9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Um 3,5 Grad kippen

28.04.2025. Für Befremden, ja Empörung in den Feuilletons sorgt die Entscheidung Friedrich Merz', ausgerechnet den Journalisten Wolfram Weimer zum Staatsminister für Kultur zu küren, der bisher nicht durch kulturpolitische Taten, dafür aber mit unseriösen reaktionären Traktaten hervorgetreten ist. Das Wiener Haus der Geschichte soll aus jenem Haus, in dem die Geschichte gemacht wurde, ausziehen, berichtet die NZZ. Außerdem warnen wir in diesen späten April- und und frühen Maitagen vor einem äußerst dichten Cluster historischer Gedenktage: Die FAZ erinnert zunächst mal an 75 Jahre Montanion und fünfzig Jahre Ende des Vietnamkriegs.

Der letzte Mensch

26.04.2025. In der FAZ erklärt der amerikanische Verfassungsrechtler Bruce Ackerman, dass die Gerichte in den USA Donald Trump nicht werden stoppen können: Das können nur die Wähler 2026. In der SZ erklärt Timothy Snyder, warum Trump obsolet werden könnte, wenn seine digitalen Oligarchie-Kameraden das Ruder übernehmen. In der FAS erzählt der Medienwissenschaftler Roland Meyer, wie KI von ebendiesen Oligarchen benutzt wird, Geschichte umzuschreiben. In der taz erklärt der Politologe Marc Saxer, wie ein neuer Westfälischer Frieden aussehen könnte: ganz ohne demokratische Missionierung.

Ungeniert und ungestraft

25.04.2025. Trumps Verachtung für die Ukraine ist Verachtung für Demokratie, die sich im klaren sein sollte, was ihr blüht, wenn er mit seinem "Friedensplan" durchkommt, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Trump will sich de facto die Ukraine mit Russland teilen, meint auch Thomas Avenarius in der SZ. Unter dem Beifall von Putins fünften Kolonnen im Westen verabschieden sich die USA von ihrer Rolle als Führer der freien Welt, konstatiert Laurent Joffin in lejournal.info. Außerdem geht's in FAZ und SZ nochmal um Omri Boehm.

Das erste Gesetz auf dem Schulhof

24.04.2025. Die AfD ist laut einer Forsa-Umfrage erstmals stärkste Partei in Deutschland. Was tun? Die Demokraten brauchen ein überzeugendes Zukunftsmodell, meint der Friedensforscher Daniel Mullis in der FR. Wie wärs mit der im Wahlkampf versprochenen Mitte-Rechts-Politik, fragen die Ruhrbarone. Lehramtsstudenten an der FU Berlin glauben tatsächlich, dass Juden die Welt beherrschen, lernt man aus einem taz-Interview mit dem Studenten Lahav Shapira. Die SZ recherchiert zu den Single Use Agents, die Russland für Sabotageakte in der EU einsetzt.

Youtubemäßig

23.04.2025. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten Europas sollten aufrüsten, sich verbünden und eine Plattform gegen Youtube und Tiktok schaffen, meint die SZ. In Zeit online versucht der Jesuitenpater Klaus Mertes das religiöse Programm Peter Thiels und seiner Kreatur J.D. Vance zu entschlüsseln. Im kanadischen Wahlkampf führt Trumps Wüten zu einer Blüte des Liberalismus, erzählt der Politologe John Grant in der taz. Die Jüdische Allgemeine fragt: Warum lieben die Deutsche Omri Boehm so? In der Welt will sich Rüdiger Safranski endlich von der AfD dulden lassen.

Selektive Solidarität

22.04.2025. Papst Franziskus war "sympathisch auf der menschlichen Ebene", konstatiert Volker Reinhardt im Zeit-Online-Interview. Trotzdem kühlte die Begeisterung für sein Pontifikat schnell ab, stellt die SZ fest. Im Perlentaucher blickt Claus Leggewie auf die nochmalige Verschärfung des Tons zwischen Algier und Paris. In der taz prangert palästinensische Aktivist Hamza Howidy die "propalästinensischen" Aktivisten im Westen an, deren Unterstützung eher der Hamas als den Palästinensern zu gelten scheint.

Mythos nationaler Wiederauferstehung

19.04.2025. Wir haben kein neues 1933, sondern ein neues 1914, prophezeit der Ökonom Branko Milanovic in der FR. Die belarussische Aktivistin Palina Sharenda-Panasiuk berichtet in der FAS von den Zuständen in Lukaschenkos Gefängnissen. Die taz erzählt vom jüdischen Widerstand gegen das NS-Regime. Der Historiker Sven Reichardt denkt in der FAS über den Begriff des "Postfaschismus" nach.

Ein wenig aus der Zeit gefallen

17.04.2025. Der russische Angriff auf das Stadtzentrum Sumys war kein Versehen, sondern die bewährte russische Taktik des "Doppelschlags", erklärt Politico. Die NZZ blickt fassungslos auf ein Stück Pipeline, das die orthodoxe Kirche als eine Art Reliquie für den Heldenmut russischer Soldaten ausstellt. Die Jüdische Allgemeine stellt den islamischen Gelehrten Ali al-Qaradaghi vor, der hinter der Fatwa gegen Israel steckt. In Berlin sind Plakate aufgetaucht, die zum Mord an dem taz-Journalisten Nicholas Potter aufrufen. Das machen doch sonst Rechte, ruft entsetzt die Chefredaktion der taz.

Vor dem Ende des Bürgerkriegs

16.04.2025. Im Sudan hat der Bürgerkrieg mit der Verwüstung des größten Flüchtlingslagers in Darfur durch die RSF einen schaurigen Höhepunkt erreicht, berichten taz und Zeit. Europa (und der Rest der Welt) wirft einen Blick und widmet sich dann wieder Donald Trump. Auch die Demokratiebewegung in Georgien interessiert hier kaum: Nimmt Europa seine eigenen Versprechen ernst, fragt in der FAZ der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili. In der SZ staunt Steven Pinker über die komplette Verachtung der Wissenschaft durch Donald Trump. In der Zeit kritisiert die Politologin Martyna Linartas unsere Erbengesellschaft.

Fragen von Moral und Menschlichkeit

15.04.2025. Gerade jetzt ist die Zeit gekommen, nicht mehr über die Nazizeit zu schweigen, sagt Psychologe Louis Lewitan in der FR. Die humanitäre Krise im Sudan verschärft sich mit jedem Tag, warnt die SZ. In Meduza erfahren wir, wie sich der russische Diskurs über Amerika ändert, welches Putins Propagandisten unter Trump in viel rosigerem Licht erscheint. Und die taz sagt Ja zu "Ja heißt Ja".