Berlin ausgestellte Werkreihe "Ernste Spiele" (taz).
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Literatur

In einem sehr schönen Interview spricht der Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann über Literatur und den Tod. Hürlimann ist selbst gerade von einer Krebserkrankung genesen, eine Erfahrung, die ihn und sein Schreiben verändert hat: "Wer mit einem Koffer ein Spital betritt, als würde er in die Ferien fahren, ist 24 Stunden später ein völlig anderer. Was vorher selbstverständlich war, wird zur Sensation. Einen derart rasanten Identitätswechsel habe ich noch nie zuvor erlebt. Als Rekrut zum Beispiel war die militärische Identität mit dem Ausziehen der Uniform weg, innert Sekunden. Mit dem Ausziehen des Spitalhemds ist das Spital nicht weg. Man braucht viel Zeit, um in den Alltag zurückzukehren, um die Farben zu verlieren und wieder eine graue Maus zu sein. Aber die erweiterte Wahrnehmung versuche ich natürlich für das Schreiben fruchtbar zu machen. Wofür ich früher eine ganze Seite brauchte, das kann ich jetzt mit einer halben sagen."

Im Gespräch mit der Welt erklärt Matthias Koch, der Eigentümer des Aufbau-Verlags, die Entscheidung, die Geschäftsführung des Hauses auszutauschen und kommt dabei auch auf Pläne für die Zukunft zu sprechen: "Der Markenkern von Aufbau, die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur, muss stärker in den Fokus genommen werden, und die Unterhaltungsliteratur, zumindest die bei Aufbau Hardcover, muss mehr in den Hintergrund treten. Wir müssen neue Autoren entwickeln."

Außerdem: In der Berliner Zeitung meldet Sabine Vogel den Tod des Merve-Verlegers Peter Gente. Volker Breidecker berichtet in der SZ über den gemeinsamen Auftritt der ukrainischen Autoren Jurko Prochasko, Juri Andruchowytsch, Serhij Zhadan und Tanja Maljartschuk in Frankfurt.
Archiv: Literatur