9punkt - Die Debattenrundschau
Das Meiste aber war frei fabuliert
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2025. Mauer Tag heute. Die NZZ macht eine Bestandsaufnahme der Situation in Syrien, wo Ahmad al-Sharaa (früher Al Dscholani) das Gleichgewicht zwischen seinen islamistischen Kämpfern und den kriegsmüden syrischen Bürgern halten muss. Vielleicht gibt es bald keine Juden mehr in Europa, weil die sich in den Golfstaaten und Marokko sicherer fühlen als hier, meint Leon de Winter in der Jüdischen Allgemeinen. Die FAZ empfiehlt eine Ausstellung im Folkwang Museum, wo die Bilder von Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge veranschaulichen, wie Reportage als Werkzeug der Aufklärung dient.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
24.01.2025
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Politik
47 Tage nach Sturz des Assad-Regimes macht die deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri in der NZZ eine Bestandsaufnahme der Situation in Syrien, wo Al-Dscholani, der sich jetzt wieder Ahmad al-Sharaa nennt, eine vierjährige Interimsregierung angeordnet hat, in der überwiegend Islamisten, aber weder ein Alawit noch ein Schiit, noch ein Druse oder ein Christ sitzt. Neunzig Prozenzt der Menschen in Syrien leben in Armut, das Land ist ohne Verfassung, das Assad-Regime hat die Institutionen hohl zurückgelassen, schreibt Amiri. Aber auch Sharaa lebt gefährlich, erfährt sie von dem Syrien-Experten Daniel Gerlach: "Sharaas Bart ist inzwischen kürzer geworden, er trägt jetzt Anzug und Krawatte, sieht immer mehr aus wie ein Typ aus der Startup-Szene, immer weniger wie der Islamist, auf den die USA ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar ausgesetzt haben - und aus der Zeit, als er noch Al-Kaida-Kämpfer war. 'Seine islamistischen Gefolgsleute haben Erwartungen und werden ihm, auch wenn er im Moment große Autorität genießt, nicht für immer bedingungslos folgen', sagt Gerlach. Gerade solche Gesten, wie eine Krawatte anzuziehen, bedeuteten für viele aus dem islamistischen Spektrum eine Anbiederung an den Westen. 'Bei manchen von diesen Islamisten gilt das sogar als 'Kufr', arabisch für Unglaube.' Im Moment sind Sharaas wichtigste Stütze die Bürgerinnen und Bürger. Sie fordern ein inklusives Modell für alle Syrer, ungeachtet der Religion und Ethnie. 'Jetzt ist der Moment der syrischen Zivilgesellschaft', sagt der syrische Arzt und Aktivist Zaidoun al-Zoabi, der seit Jahren eine medizinische Hilfsorganisation leitet und sich für den Frieden einsetzt."
Er sei überzeugt, dass Europa bereits 2040 "judenrein" sei, erklärt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, vor allem mit Blick auf die "Präsenz einer immer größer werden muslimischen Minorität". Heute sei es sicherer sich als "Jude mit einer Kippa in den Golfstaaten zu bewegen, als in Berlin", glaubt er: "Die Herrscherhäuser am Golf oder in Marokko stehen den Juden sehr aufgeschlossen gegenüber. Bemerkenswerterweise sind gerade sie es, die die Länder in der arabischen Welt voranbringen wollen. Das alles kann einen neuen Nahen Osten hervorbringen, natürlich nicht unmittelbar heute, aber in zehn Jahren vielleicht. Auch deswegen machte Yahya Sinwar einen Riesenfehler, als er das Massaker vom 7. Oktober befahl. Er gab damit den Israelis die Chance, spätestens mit den explodierenden Pagern im Libanon, der gesamten arabischen Welt zu beweisen, dass sie klüger und stärker sind und auch nicht einfach so von der Bildfläche verschwinden werden. Letztendlich brachte er Israel mit der arabischen Welt damit näher zusammen."
