Bodo Kirchhoff

Dämmer und Aufruhr

Roman der frühen Jahre
Cover: Dämmer und Aufruhr
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2018
ISBN 9783627002534
Gebunden, 480 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Wer spricht, wenn einer von früher erzählt? Das fragt sich ein Autor in dem kleinen Hotel am Meer, in dem seine Eltern vor Jahrzehnten glückliche Tage verbracht hatten, die letzten vor ihrer Trennung. Er bewohnt das Zimmer, das sie bewohnt haben, und schreibt dort an der Geschichte seiner frühen Jahre, erzählt sie mit der Distanz des Schriftstellers als eine auch fremde Geschichte: Er greift zu den Mitteln und Freiheiten des Romans, um der Geschichte seiner Sexualität, die zugleich die Geschichte seines beginnenden Schreibens ist, einen Rahmen zu geben, eine Lebenslegende, die doch nah an der eigenen schmerzlichen Wahrheit bleibt, zu der auch die gescheiterte Ehe seiner Eltern gehört.
Der Krieg hat die Eltern zusammengewürfelt, die junge Schauspielerin aus Wien und den talentierten Kriegsheimkehrer mit verlorenem Bein aus Hannover, der vor dem Nichts stand. Alles, was sie wollen, ist der Enge ihrer Zeit entfliehen, jeder auf seine Art, daran zerbricht ihre Ehe. Der kleine Sohn kommt ins Internat, ein Drama der Details nimmt seinen Lauf, jenseits aller verstehenden Sprache auf einer Klinge aus so beklemmender wie betörender Gewalt. In seinem autobiografischen Roman dringt Kirchhoff in die Tiefen des eigenen Abgrunds vor. Dabei erzählt er vom Eros einer Kindheit und Jugend, davon, wie Wörter zu Worten wurden und daraus schließlich das eigene Schreiben, der Weg hin zur Literatur.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.07.2018

Judith von Sternburg lernt bei Bodo Kirchhoff einmal mehr, dass Schreiben das Gegenteil von Erfinden und Lügen ist. Wie der nun siebzigjährige Kirchhoff hier die Geschichte seiner Schriftstellerwerdung aufschreibt, findet die Rezensentin weder besonders sympathisch noch souverän. Aber so ist es, stellt sie fest und entdeckt auch nicht ein uninteressantes Detail, wenn der Autor unvergessliche Szenen aus seiner Kindheit und Jugend rekonstruiert, aus Internats- und Frankfurter Bohemetagen, von der Mutter und vom Missbrauch durch einen Lehrer, akribisch genau, chronologisch und doch auch erdacht. Kirchhoffs (Un-)Sittenbild findet sie manchmal peinlich, immer erstaunlich, vor allem, da Kirchhoff für all das die Sprache gefunden hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.07.2018

Den "Meister des gemäßigten Kitsches" nennt Rezensent Roman Bucheli ihn - Bodo Kirchhoff, der mindestens alle zwei Jahre einen weiteren Wälzer auf den Markt schießt und es trotzdem schafft, nicht in der Kraftrille namens Kitsch und Sentimentalität hängen zu bleiben. Und das sogar, wenn es ganz eindeutig autobiografisch wird, wie in seinem neuen Roman "Dämmer und Aufruhr". Hier wendet sich der inzwischen Siebzigjährige seiner Kindheit und Jugend zu, erklärt Bucheli, und es wundert kaum, dass da wieder einmal die wohlvertrauten Figuren aus einigen seiner Romane auftauchen und zwar ein paar der dunkelsten. Scham- und schonungslos beleuchtet der Autor die düsteren Ecken seiner Biografie, in deren Zentrum, wie eigentlich immer in Kirchhoffs Romanen, das sexuelle Begehren steht, lesen wir. Der direkte und indiskrete Blick, zu dem Kirchhoff seine Leser zwingt, erlaubt jedoch keine Anklage ohne Selbstreflexion. Geschickt, findet der offenbar überzeugte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2018

Als "zweifellos besten" Roman von Bodo Kirchhoff preist Rezensent Tilman Spreckelsen "Dämmer und Aufruhr", in dem der Autor einmal mehr über seine Erinnerungen an Missbrauch im Internat, ödipale Nähe zur Mutter und Abwesenheit des Vaters schreibt. "Souveräner" erscheint dem Kritiker der siebzigjährige Autor allerdings heute, wenn er mit bebender Trauer, aber auch mit relativierender Distanz die Einsamkeit des Jungen mit den Missbrauchserlebnissen verknüpft, aber auch spürbar mit den Erinnerungen ringt. Und wie Kirchhoff auf drei verschiedenen Erzählebenen Erfahrenes schichtweise freilegt, etwa wenn er die Sprachlosigkeit der Mutter noch auf dem Sterbebett schildert - und dabei doch Leichtigkeit bewahrt, ringt dem Rezensenten ohnehin größte Anerkennung ab.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.06.2018

Rezensent Burkhard Müller staunt, wie gut das Peinliche, etwa die blumig-verklemmte Sprache zum Geschehen passt in Bodo Kirchhoffs Erinnerungen, ob der Autor sich nun an sexuelle Übergriffe im Internat erinnert oder an das ödipale Verhältnis zur Mutter. Auch wie der Autor seine Erinnerungen ordnet, in drei "Zeit-Stockwerken", scheint Müller zu gefallen, ebenso, dass Kirchhoff sich von Fotografien zur Erinnerung anregen lässt. Ein Buch von großer emotionaler Kraft, das von Schmerz grundiert ist, ahnt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 30.06.2018

Bereits 1994/95 hatte Bodo Kirchhoff im Rahmen seiner Poetikvorlesung von seinen frühen Missbrauchserfahrungen im Internat Gaienhofen erzählt, erinnert Rezensent Richard Kämmerlings. Nun habe er seine Erlebnisse in seinem neuen, autobiografisch getönten Roman "Dämmer und Aufruhr" verarbeitet. Anstatt in vereinfachende Opfer- und Täterbeschreibungen zu verfallen, zeichnet Kirchhoff den Missbrauch als Teil des sexuellen Erwachens seines Erzählers, ohne ihn dabei zu verharmlosen, lobt der beeindruckte Kämmerlings. Der Autor zeige außerdem, wie das Verhältnis des Protagonisten zu Intimität auch von der Beziehung des Erzählers zu seiner Mutter geprägt wurde, und verfolge dieses Verhältnis bis zu ihrem Tod. Es ist ein neuer Versuch Kirchhoffs, getreu seiner Poetik mit einer Geschichte den Mangel zu füllen, der jedes Subjekt im Innersten ausfüllt, denkt Kämmerlings. Mit Sprache und Fiktion schlage der Autor Brücken zum Kern der Existenz, schaffe aber auch die nötige Distanz, ohne die nur Unsagbares bleibe - das Resultat dieses kunstvollen Vorgehens scheint den Rezensenten sehr berührt zu haben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.06.2018

Rezensentin Iris Radisch ist ganz hin und weg beim Lesen von Bodo Kirchhoffs Autobiografie, die anlässlich des 70. Geburtstags des Autors erscheint. So war es, pflichtet sie bei, wenn Kirchhoff von Frankfurter Studententagen, von Lektüre und WG-Leben erzählt. Berichtet Kirchhoff dagegen in "gemeißelten Sätzen" vom Missbrauch im evangelischen Internat, von schwülen Szenen mit der Mutter, zeigt sie sich verstört. Die Qualen der Entstehung dieses Buches sind für sie immer spürbar, aber auch etwas Feierliches, Suhrkamphaftes, das sie ganz melancholisch macht.