9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

America Alone

03.02.2025. Die "Demos gegen rechts" machen der taz Hoffnung: Helfen sie, die AfD-Stimmen zu reduzieren? "Noch nie war es für Islamkritiker in Europa so gefährlich wie heute", warnt Hamed Abdel-Samad nach dem Mord an Salwan Momika in der NZZ. Die taz fragt: Wie kann Europa mit den Gewalttraumatisierungen von Flüchtlingen menschlich umgehen? Zeit online hat eine gute Nachricht: Flüchtlinge helfen gegen rechts.

In einer schon mürben Gesellschaft

01.02.2025. Die kritischen Stimmen zu Friedrich Merz überwiegen. Er übertreibt die Bedrohungslage, findet die SZ, er sucht Mehrheiten mit den Rechtsextremen, so die taz. In der Welt macht Thomas Schmid allerdings auch auf den Beitrag der Linken zum Aufstieg der AfD aufmerksam. Die NZZ erzählt von den "Rattenlinien" der schlimmsten Nazi-Verbrecher: Sie retteten sich mit Hilfe des Vatikan nach Südamerika und mithilfe des Mufti von Jerusalem in arabische Länder. Der RBB versucht, einige seiner akutesten Krisen aufzuarbeiten, berichten FAZ und SZ.

Die übermächtige Präsenz

31.01.2025. Der Schock über Friedrich Merz' Abstimmungscoup im Bundestag und über die hämisch jubilierende AfD ist groß. Auch die Feuilletons versuchen ihn in vielen Artikeln zu verarbeiten: "Das Konzept der Entzauberung populistischer Demagogie durch den Praxistest hat noch nirgendwo funktioniert", warnt der Historiker Martin Sabrow im Tagesspiegel. Wenig Berichterstattung gibt es bisher über den islamistischen Mord an dem Islamkritiker Salwan Momika in Schweden. Die FAZ hofft auf eine Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Undenkbares einmal zu durchdenken

30.01.2025. "Wenn der Geist des Populismus erst mal aus der Flasche ist, dann kriegt man ihn relativ schwer wieder rein", warnt der Soziologe Steffen Mau im FR-Interview mit Blick auf den Vorstoß der CDU in Sachen Migration. Die Untätigkeit der etablierten Parteien in Rumänien hat zur Wahl des Populisten Calin Georgescu geführt, meint der Schriftsteller Jan Knoeffke in der NZZ. Nur 48 Prozent der Weltbevölkerung glauben daran, dass der Holocaust stattgefunden hat, hält Marina Rosenberg, Präsidentin der Anti-Defamation League in den USA, im Zeit-Gespräch fest.  

Aus Rücksicht auf Atheisten

29.01.2025. In der FAZ ruft der Rechtshistoriker Samuel Moyn die Liberalen auf, sich vom Neoliberalismus zu befreien. Die Welt findet indes, Europa solle sich ein Beispiel an Trumps Nationalismus nehmen. In der FR verteidigt der Ökonom Jeffrey Sachs Russland. Der NS-Historiker Ulrich Herbert (taz) und der Rechtswissenschaftler Lothar Zechlin (FAZ) protestierten gegen die Resolution gegen Antisemitismus an Hochschulen.

Darf ich denn wieder?

28.01.2025. Putin stellt sich neben Hitler und Stalin und alle Welt schaut zu, sagt der Holocaust-Überlebende Roman Markovych Shvartsman im FR-Interview. Indes erinnern die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse und die Literaturübersetzerin Iryna Herasimovich bei Geschichte der Gegenwart daran, wie Alexander Lukaschenko einst Hitler unverblümt als Vorbild bezeichnete. LeJournal.info klärt Frankreichs Rechte und Linke auf: Gaza ist nicht Auschwitz. Auf Zeit Online wünscht sich der liberianische Politikwissenschaftler Gyude Moore eine europäische Führungsrolle.

Wir beobachten geistige Brandstiftung

27.01.2025. Heute vor achtzig Jahren wurde Auschwitz von der Roten Armee befreit. Aktuelle Ereignisse durchbrechen die eingespielte Gedenkroutine. Michel Friedman erklärt in einer Gedenkrede, abgedruckt in der SZ, warum er genug hat von der Behauptung, man könne nicht mehr tun gegen wachsenden Antisemitismus in Deutschland - der Staat habe sehr wohl die Mittel sich zu wehren. Außerdem wundert sich Timothy Garton Ash im Spiegel-Gespräch: Wenn man sich den deutschen Wahlkampf anguckt, könnte man auf die Idee kommen, wir lebten noch im Frieden.

Überhaupt keine Frage

25.01.2025. Die Ära des Luxuspazifismus, in der die Europäer jahrzehntelang lebten, ist jetzt vorbei, hält Peter Sloterdijk im FR-Interview fest. Die EU darf die Belarussen nicht alleine lassen, fordert der Oppositionelle Valery Kavaleuski in der taz mit Blick auf die anstehenden Wahlen. Kein Preis ist zu hoch für die Freilassung der Geiseln, betont die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev im SZ-Gespräch. Im Spon-Interview erklärt Iwan Kolpakow, Chefredakteur des unabhängigen russischen Online-Mediums Meduza, wie die russischen Repressionen die Finanzierung des Portals bedrohen.

Das Meiste aber war frei fabuliert

24.01.2025. Mauer Tag heute. Die NZZ macht eine Bestandsaufnahme der Situation in Syrien, wo Ahmad al-Sharaa (früher Al Dscholani) das Gleichgewicht zwischen seinen islamistischen Kämpfern und den kriegsmüden syrischen Bürgern halten muss. Vielleicht gibt es bald keine Juden mehr in Europa, weil die sich in den Golfstaaten und Marokko sicherer fühlen als hier, meint Leon de Winter in der Jüdischen Allgemeinen. Die FAZ empfiehlt eine Ausstellung im Folkwang Museum, wo die Bilder von Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge veranschaulichen, wie Reportage als Werkzeug der Aufklärung dient.

Die Kolonisierung des Innen, der Psychen und der Triebe

23.01.2025. In der Zeit schildert die Ökonomin Shoshana Zuboff, wie Staatsmacht und Privatmacht in den sozialen Medien fusionieren - und wie sie Bluesky vor Manipulation schützen will. In der NZZ erzählt Irina Rastorgujewa, mit welchen falschen Versprechen die russische Regierung Ausländer nach Russland lockt. Hanser-Verleger Jo Lendle erklärt im Zeit-Gespräch, warum er jetzt englischsprachigen Verlagen Konkurrenz machen will. Und der Fall Gelbhaar ist weder für die Grünen, noch für den RBB ausgestanden.