Er sei überzeugt, dass Europa bereits 2040 "judenrein" sei, erklärt der niederländische Schriftsteller Leon de Winter im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, vor allem mit Blick auf die "Präsenz einer immer größer werden muslimischen Minorität". Heute sei es sicherer sich als "Jude mit einer Kippa in den Golfstaaten zu bewegen, als in Berlin", glaubt er: "Die Herrscherhäuser am Golf oder in Marokko stehen den Juden sehr aufgeschlossen gegenüber. Bemerkenswerterweise sind gerade sie es, die die Länder in der arabischen Welt voranbringen wollen. Das alles kann einen neuen Nahen Osten hervorbringen, natürlich nicht unmittelbar heute, aber in zehn Jahren vielleicht. Auch deswegen machte Yahya Sinwar einen Riesenfehler, als er das Massaker vom 7. Oktober befahl. Er gab damit den Israelis die Chance, spätestens mit den explodierenden Pagern im Libanon, der gesamten arabischen Welt zu beweisen, dass sie klüger und stärker sind und auch nicht einfach so von der Bildfläche verschwinden werden. Letztendlich brachte er Israel mit der arabischen Welt damit näher zusammen."
Europa
In Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Sergej Vakulenko vom Thinktank Carnegie Russia Eurasia Center, was es mit der russischen Schattenflotte auf sich hat, von der, seit der Tanker Eventin vor Rügen liegengeblieben ist, viel gesprochen wird. Gemeint sind Schiffe, mit denen Russland die westlichen Sanktionen umgeht. Einige sind in russischem Besitz, andere fahren unter der Flagge von Drittstaaten. Europa und die USA können da nicht viel machen, meint Vakulenko: "Sie haben Einfluss auf europäische und amerikanische Unternehmen, auf solche, die im Westen versichert sind und auf die, die ihre Transaktionen in Euro oder Dollar tätigen. Wenn Sie nun aber Geschäftsleute aus Aserbaidschan haben, die ein Unternehmen in Dubai besitzen, ihren in Hongkong versicherten Tanker unter der Flagge der Cook-Inseln aufs Meer schicken und für das russische Öl, das sie transportieren, die Bezahlung in Rubeln oder Yuan erhalten: Da können weder die EU noch die USA viel ausrichten."
Israel hat "im Grunde zwei gleichzeitige Kriege geführt, gegen den Iran und gegen seine Stellvertreter in der Welt", sagt Dani Dayan, Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem, im Tagesspiegel-Gespräch. Der Hass auf Juden verbinde die extreme Rechte mit der extremen Linken, fährt er fort, sorgt sich aber vor allem aufgrund der Wahlerfolge der AfD: "Wir beobachten den Aufstieg sehr genau, in der gesamten politischen Landschaft Deutschlands. Und wir sind äußerst besorgt. Diese Entwicklung sollte auch Deutschland besorgt machen. Ich hoffe, dass die AfD unter keinen Umständen Teil einer Regierung wird, weder regional noch national. Das wäre eine Schande für Deutschland, wenn das jetzt passierte."
Israel hat "im Grunde zwei gleichzeitige Kriege geführt, gegen den Iran und gegen seine Stellvertreter in der Welt", sagt Dani Dayan, Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem, im Tagesspiegel-Gespräch. Der Hass auf Juden verbinde die extreme Rechte mit der extremen Linken, fährt er fort, sorgt sich aber vor allem aufgrund der Wahlerfolge der AfD: "Wir beobachten den Aufstieg sehr genau, in der gesamten politischen Landschaft Deutschlands. Und wir sind äußerst besorgt. Diese Entwicklung sollte auch Deutschland besorgt machen. Ich hoffe, dass die AfD unter keinen Umständen Teil einer Regierung wird, weder regional noch national. Das wäre eine Schande für Deutschland, wenn das jetzt passierte."
