Steffen Mensching

Schermanns Augen

Roman
Cover: Schermanns Augen
Wallstein Verlag, Göttingen 2018
ISBN 9783835333383
Gebunden, 820 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Ein Gulag-Roman mit deutschen und österreichischen Protagonisten. Eine Rückschau ins Wien der zwanziger Jahre.  Eben noch war Rafael Schermann in der Wiener Caféhaus-Szene ein bunter Hund, bekannt mit Gott und der Welt von Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Magnus Hirschfeld bis zu Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Ehrenstein, Döblin, Bruckner, Eisenstein, Stanislawski, Piscator… Selbst der scharfzüngige Karl Kraus erhoffte sich von Schermanns graphologischer Begabung beim Deuten von Briefhandschriften entscheidende Hilfe in seinem Liebeswerben um Sidonie Nádherný… Und jetzt landet dieser schillernde Mann völlig abgerissen und todkrank als Gefangener am Ende der Welt, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas an der Bahntrasse nach Workuta im Lager Artek.
Sofort zieht einer, der aus Handschriften Vorhersagen ableiten kann, außerordentliches Interesse auf sich, ob nun das des Lagerkommandanten (selbst der kann nicht sicher sein, ob er morgen Chef eines größeren Lagers sein oder man ihn erschießen wird) oder das seiner Mitgefangenen, "achthundert Männer, zweihundert Frauen. Eine echte sowjetische Großfamilie… jeder weiß alles vom anderen und wünscht ihm die Krätze an den Hals."
Und dann behauptet Schermann noch, kein Russisch zu können, und beansprucht einen Übersetzer. Steffen Mensching stellt ihm den jungen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn an die Seite. Das ungleiche Paar, mal Herr und Knecht, mal Don Quijote und Sancho Pansa, kämpft ums Überleben unter brutalen, absurden Verhältnissen im mörderischen Räderwerk des zwanzigsten Jahrhunderts.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.08.2018

Prächtig findet Rezensent Hans-Peter Kunisch dieses Buch von Steffen Mensching, einst Mitglied der Clowns-Truppe "Karls Enkel" und heute Leiter des Rudolstädter Theaters. Schon angesichts des Aufwands, den der Autor für dieses Werk betrieben hat, reibt sich der Kritiker die Augen: Zwölf Jahre lang recherchierte Mensching über den Krakauer Graphologen Rafael Schermann, der, aufgesucht und gerühmt von Zeitgenossen wie Karl Krauss, Oskar Kokoschka oder Adolf Loos, nur anhand weniger Schriftzeichen in die Zukunft des Schreibenden blicken konnte - was ihn jedoch nicht davor bewahrte als "polnischer Kontingentflüchtling" ins Sonderlager Fediakowo deportiert zu werden, wie Kunisch erzählt. Dass der Autor mangels Erfahrung ein fiktives Lager entwirft, dafür Bedingungen ähnlicher sowjetischer Lager recherchierte und Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" als Referenz leuchten lässt, um dann doch einen ganz eigenen Erzählweg zu gehen, findet der Kritiker brillant: Entstanden ist nicht nur ein verblüffender "realistischer Roman", sondern ein "erzählerisches Bergwerk", meint er.
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