Efeu - Die Kulturrundschau

Das ganze Wallis: total agglo!

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15.08.2018. Nach Bekanntgabe der Longlist für den Buchpreis stimmt der Tagesspiegel verhalten in den Lobgesang auf die deutsche Gegenwartsliteratur ein. Die Berliner Zeitung erinnert an die innige Poesie des DDR-Liedermachers Gerhard Gundermann. Die taz reiht sich ein in die planetarische Monster-Internationale des dänischen Künstlers Asger Jorn. Die Welt verirrt sich mit Hans Kollhoff in den toten Ecken eines Berliner Neubau-Quatiers. Und die NZZ weiß: Agglomeration ist nicht Vorstadt, sondern cool, tough, bad.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2018 finden Sie hier

Literatur

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 ist da. Zu den Nominierten zählen unter anderem Maxim Biller, Helene Hegemann und Angelika Klüssendorf. Andreas Platthaus hat die Liste für die FAZ statistisch ausgewertet: "Elf Titel aus dem Frühjahr 2018, der Rest aus dem Herbst (einmal nicht die Mehrzahl, aber noch nie gab es einen Gewinner aus dem Frühjahr), unter den Verfassern sind zwölf Frauen und acht Männer. Und die Verteilung auf die Verlage ist breiter als gewohnt: Achtzehn Häuser haben es geschafft, Titel auf der Longlist zu plazieren; mehrfach dabei sind diesmal nur Hanser und Kiepenheuer & Witsch, jeweils mit zwei Büchern." Die Daumen drückt er Arno Geiger, Nino Haratischwili, Gianna Molinari und Gert Loschütz. Außerdem vermisst er Michael Lentz' "Schattenfroh", Steffen Menschings "Schermanns Augen" und Robert Seethalers "Das Feld".

Etwas gram singt Gerrit Bartels im Tagesspiegel ein Loblied auf den derzeitigen Höhenflug der deutschen Gegenwartsliteratur, dies aber insbesondere anhand jener Romane, die sich nicht auf der Liste befinden: Christoph Heins "Verwirrnis", Thomas Klupps "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" und Bodo Kirchhoffs "Dämmer und Aufruhr". Zwar "passt sie schon, die Auswahl", zumindest auf den vierten Blick findet Bartels sie sogar "korrekt". Doch "sind die Kriterien dieses Jahr wieder einmal auch außerliterarische gewesen. Schließlich muss gleichermaßen auf eine ausgewogene Verteilung unter den Geschlechtern geachtet werden, in jedem Fall die Frauenquote stimmen; und es muss immer auch die Vielfalt der Verlagsszene berücksichtigt werden, es dürfen nicht nur Bücher von Hanser-Suhrkamp-Fischer dabei sein." Roman Bucheli freut sich derweil in der NZZ, dass mit Gianna Molinari, Christina Viragh und Adolf Muschg auch dreimal Literatur aus der Schweiz vertreten ist.

Weitere Artikel: Im Blog der NYRB verneigt sich Ian Buruma noch einmal tief vor V.S. Naipaul. Schriftstellerin Dagmar Leupold schreibt im Freitext-Blog auf ZeitOnline über das Aufeinandertreffen von Dialekten. Die Welt hat Marko Martins Bericht seiner Begegnung mit dem argentinischen Schriftsteller Marcelo Figueras online nachgereicht. Schriftsteller Alain Claude Sulzer meditiert in der NZZ über "das Glück des ersten Mals". Arno Widmann gratuliert in der FR Wolf Wondratschek zum 75. Geburtstag, den dieser gestern gefeiert hat.

Besprochen werden Emil Ferris' Comic "Am liebsten mag ich Monster" ("ein Meisterwerk", jubelt Swantje Kubillus in der FR), der von Lina Muzur herausgegebene Band "Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht" (taz), der Auftakt der Werkausgabe Marina Zwetajewa (Tagesspiegel), Christoph Heins "Verwirrnis" (NZZ), Peter Hacks' "Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955 - 2003" (Freitag), Kristina Gehrmanns Comicadaption von Upton Sinclairs "Der Dschungel" (Tagesspiegel), Rahman Abbas' "Die Stadt, das Meer, die Liebe" (taz), P. G. Wodehouse' "Êhrensache, Jeeves" (Zeit), Niccolò Ammanitis "Anna" (FAZ) und Isabelle Lehns, Sascha Machts und Katja Stopkas Studie "Schreiben lernen im Sozialismus: Das Institut für Literatur 'Johannes R. Becher'" (Tagesspiegel).