Geschichte
Bereits im Juli 1944 berichtete die New York Times "zwischen dem 15. April 1942 und dem 15. April 1944" seien "mehr als 1,715 Millionen Juden in zwei 'extermination camps' in 'Upper Silesia' namens Auschwitz und Birkenau ermordet worden", erinnert Sven Felix Kellerhoff in der Welt. Dennoch war die Berichterstattung von Großbritannien über die USA bis Bombay und Jerusalem im Januar 1945 bedeutend zurückhaltender: "Es dürfte an einer Erfahrung gelegen haben, die knapp drei Jahrzehnte zurücklag. Im Ersten Weltkrieg verbreiteten die meisten Blätter in Großbritannien und ab 1917 auch in den USA wüste Propagandabotschaften über die 'Hunnen' und ihre Verbrechen. Zwar gab es vereinzelt wahre Kerne, insbesondere die Massenerschießungen von Zivilisten von Ende August bis Oktober 1914 in Belgien und Nordostfrankreich. Das Meiste aber war frei fabuliert. Aus Sorge, erneut auf Fake News hereinzufallen (auch wenn es dieses Wort noch nicht gab), verbreiteten im Zweiten Weltkrieg die seriösen Zeitungen in den Ländern der Anti-Hitler-Koalition allzu fürchterlich klingende Berichte nicht oder nur sehr abgedämpft."
Im Aufmacher des SZ-Feuilletons erzählt Bernhard Heckler von den Absurditäten seines Besuches in der Gedenkstätte in Auschwitz: "Im Hotelzimmer liegt eine Broschüre mit dem Titel 'Kraków Must See'. Gleich auf der ersten Seite wird Auschwitz-Birkenau beworben. Ab 70 Euro, Abholung beim Hotel in einem klimatisierten Van, Englisch sprechender Fahrer. Direkt auf der zweiten Seite folgt das Angebot für einen Ausflug zu einer 'Extreme Shooting Range': 'Lernen Sie auf dem größten Schießstand in Krakau, wie man mit bis zu 33 verschiedenen Waffentypen umgeht und schießt, darunter auch Kalaschnikow-Gewehre des Typs AK 47. Genießen Sie nach dem Schießtraining ein kaltes Bier.'"
Im Aufmacher des SZ-Feuilletons erzählt Bernhard Heckler von den Absurditäten seines Besuches in der Gedenkstätte in Auschwitz: "Im Hotelzimmer liegt eine Broschüre mit dem Titel 'Kraków Must See'. Gleich auf der ersten Seite wird Auschwitz-Birkenau beworben. Ab 70 Euro, Abholung beim Hotel in einem klimatisierten Van, Englisch sprechender Fahrer. Direkt auf der zweiten Seite folgt das Angebot für einen Ausflug zu einer 'Extreme Shooting Range': 'Lernen Sie auf dem größten Schießstand in Krakau, wie man mit bis zu 33 verschiedenen Waffentypen umgeht und schießt, darunter auch Kalaschnikow-Gewehre des Typs AK 47. Genießen Sie nach dem Schießtraining ein kaltes Bier.'"
Medien

In der Welt hat Christian Meier bei dem Medienanwalt Markus Hennig noch einmal nachgefragt, welche Fehler vor allem der RBB in der Berichterstattung im Fall Gelbhaar (unsere Resümees) gemacht hat: "Die Redaktion des RBB hätte sich mit der Person unterhalten müssen, sagt Hennig, 'hätte sich mit der Motivation der Person beschäftigen müssen, hätte sich einen Eindruck verschaffen müssen. Auch das Justiziariat des RBB hätte die persönlichen Angaben überprüfen können, ebenso die Glaubhaftigkeit der Vorwürfe. Die Sorgfaltspflichten im Fall Gelbhaar scheinen vom RBB außergewöhnlich massiv verletzt.' In der RBB-Stellungnahme heißt es lediglich: 'Die hinter der eidesstattlichen Versicherung liegende Identität ist von der Redaktion nicht ausreichend überprüft worden.'"
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