Klappentext

Aus sechs Perspektiven erzählt der Roman von einem großen Verrat, einer Denunziation. Das Opfer: der Großvater des inzwischen in Berlin lebenden Erzählers, der 1960 in der Sowjetunion hingerichtet wurde. Unter Verdacht: die eigene Verwandtschaft. "Sechs Koffer" ist eine Erzählung über sowjetische Geheimdienstakten, über das tschechische Kino der Nachkriegszeit, vergiftete Liebesbeziehungen und die Machenschaften sexsüchtiger Kultur-Apparatschiks. Zugleich ist es aber auch eine Geschichte über das Leben hier und heute, über unsere moderne, zerrissene Welt, in der fast niemand mehr dort zu Hause ist, wo er geboren wurde und aufwuchs.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.09.2018

Rezensent Jens-Christian Rabe nimmt den Daumen hoch angesichts von Maxim Biller auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Billers neuer Roman überzeugt ihn mit einer für den Autor relativ "unkämpferischen" Introspektion in die eigene Familiengeschichte und in das Verhältnis von Verrat und Vertrauen, existenzieller als noch in Billers Buch "Biografie", findet der Rezensent. An Billers karger Figurenzeichnung stört sich Rabe wiederum nicht, und er freut sich über die stilistische Eleganz, die ihn auch diesen Text eher wie einen erzählten Essay erleben lässt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2018

Danke, aber nein, danke, denkt sich Rezensentin Susanne Klingenstein nach Lektüre von Maxim Billers Roman "Sechs Koffer". Die Protagonisten sind Pappfiguren, die ihr auch durch vorgesetzte Adjektivreihen nicht interessanter werden. Besser gefällt ihr schon die Erzählstruktur, die sich aus fünf verschiedenen Perspektiven zusammensetzt, die bei ihr genau jenes Gefühl des Misstrauens an allem Erzählten entstehen lassen, die faschistische System auszeichne. Aber die gehässige und "stereotype" Sprache verleidet ihr den Roman: "unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht" oder "deutsches Vogelscheuchen-Gesicht" sind keine Beschreibungen, die ihr echte Personen näher bringen. Sobald Biller ihr nahe legt, "dass es sie als Deutsche überhaupt nichts anging", wer hier wen umgebracht hat, klappt sie das Buch erleichtert zu.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.08.2018

Knapp, aber freundlich bespricht Iris Radisch Maxim Billers neuen Roman "Sechs Koffer". Einmal mehr taucht sie hier ein in die geheimnisvolle Familiengeschichte der Billers, begegnet abermals, wie zuvor schon in Elena Lappins Roman "In welcher Sprache träume ich?" dem Großvater Schmil, der im Roman von Billers Schwester im sowjetischen Arbeitslager starb, bei Maxim Biller indes in einem Moskauer Schauprozess wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen verurteilt und vermutlich hingerichtet wurde, wie Radisch resümiert. "Seelisch Kleingedrucktes" ist Billers Sache nicht, Pointen und das Spiel der Vagheit beherrscht er allerdings "verdammt gut", lobt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.08.2018

Rezensent Ulrich Gutmair sieht "Sechs Koffer" als Beweis dafür, dass Maxim Billers schonungslose Art besonders seinen literarischen Texten gut tut. In dem Roman versuche ein junger Mann jüdisch-russischer Abstammung herauszufinden, welches Familienmitglied die Schwarzmarktgeschäfte seines Großvaters an den KGB verraten hat und damit seinen Tod zu verantworten hat, so Gutmair. Die einzelnen Kapitel widmen sich laut Rezensent jeweils der Geschichte eines Familienangehörigen, sie seien von Konzentrazionslagererfahrungen und der Konfrontation mit dem Antisemitismus in sozialistischen Ländern geprägt. Am Ende der "forschenden Fiktion", wie Biller seine literarischen Texte selbst nenne, bleibt für Gutmair nur eine Frage: Wie kann ein Leben ohne Verrat in so kaputten Zeiten überhaupt gelingen?

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.08.2018

Andreas Rosenfelder hält Maxim Billers Familiengeschichte über Verrat und Flucht für puren Filmstoff, eine Art "jüdische Buddenbrooks" mit einem Touch Kafka. Dass Rosenfelder nie genau weiß, wer sich in diesem Buch was ausgedacht haben oder wissen soll, verbucht er als Plus des Textes, dessen Widersprüche im Kopf des Erzählers zusammenfinden, so der Rezensent. Das historische Erzählen wird zwar gestört, doch die "Moral des Misstrauens" erscheint Rosenfelder beim Lesen als logische Folge totalitärer Erfahrung und Biller als ein durchaus moralischer, "ganz großer" Schriftsteller.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.08.2018

Roman Bucheli erfährt aus Maxim Billers neuem Roman, was Krieg, Antisemitismus und Totalitarismus mit den Menschen machen, wie sie das Misstrauen schüren und die Wahrheit korrumpieren. Kühn, klug und tragikomisch findet Bucheli, wie der Erzähler, den er mit dem Autor gleichsetzt, über ein Familiengeheimnis berichtet und dabei auf jede Verlässlichkeit pfeift, ohne jedoch das Exemplarische an der persönlichen Geschichte aus dem Blick zu verlieren. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, selten hat ein Roman das dem Rezensenten auf so irrwitzige wie beklemmende Weise vor Augen geführt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.08.2018

Cornelia Geißler scheint Maxim Billers neues Buch zu mögen. Vor allem, wie der Autor Wahrheit und Zweifel mischt, sodass der Leser beides gleich überzeugend findet, ohne aber das Geheimnis hinter der erzählten Familiengeschichte zu erfahren, hat ihr gefallen. Warum musste der Großvater sterben? Wer hat ihn in den sechziger Jahren in Moskau an den KGB verraten? Auch die schiere Dichte des Erzählten, Flucht, familiärer Neid, Verwandtschaft und Liebe, findet Geißler staunenswert. Kunstvoll erscheint ihr des Weiteren Billers schachtelartiges Wechseln der mannigfachen Perspektiven, für die der Autor laut Rezensentin immer den richtigen Ton findet, mal pathetisch, mal melancholisch, aber immer intensiv.