Kunst

Asger Jorn: Gofs-Lygybri, 1943. Bild: Canica Art Collection / KODE - Art Museum of Bergen, Norwegen

Kann eine radikal linke Haltung mit einem Faible für nordische Fabelwesen zusammengehen? Und wie!, lernt Radek Krolczyk in der großen Werkschau des dänischen Künstlers Asger Jorn in den Hamburger Deichtorhallen. 1960 hatte die situationistische Künstlerin Michèle Bernstein die Parole ausgegeben: "Monster aller Planeten vereinigt euch!", und Jorn gründete 1961 das "Skandinavische Institut für vergleichenden Vandalismus": "Das war schon ernst gemeint: Gemeinsam mit verschiedenen Wissenschaftlern sollten 10.000 Jahre Volkskunst nachvollziehbar gemacht werden. In Jorns Werken sind mythische Gestalten, wie sie etwa in der skandinavischen Kultur vorkommen, zentral. Werner Haftmann schrieb 1961 in einem Aufsatz über Jorn, dass der skandinavischen Mythologie alles Heroische und Idealistische fremd sei - ganz anders, als es bei den Germanen der Fall war. Anstelle der Behauptung von festen Größen trete hier die Einbildung."


Marisa Merz, Ohne Titel. Foto: Museum der Moderne, Salzburg

Es gab auch Frauen in der Arte Povera! Das Salzburger Museum übernimmt aus New York die große Retrospektive "Der Himmel ist ein weiter Raum" der Künstlerin Marisa Merz, und in der FAZ ist Alexandra Wach einfach hingerissen von den Arbeiten: "Willig folgt man ihren Vermessungen von Material und Raum und wundert sich über den in alle Dimensionen hin offenen Erfindungsreichtum. Merz braucht nicht mehr als schlichte Eisennägel, Salzwasser, Spiegel oder Klebeband, um wundersame Dinge zu schaffen. Selbst stumme Musik kommt zur Anwendung, wenn man lange genug die Ohren spitzt."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung alter chinesischer Tuschemalereien im Liechtensteinisches Landesmuseum in Vaduz (NZZ) und die Schau "Heads Roll" in der Graves Gallery in Sheffield (Guardian).

Film

Mit etwas Kummer nimmt Birgit Walter in der Berliner Zeitung zur Kenntnis, dass Andreas Dresens Film "Gundermann" über den gleichnamigen DDR-Liedermacher sich vor allem auf dessen Stasi-Spitzeleien kapriziert - auch wenn der Film es dennoch schafft, "großes Kino" zu werden. Aber Gundermann war eben mehr, sagt sie: "Weil seine Lieder von einem Land handeln, das so schnell unterging, dass das tiefe Verlustspuren hinterließ." Er schrieb "Balladen von erschütternder Innigkeit und Poesie, die von der Endlichkeit des Lebens erzählen, von Gras, das immer wieder wächst, von harten Händen und von Schutzengeln, die nichts mehr zu tun haben, seit ihnen die Bergleute ausgehen. Selbst einer leeren Kohlegrube schrieb Gundermann ein Liebeslied: 'Brigitta'."



Mit seiner Verfilmung von Tino Hanekamps Roman "So was von da" über die Exzesse des Club-Lebens gelingt Impro-Filmemacher Jakob Lass "'eine Art Widerspruchsbalance', wie es Rainald Goetz in seiner Erzählung 'Rave' formuliert hat", schreibt Gerrit Bartels, der das ganz gelungen findet, im Tagesspiegel. Lass "versucht etwas zu erzählen, was sich der Sprache verweigert, etwas zu zeigen, für das es nur wenig Bilder gibt - und das zudem ein Höchstmaß an Authentizität erfordert."

Weitere Artikel: Filmemacherin Isabell Šuba spricht im ZeitOnline-Gespräch über ihre Forderungen, mehr Frauen vor und hinter der Kamera an der Filmproduktion zu beteiligen. Sonja Thomaser freut sich in der FR über die Rückkehr der MTV-Animationsserie "Daria". Andreas Kilb gratuliert in der FAZ Nicolas Roeg zum 90. Geburtstag. Rainer Komers erinnert sich auf der Website der AG Dok an Klaus Wildenhahn, zu dessen Tod der NDR nun vier seiner Arbeiten ins Netz gestellt hat. Auf Youtube gibt es einen Porträtfilm über Wildenhahn:



Besprochen werden Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Familie Brasch" (FAZ) und die Netflix-Serie "Insatiable" (FAZ).
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Musik

Harry Nutt bringt in der FR Hintergründe zum neuen Ärger bei der Ruhrtriennale: Das Istanbuler Hezarfen Ensemble hat sein heutiges Konzert bei der Ruhrtriennale kurzfristig abgesagt, nachdem der Schriftsteller Dogan Akhanli in der Welt am Sonntag das Festival dafür kritisiert hatte, dass es für den Völkermord an den Armenier den Begriff "Umsiedlung" verwendet (mehr dazu hier). Das Ensemble sah sich dadurch "für politische Zwecke" vereinnahmt. Im Kommentar auf Dlf Kultur nimmt Rainer Pöllmann das Ensemble zwar durchaus in Schutz vor der Mutmaßung, dass es sich die offizielle türkische Darstellung des Genozids an den Armeniern zu eigen macht. Im Kontext eines internationalen Festivals hält er Wörter wie "Umsiedlung" aber für "inakzeptabel": "Von einem der wichtigsten Festivals des Landes, das sich das Politische explizit auf seine Fahnen geschrieben hat, ist eine Öffentlichkeitsarbeit zu erwarten, die genau formuliert und die Brisanz des Themas nicht schönfärberisch camoufliert."

Morgen wird Madonna 60. In der taz gratuliert Julia Lorenz schon heute. Sie zählt zu den Fans der jüngeren Generation, für die Madonna schon immer ein Star war, der sie in immer neuen Inkarnationen durchs Leben begleitet und dabei wahnwitzig erfolgreich ist. Zwei Fraktionen gebe es, was Madonnas Einschätzung betrifft: Die, die sie als Ikone des Popfeminismus feiern und jene, die in ihr das "gut geschminkte Gesicht des Kapitalismus" sehen: "Beide haben recht", sagt Lorenz. "Was Madonna in die Hände fällt, wird absorbiert, kopiert, referenziert. Die Kunstfigur Madonna ist eine große Verdinglichungsmaschine, die selbst Abwegiges zu kapitalisieren vermag. ... Madonna reibt uns die Widersprüche unserer Zeit unter die Nase wie keine zweite Künstlerin. Die gleiche Gesellschaft, die ihre Stars jung und schön will, lässt sich hämisch über Madonnas gestrafftes Gesicht und ihre stählernen Oberarme aus. Absurd ist das."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel porträtiert Elias Pietsch die georgische Pianistin Dudana Mazmanishvili, "eine Virtuosin". Andreas Hartmann hat sich für den Tagesspiegel mit der englischen Musikerin Anika getroffen. Besprochen werden ein Liederabend mit Mathias Goerne und Markus Hinterhäuser (Standard), das Konzert der Sopranistin Annette Dasch beim Rheingau Musik Festival (FR), neue CD-Veröffentlichungen, darunter das Livealbum "Wartburg" des Michael Wollny Trios (Standard) und ein Konzert des Estonian Festival Orchestras unter Paavo Järvi in Pärnu (FAZ).

Bühne

In der NZZ führt Michael Stallknecht führt in das Werk des Komponisten Thomas Larcher ein, dessen erste Oper, "Das Jagdgewehr", heute bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wird.

Architektur

Die Schweizer haben der Welt die Agglomeration geschenkt, doch in der NZZ weist Dirk Vaihinger darauf hin, dass der Begriff schon lange nicht mehr abschätzig für eine "diffuse Mischung aus Provinz, Bildungsferne und Heckspoiler" steht: "In agglo klingt heute ein Anflug von Respekt an, eine Achtung vor Zusammenhalt, Subkultur und Nonchalance. Der Agglo-Slang ist in der Jugendsprache längst Standard. So wie die Hip-Hop-Bewegung das amerikanische Ghetto aufgewertet hat, gilt auch für agglo: Es bedeutet immer noch proletarisch und laut, aber zugleich cool, tough, bad. Dazu passt, dass die Agglo als Gegend nur schwer zu lokalisieren ist. Welche Gebiete dazugehören, wird mehr vom Lebensgefühl bestimmt und weniger von einer Stadtgrenze. Spreitenbach ist klar agglo. Dübendorf und Stettbach? Agglo. Das ganze Wallis: total agglo! Nordrhein-Westfalen dürfte größtenteils agglo sein, so wie einige Landstriche in Australien. Zollikon hingegen: niemals agglo, da kann es sich noch so bemühen."

Kein Architekt kann sich so schön echauffieren wie Hans Kollhoff, Liebhaber von Naturstein und Blockrandbebauung. Michael Fabricius spaziert mit ihm für die Welt durch einige Neubauviertel Berlins, zum Quartier "Mittenmang" nördlich des Hauptbahnhofs, das Kollhoff als Zickzack zwischen Mülltonnen und Feuerwehr-Wendehammer erlebt: "Die Restflächen sind überall. Das bringt es nun einmal mit sich, wenn die Zickzackform eines Baukomplexes auf eine geradlinige Straße trifft. Überall sind tote Ecken. Lüftungsgitter, Rindenmulch. Kollhoff wird grundsätzlicher ... 'Schauen Sie, das alte Backsteingebäude auf der gegenüberliegenden Seite. Ein interessantes Haus mit Fassade. Eine großzügige Hofeinfahrt. Auch wenn das ein Knast ist - man möchte lieber dort wohnen als in einem renditeoptimierten Quartier.'"

Außerdem: Kerstin Decker besucht im Tagesspiegel das Haus am Horn in Weimar, eine Bauhaus-Ikone, in der heute die einstige Kustodin der Weimaner Hochschule für Architektur lebt.